Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- Seite 398 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Und wie diesem Begriff der Nächstenliebe die Idee der Menschenschöpfung nach göttlichem Ebenbilde zu Grunde liegt, so hat das Gebot der Menschenliebe, das alle Menschen umfassen soll, die sittliche Bildung und Vervollkommnung als Verwirklichung der Gottähnlichkeit, als Hervortreten derselben in unserem Thun und Lassen zur festen Grundlage. In dem Bibelabschnitt, der die Heiligkeit des göttlichen Namens zu seinem Ausgangspunkte nimmt, bildet das Gebot: „Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" der zweite Theil des Verses: „Uebe keine Rache, bewahre nicht den Haß!" (III. M. 18.). . Also selbst gegen den Bösewicht darf man keinen Haß empfinden, sondern: „Schaffe das Böse fort aus deiner Mitte" (II. M. 20), ist der Rath der biblischen Weltanschauung für solche Fälle, wo der moderne Ethiker zwar nicht Lynchjustiz, wohl aber die Prügelstrafe empfiehlt. Bei einer Anschauung, für die die Idee der Menschheit als solche „gar keinen Werth hat", kann das allerdings kaum Wunder nehmen. Unserer Anschauung aber müssen solche Lehren immer fremd bleiben. Für uns ist die Idee der Menschheit als solche von höchstem Werth, weil in dieser Idee die Keime aller großen Gedanken der Vergangenheit und aller großen Hoffnungen für die Zukunft liegen. Und die Selbstlosigkeit, mit der Israel diese Idee gehegt und gepflegt hat, liegt für jeden Unbefangenen klar zu Tage. Wir haben von der Humanität, für die wir allezeit gekämpft, bisher am wenigsten „profitirt" und haben auch kein anderes Interesse an der allgemeinen Menschenliebe und Brüderlichkeit, als alle Diejenigen, die für den Fortschritt des Menschengeschlechtes arbeiten. Nein, vor die Wahl zwischen alter und moderner Ethik gestellt, kehren nur freudig und zuversichtlich zu unserer alten Bibel zurück und bekennen mit ihr: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Me Woche. Berlin, 20. August. wichtigste Nachricht, die wir unseren Lesern aus dieser Woche mitzutheilen haben, ist die, daß einer der Wünsche, für welche die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" seit einem Menschenalter fast mit allem Eifer eingetreten ist, nunmehr der Erfüllung sich zu nähern scheint. Es handelt sich nämlich darum, der Wissenschaft des Judenthums die Hilfe zu bringen, deren sie gar sehr bedarf, und die ihr werden muß, wenn dem Judenthum selbst Hilfe und Rettung kommen soll. Schon 1840 hat es Leopold Zunz in seiner lapidaren Weise ausgesprochen, daß die Emanzipation der Juden erst nach der Emanzipation der Wissenschaft des Judenthums erfolgen könne. Und obwohl das letzte Säkulum es uns leider nur zu deutlich gezeigt hat, wie wahr dieser Ausspruch ist, so ist er doch nicht in das allgemeine Bewußtsein unserer Gemeinschaft eingedrungen, um dort Wurzel fassen zu können. Dies zu erreichen, muß jetzt unser Aller Sorge und Aufgabe sein. Voll der gleichen Anschauung sind sicher auch die Männer erfüllt, die den nachfolgenden Aufruf in die Oefsentlichkeit senden: An nnsere Glaubensgenossen! Die Ueberzengung des Einzelnen voll der Bedeutung und der Wahrheit des Judenthulus sowie auch die Werthschätzung unserer Lehre und unserer Geschichte durch die andersgläubigen Mitbürger steht in genauem Zusammenhang mit der Stellung, welche die Wissenschaft des Judenthums einnimmt. Die Wissenschaft des Judenthums gab den früheren Geschlechtern Halt und Hoffnung, sie gab auch unseren Vorkämpfern stets die Richtung für die Verteidigung und die Abwehr. Unsere Wissenschaft hat in der Neuzeit nicht nur nicht an Bedeutung verloren, sondern ihre Probleme haben sich erweitert und durch die allgemeinen Methoden der Wissenschaft sind sie selbst bestimmter geworden. Wir erkennen, daß die freie wissenschaftliche Bearbeitung unseres Schriftthums eine der allerlebendigsten und tiefsten Quellen der allgemeinen Kultur. deS geistigen und insbesondere des sittlichen Fortschrittes der Menschheit ist und als solche in jedem Kulturstaate anerkannt werden sollte. Diejenigen Gelehrten, welche die Wissenschaft des Judenthums an den Universitäten lehren, haben in der That rühmliche Leistungen hervorgebracht, denen gegenüber wir es an lauter Anerkennung nicht haben fehlen lassen. Wir dürfen darüber aber nicht übersehen, daß ihre Befangenheit dem Judenthum gegenüber ihre Sachlichkeit beeinträchtigt; auch erstreckt sich ihr Wissen meistens auf den Kanon, nicht auf die späteren Quellenwerke des Judenthums. Wir können jedoch auf rein sachliche Beurtheilung und für die spätere Entwickelung unserer Religion und unserer Geschichte auf wissenschaftliche Beachtung nicht verzichten. Dafür einzutreten ist eine Pflicht der Selbsterhaltung, die heiligste Pflicht gegen unsere Religion, aber auch gleich sehr eine Pflicht gegen die Wissenschaft und die allgemeine Kultur. Zunz hat in seiner tiefen Einsicht es ausgesprochen, daß unser Ghetto erst dann schwinden wird, wenn das Ghetto unserer Wissenschaft aufhört. Unsere Zuversicht muß auch darauf gerichtet werden, daß an den Universitäten die von jeder Befangenheit freien Lehrstühle für unsere Wissenschaft begründet werden; die Noth der Zeiten lehrt uns aber, daß diese unsere Emanzipation noch weit im Felde sein dürfte. So gilt es, selbst Hand ans Werk zu legen und eine Organisation zu schaffen, deren Größe der Bedeutung und den Aufgaben unserer Wissenschaft entspricht. Wir planen eine „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums". Diese Gesellschaft soll zuvörderst begabte junge Leute, welche das Universitätsstudium sowie eine der theologischen Anstalten absolvirt haben, und welche Neigung und Beruf zur wissenschaftlichen Arbeit treibt, mit ausreichenden Stipendien versehen, damit aus ihnen ein Stamm von zulänglichen Lehrkräften uns gesichert werde, dessen wir zur Ausbildung unserer Theologen sowie zur würdigen Ausgestaltung unserer Wissenschaft dringend bedürfen. Wir fordern weiterhin gediegene und ausgebreitete, das Ganze unserer Wissenschaft umfassende Werke, welche durch unsere Gesellschaft gefördert und in ausgiebiger Weise unterstützt werden sollen. Die Gesellschaft soll drittens Jahresversammlungen veranlassen, wie sie in anderen wissenschaftlichen Zweigen üblich sind, zu denen die Vertreter unserer Wissenschaft sich einfinden, um den Stand der Fragen zu erörtern und eine Verständigung über die auszuführenden Maßnahmen zn erzielen. Endlich erscheint die Herausgabe einer Zeitschrift oder die Unterstützung eines schon bestehenden Unternehmens geboten, in der werthvolle Einzeluntersuchungen eine Stelle und gellügende Verbreitung finden, und in der eine gründliche und unparteiische Besprechung aller in Frage kommenden Neuerscheinungen veröffentlicht wird. Wir berufen aus Sonntag, den 2. November, 10 Uhr Vormittags eine Versammlung der interessirten Kreise nach Berlin, Wilhelmstraße 118 111, in welcher die Vorbereitungen stattfinden werden und die Konstituirung der Gesellschaft erfolgen soll. Wir zweifeln nicht daran, daß unsere Glaubensgenossen die Be' deutung unseres Planes einsehen und beherzigen und mit Begeisterung für denselben eintreten werden. So möge aus dem Enthusiasmus, der allezeit für das Studium der Lehre mit unserer Religion verbunden war, neues kraftvolles wissenschaftliches Leben sich entwickeln. Direktor Dr. Adler-Frankfurt a. M.. Professor Dr. Bacher-Budapest, Dr. B a n et h-Berlin, Direktor Dr. Bärwal d-Frankfurt a. M' Dr. Br ann - Breslau, Geheimrath Professor Dr. Cohen-Marburg, Professor Dr. Geiger-Berlin, Oberrabbiner Dr. Güdemann-Wien, Rabbiner Dr. Guttm ann-Breslau, Dr. Gustav Karpeles-Berlin, Rabbiner Dr. K ayserl i ng- Budapest, Kirchenrath Dr. Kroner- Stuttgart, Geheimrath Professor Dr. Lazarus-Meran, Geheimrath Dr. Mayer-Karlsruhe. Professor Dr. PhiliPPson- Berlin, Professor Dr. Schwarz-Wien, Oberrabbiner D. Simo ns en-Kopenhagen, Rabbiner Dr. Vo g elfte in-Stettin, Rabbiner Dr. Weiße-Berlin, Rabbiner Dr. Werner- München.