Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Ar. 34 Berlin. 22 August 1902. Zeitung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Naliblner Dr Ludwig Philippson-Komi. Verlags-Grpedition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Inhöll. Leitartikel; Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. — Die Woche. — Bericht über die 2. Hauptversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands am 9. Juli 1902 zu Frankfurt a. M. Waisenfürsorge. Von E. Witt in Breslau. -- Aus den Niederlanden. — Semitischer Antisemitismus. — Die Juden in Rothenburg ob der Tauber. Von Felix Herzfeld-Braunschweig. — Feuilleton; Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. X. — Litterarische Mittlreilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Pasewalk, Aus der Provinz Posen, Hannover, Ahlem, Hamburg, Diez a. d. L., Nürnberg. Stuttgart, Wien. — Bon Nah nnd Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Frede deinen Nächsten wie dich selbst. Berlin, 20. August. s ist eine mehr als sonderbare Ethik, die gegenwärtig von manchen Lehrkanzeln und in verschiedenen Büchern über diese Disziplin verkündet wird. Die großen deutschen Philosophen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts würden nicht wenig erstaunen, wenn sie hören könnten, was ihre Nachfolger als ethische Lehren verbreiten. Wir haben erst vor kurzem Gelegenheit gehabt, mit einem solchen Ethiker abzurechnen, der den Haß gegen eine bestimmte Menschenklasse, die nicht seinem Bekenntniß angehört, vom sozialphilosophischen Standpunkte aus zu rechtfertigen sucht. Heute haben wir es wieder mit einem Lehrer der Ehtik zu thun, der zwar nicht direkt gegen uns hetzt, der aber dem Gebot der Nächstenliebe eine Auslegung angedeihen läßt, gegen welche Diejenigen, die dieses Gebot zuerst der Menschheit gebracht haben, nicht nachdrücklich genug Protestiren können. In einem süddeutschen Blatte ist vor kurzem auf diesen seltsamen Kommentar zu dem Gebot der Nächstenliebe hingewiesen und die folgende Stelle aus dem Buche „Philosophie und Naturerkenntniß" citirt worden, dessen Autor — Professor Dr. Ludwig Busse — gegenwärtig der Nachfolger Immanuel Kants auf dessen Lehrstuhl in der Stadt der reinen Vernunft ist. Die ungezogene Stelle lautet folgendermaßen: „Indem ich das Prinzip der Nächstenliebe als höchstes und fundamentalstes Moralprinzip ausstelle, kann ich aber doch nicht umhin. einige die praktische Anwendung desselben betreffende einschränkende Bemerkungen hinzuzufügen. Ich bin zunächst nicht der Meinung, daß das Prinzip auf alle Menschen in gleicher Weise und in gleichem Maße anzuwenden ist. Die Größe der Nächstenliebe ist einer gewissen Abstufung ebenso fähig als bedürftig; sie muß in einen, angemessenen Verhältmß zur Würdigkeit des Empfängers stehen. Die Guten muß man mehr lieben als die Schlechten. .... Wer aber einen Dritten von einem Bösewicht in niederträchtiger und empörender Weise mißhandelt sieht, ohne den letzteren auf der Stelle zu züchtigen, ohne wenigstens Haß gegen ihn zu empfinden und zn wünschen, daß ihn schwere Strafe für seine Nichtswürdigkeit treffe, der hat, behaupte ich, kein kräftiges moralisches Rückgrat, der hält schwächliche Empfindsamkeit für Moral. Ich will das amerikanische Lhnchverfahreu, das das dem Staate allein zukommende Recht zu strafen selber in die Hand nimmt, und seine Mißbräuche nicht vertheidigen — aber ein gesunder moralischer Kern steckt auch schließlich in ihm .... Gegenüber der modernen Humanitätsschwärmerei, die in dem abgefeimtesten und teuflischsten Verbrecher immer nur den armen Unglücklichen und Verirrten sehen will und sich nicht genug thun kann in der Bethätigung liebevollen Wohlwollens gegen ihn, hat diese sittliche Empörung ihre gute sittliche Berechtigung. Unsere Justiz trägt ihr nicht genug Rechnung: das natürliche moralische Gefühl wird durch sie künstlich eingedämmt und abgeschwächt .... Und so plaidire ich nachdrücklichst für Wiedereinführung der Prügelstrafe, ohne mich durch die Phrasen von verletzten Menschenrechten und verletzter Menschenwürde im Geringsten irre machen zu lassen . . . (S. 275.) „Das Prinzip der Nächstenliebe kann zweitens auch nicht dies bedeuten, daß wir alle Menschen ohne Unterschied ihrer Stellung. Bildung und Nationalität mit derselben Liebe umfassen sollen. Ganz abgesehen davon, daß das praktisch unmöglich ist, weil auf die einzelnen Individuen daun nur ein verschwindender Bruchtheil von Liebe entfallen würde, ist die Forderung, die in dieser Ausdehnung des Prinzips liegt, auch nicht berechtigt. Nur eine unklare, sich selbst mißverstehende Philanthropie, nur ein wässeriger Kosmopolitismus kann die natürlichen Abstufungen, welche die Vorsehung selbst vorgezeichnet hat, zu Gunsten einer die ganze „Menschheit", die iu dieser Abstraktheit doch gar kein Gegenstand der Liebe oder des Hasses sein kann, umfassenden allgemeinen „Menschenliebe" verwischen wollen. Ich bin nun einmal nicht Mitglied der Menschen überhaupt, „Weltbürger", sondern Mitglied meiner Familie, Mitglied meines Volkes, meiner Nasse, meines Kulturkreises. Diese Besondernngen haben ihren Werth; erst in ihnen erlangt die allgemeine Idee der „Menschheit", die als solche gar keinen Werth hat, Werthund Bedeutung, und es ist gar keine moralische Aufgabe, sich über sie, über den „Zufall der Geburt" einfach hinwegzusetzen." (S. 277 ff.) Wie anders steht dieser engherzigen Weltanschauung das alte jüdische Gesetz der Nächstenliebe da! Es umfaßt alle Menschen wegen ihrer angeborenen Menschenwürde und Gottähnlichkeit mit gleicher Liebe und gleichem Erbarmen. Es macht keinen Unterschied der „Stellung, Bildung oder Nationalität"; denn „wenn ein Fremdling bei dir, in eurem Lande wohnt, sollt ihr ihn nicht bedrücken. Gleich einem Einheimischen wohne er bei euch und liebe ihn wie dich selbst." (V. M. 10 18, 19.) Eine unklare Philanthropie ist das sicherlich nicht, sondern die Blüthe der Humanität und die Höhe einer Weltanschauung, die von der Schöpfung und Würde des Menschen andere Begriffe hat als die modernen Professoren der Ethik, die vielmehr alle Menschen, auch die Verirrten und die Sünder, als Brüder und Söhne eines Gottes, der ihrer Aller Vater, betrachtet.