Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- Seite 400 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite in Erwägung gezogen. Der Sultan ließ durch seine Vertreter zunächst seine vollen Sympathien für das jüdische Volk erklären, aber die Zugeständnisse, dieSe. Ma j estä t einer jüdischen Ansiedelung zu machen sich bereit erklärte, konnten nicht als ausreichend nach unserem zionistischen Programm erkannt werden. Die Verhandlungen sind somit auch diesmal ohne Resultat geblieben. Indessen ließ der Sultan Herrn Dr. Herzl seiner Achtung und Sympathie versichern. Die Verbindung ist keineswegs abgebrochen. Wir dürfen vielmehr hoffen, daß der Vortheil, welchen eine geordnete und rechtlich gesicherte Ansiedelung der Juden nach unserem Programm bedeutet, von der türkischen Regierung noch Ln vollem Amfang eingesehen werden wird. Für diesen Zeitpunkt müssen sich die zionistischen Organisationen vorbereiten; die Agitation muß unablässig betrieben und die materiellen Mittel müssen gesammelt werden. Je leistungsfähiger unsere Bewegung sein wird, umso schneller und sicherer wird sie ans Ziel kommen." Bericht über die 2. Hauptversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands am 9. Iuli 1902 zu Frankfurt a. M. uwesend sind folgende 28 Mitglieder: Appel-Karlsruhe. Biram- Hirschberg, Blumenthal-Berlin. Doctor-Bruchsal,Einstein-Landau, Feßler-Halle, Freudenthal-Danzig, Goldschmidt-Offenbach, Grünseld-Bingen. Guttmann-Breslau, Guttmann-Kulm, Hochseld-Frankfurt a. O., Jacob-Göttingen, Landau-Weilburg, Levi-Alzey. Lewit- Birkenfeld, Lucas-Glogau. Maybaum-Berlin, Pinkus-Heidelberg, Plaut- Frankfurt a. M., Posner-Karlsruhe, Salfeld-Mainz, Samuel-Essen, Sander-Gießen, Seligmann-Frankfurt a. M., Silberstein-Elbing, Vogelstein-Königsberg, Vogelstein-Stettin. Als Gäste nehmen an den Verhandlungen Theil: Finkel-Pasewalk, Posnanski-Pilseu, Stein-Worms. Ihr Ausbleiben haben entschuldigt: Tobias Cohn-Berlin, Bloch- Posen, Elsaß-Landsberg a. W., Freund-Görlitz, Goldschmidt-Kolberg, Kalischer-Bonn. Rosenzweig-Berlin, Nüls-Brannschweig, Selver-Darmstadt, Silberstein-Wiesbaden, Steckelmacher-Mannheim, Walter-Bromberg, Winter-Dresden, Worms-Neustettin, Ziemlich-Nürnberg. Um 9VL Uhr eröffnet der Vorsitzende Vogelstein-Stettin die Sitzung und überträgt unter allgemeiner Zustimmung das Präsidium dem Kollegen Plaut. Dieser übernimmt den Vorsitz mit einigen beifällig ausgenommenen Begrüßungsworten und ersucht die Kollegen Doctor und Lucas als Schriftführer zu fuugiren. Hierauf erstattet Vogelstein-Stettin Namens des Vorstandes Bericht über die Thätigkeit des Vereins seit der im Sommer 1899 abgehaltenen ersten Hauptversammlung. Der Anregung, die Barmizwahfeier durch Ansprache und Segensertheilung seitens des Rabbiners weihevoller auszugestalten, ist in mehreren Gemeinden entsprochen worden. Wiederholt wurden von Kollegen Anfragen an den Vorstand oder an den Vorsitzenden in Bezug auf religiöse Amtshandlungen gerichtet, um ein einheitliches Vorgehen zu erziele:,, und es hat sich mehr und mehr herausgestellt, daß durch die Gründung der liberalen Vereinigung lange Zeit eine schmerzlich empfundene Lücke ausgefüllt worden ist. Dem Kollegen Freund-Görlitz ist zu seinem siebzigsten Geburtstage eine Glückwunschadresse überreicht, an die Hinterbliebenen zweier verstorbener Kollegen sind Beileidsschreiben gerichtet worden. Die mehrfach gemachten Versuche des Vorstandes, schon früher eine Versammlung einzuberufen, hatten nicht den gewünschten Erfolg, da die dieserhalb gehaltenen Umfragen eine zu geringe Betheiligung der Kollegen ergaben, und es dem Vorstände nicht opportun erschien, den Mitgliedern die immerhin großen Opfer an Zeit und Geld zuzumuthen, wenn er ihnen hierfür nicht als Aeguivalent die Aussicht auf eine zahlreich beschickte Versammlung bieten könnte. Die Hoffnung, daß eine im Anschluß all die Tagung des Nabbinerverbandes anberaumte Versammlung die Mitglieder der liberalen Vereinigung in beträchtlicher Anzahl veranlassen werde, im Interesse der guten Sache trotz der Anstrengungen der vorhergehenden Tage noch einen Tag länger in Frankfurt zu verweilen, hat sich erfreulicherweise erfüllt, eine größere Zahl von Kollegen ist freilich zu ihrem und unserem Bedauern durch Amtspflichten und Gesundheitsrücksichten äni Erscheinen verhindert. Die Mitgliederzahl beträgt gegenwärtig 57. Dem Schmerze über den Hintritt der Kollegen Sondheimer-Heidelberg und Singer-Koblenz giebt der Bericht entsprechenden Ausdruck, und die Versammlung ehrt das Andenken der Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen. Nachdem Plaut als Schatzmeister der Vereinigung den Kassenbericht erstattet hatte, und dem Vorstande auf Antrag der Revisoren Entlastung ertheilt war, fand eine längere Diskussion über den Bericht und die Festsetzung der Tagesordnung statt, an welcher sich Seligmanu, Guttmann-Breslau, Vogelsteiu-Stettiu, Jacob und Salfeld betheiligten. Sodann nahm zu Punkt 2 der Tagesordnung: „Welche Maßnahmen sind zu treffen, um Ehegatten, die durch Laudesgesetz geschieden sind, auch zu der religiösen Scheidung anzuhalten, sobald der eine oder der andere Theil die letztere verweigert" — Plaut nahm in Vertretung des zum Referenten über diese Frage bestellten abwesenden Walter-Bromberg das Wort und setzte aus einander, daß eine gerichtlich geschiedene Ehefrau, die sich weigere, den rituellen Scheidebrief in Empfang zu nehmen, als (Widerspenstige) zu behandeln sei, und daß die rabbinischen Vorschriften in diesem Falle die Bestellung eines (Bevollmächtigten, Prokurators) gestatten, dem der Scheidebries unter den üblichen Formalitäten übergeben wird, worauf der gewesene Ehemann sich wieder nach jüdischem Ritus verheirathen kann, während die Ehefrau erst dann als rituell geschieden zu betrachten ist, wenn sie den Scheidebrief aus der Hand des Bevollmächtigten in Empfang genommen hat. — Weigert sich hingegen der Eherna un, einen Scheidebries auszustellen, so gebe es außer der moralischen Einwirkung, an der es der Rabbiner nicht fehlen lassen dürfe, kein Zwangsmittel, um die Ehe nach dem Gesetze Moses und Israels aufzulösen und der Ehefrau die Wiederverheirathung zu ermöglichen. Hieran knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, an welcher zum Theil unter Bezugnahme auf ähnliche schwierige Fragen des jüdischen Eherechtes und unter Mittheilung von Erfahrungen ans der eigenen Praxis die Mehrzahl der Anwesenden sich betheiligte. Punkt 3: Antrag Winter: „Herausgabe einer Uebersetzung des Pentateuch mit Haftaroth in handlicher Form, insbesondere für Fraueil bestimmt." wurde, da der Antragsteller nicht anwesend war von der Tagesordnung abgesetzt. Der den vierten Punkt der Tagesordnung bildende Antrag Vogelstein-Königsberg und Hochfeld-Fränkfurt a. O.: „Bearbeitung einer systematischen Theologie des Judenthums" wurde als besondere wichtig anerkannt und ausführlich behandelt. Zunächst legte de: erstgenannte Antragsteller die Bedeutung und Tragweite des Antrages klar, setzte auseinander, wie sehr eine systematische Theologie von einem Jeden, der religionswissenschaftlich thätig sei, vermißt werde und empfahl, nachdem er die verschiedenen einzuschlagenden Wege beleuchtet, folgende mit dem Korreferenten Hochfeld vereinbarten Reso lutionen: 1. „Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands erklär! die systematisch - wissenschaftliche Darstellung der jüdischen Glaubens ulld Sittenlehre des Judenthums für ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit. 2. Die Versammlung beschließt, die Herausgabe zwanglos erscheinender Studienhefte über jüdische Glaubens- und Sittenlehre iigeeigneter Weise zu fördern. Die Resolutionen begründet und befürwortet in eingehendster Weiß und in lichtvoller Darstellung Hochfeld; beide Referenten ernten sin ihre Anseinandersetzungen reichen Beifall. In der sich nun entspinnenden Debatte weist Gnttmann-Breslan aus die Schwierigkeit und Wichtigkeit der Aufgabe hin. die nur vor. einer wissenschaftlichen Gesellschaft gelöst werden könne. Er befür wortet die Bildung einer solchen und deren Unterstützung durch dß liberale Vereinigung. Lucas spricht sich gegen die Resolutionen aus, da anderweitig ein derartiges Unternehmen im großen Stile geplant werde, dessen Ins lebentreten man nicht stören solle. Plaut schließt sich dem Vorschläge Guttmanns an und wünsch! die Einsetzung einer Kommission, welche die Gründung einer wissen schaftlichen Gesellschaft in die Wege zu leiten hätte. Maybaum befürwortet die Resolutionen und den Antrag Plaut. Jacob hält es für wünschenswert^ daß die Vereinigung der liberalen Rabbiner gleichsam der Kristallisationspunkt der literarischen