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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-15 · Heft 33 (15.8.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Kronen, zwei zu 100 Kronen, eins zu 200 Kronen und eins zu 89 Kronen zur Verkeilung. Neben den Rabbinatskcmdidaten haben 11 in Wien amtirende Volksschullehrer die Vorlesungen des Seminars besucht. An Subventionen hat die Anstalt im abgelausenen Schuljahr erhalten: von der österreichischen Regierung 10 000 Kronen, vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Wien 8000 Kronen, vom Kuratorium des mährisch-jüdischen Landesmassafonds 2000 Kronen, vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Prag 1300 Kronen, vom Vorstand der Landesjudenschaft des Königreichs Böhmen 1260 Kronen, vom Vorstand der jüdischeil Gemeinde in Lemberg 1000 Kronen. Dem Bericht ist eine gelehrte Abhandlung von Professor Dr. Adolf Büchler beigegeben: „Das Synedrion in Jerusalem und das große Beth-Din in der Quaderkammer des jerusalemischen Tempels." — Hier ist am 9. d. M. einer der bekanntesten Journalisten, der Gründer und Herausgeber des „Neuen Wiener Tagblatts" und des „Wiener Tagblatts" Moriz Szeps gestorben. Er erreichte ein Alter von 67 Jahren. Seit vier Jahren hatte er sich auch vom „Wiener Tagblatt" zurückzogen. — Aus Lemberg wird dem hiesigen antisemitischen „Deutschen Volksblatt" geschrieben: „Trotzdem die Juden alle möglichen Anstrengungen machen, um sich als polnische Patrioten zu maskiren und sich dadurch bei den Polen einzuschmeicheln, wachsen die Antipathien der Polen gegen die Juden gleichwohl von Tag zu Tag mehr an, und die Jndenblätter führen darüber unausgesetzt bittere Klage. In den Schulbüchern, welche in den polnischen Schulen im Gebrauch sind, werden die Juden als „eine fremde Nasse" bezeichnet. Als es sich dieser Tage in der Mädchenschule in Podgorze bei Krakau darum handelte, daß sich die Schülerinnen gemeinsam in einem Gruppenbilde abphotographireu lassen wollten, mußten hierbei die Jüdinnen bei Seite gelassen werden, da sämmtliche christlichen Schülerinnen im Einverständnisse mit dem Lehrpersonale einmüthig erklärten: „Wir wollen keine Jüdinnen auf der Photographie haben?" Der gleiche Vorgang wiederholte sich noch in vielen anderen Schulen Galiziens. In einem der galizischen Gymnasien kam der Fall vor, daß von dem Gruppenbilde der Schüler und Professoren die jüdischen Schüler und zugleich auch der jüdische Religionslehrer ausgeschlossen wurden." Man kann sich denken, welche Freude unsere Antisemiten über diese Nachrichten empfinden. Bndapester Blätter berichten über folgenden aufsehenerregenden und charakteristischen Vorfall: Dr. Ernst Wahrmann, ein Sohn des verstorbenen Parlamentariers Moritz Wahrmann, soll zwei Nevolverschüsse auf den Großgrundbesitzer Grafen Harnoncourt abgegeben haben, ohne jedoch zu treffen. Der Anlaß hierzu soll ein Wortwechsel Wahrmanns mit dein Hausarzte des Grafen gewesen sein, dessen Forderung Wahrmann mit der Begründung ablehnte, daß er sich mit einem Juden nicht schlage. Gras Harnoncourt nahm sich seines Arztes an, indem er bemerkte, daß Wahrmanns Vater selbst Jude gewesen sei. — Im „Budapester Tagblatt" stellt Wahrmann die geschilderten Vorgänge vollkommen in Abrede. Dagegen theilte er einem Mitarbeiter des „M. Szo" Folgendes mit: Dr. Wahrmann weilte seit längerer Zeit im Kastell des Grasen Harnoncourt, zu dessen Jagden er geladen war. Auch Prinz Imme von Bourbon, der Sohn des spanischen Kronprätendenten Don Carlos, befand sich unter den Jagdgästen. Mittwoch Nachmittags wurden Karten gespielt. Dr. Wahrmann spielte mit dem Arzt Dr. Karl Messinger und dem Pfarrer Johann Kögl Tarock. Während des Spiels machte Messinger eine abfällige Bemerkung, worauf Wahrmann ihm das Wort „Trottel" zuschleuderte. Nun entstand ein heftiger Wortwechsel, worauf sich der Arzt entfernte. Tags darauf ließ Dr. Messinger — angeblich auf Zureden des Prinzen Don Jaime — Dr. Wöhrmann fordern. Dieser erklärte den Zeugen Andreas Tasnüdy und Johann Szekcsän, daß er in England den Liberalismus und die männliche Denkungsweise kennen gelernt habe und sich nicht jeder Lappalie wegen duellire. Falls sich ihr Mandant getroffen fühle, möge er sich an das Gericht wenden, wo er vollste Genugthuung erhalte. Nach dieser Erklärung entfernten sich die Zeugeil. Dr. Wahrmann machte eben Anstalten zur Abreise, als Prinz Jaime mit den Worten in sein Zimmer trat: „Jetzt erst habe ich erfahren, daß Dr. Messinger Jude ist. Nun, mit einem Juden brauchen Sie sich thatsächlich nicht zu duelliren, noch müssen Sie ihm die Hand reichen." Auf diese eigenthümliche Erklärung entgegnete Dr. Wahrmann : „Prinz! Auch mein Vater war Jude, ich hätte Ihnen aber nicht gerathen, ihm nicht die Hand zu reichen!" Graf Harnoncourt trat dazwischen und besänftigte den aufgebrachten Advokaten. Davon, daß Wahrmann seinen Revolver gezogen oder gar auf den Grafen geschossen hätte, sei kein wahres Wort. Zwischen Dr. Wahrmanu und dem Grafen Harnoncourt herrschte blos eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob Dr. Wöhrmann sich duelliren müsse oder nicht. Gestern fuhr Dr. Wahrmann nach Groß-Becskerek und bot den Zeugen Dr. Messingcrs Satisfaktion an; die Duelle fanden sofort statt. Hieraus kehrte Dr. Wahrmann nach der Hauptstadt zurück. Somit hat Herr Dr. Wahrmaun gegenüber der Forderung des Arztes Dr. Carl Messinger sich auf den Standpunkt des Duellgegners gestellt, den arischen Zeugen aber bot er Satisfaktion an. Für die unsäglich lächerliche Nolle, welche er in dieser ganzen Affäre spielt, fehlt ihm. so scheint es, jegliches Verständniß. Nsn Nah und Fern. --- Der Geheime Kommerzienrath Eduard Arnhold hat das Osfizierkreuz des königlich sächsischen Albrechtsordens und das Ritterkreuz erster Klasse des herzoglich sachsen-ernestinischen Hausordens, der Kommerzienrath Emil Jacob den türkischen Qsmanenorden II. Klasse erhalten. — In Samotschin ist im 81. Lebensjahre ein allgemein geachteter Lehrerveteran, M. Spiewkowski, gestorben. Ehre seinem Andenken! — In Jarotschi n ist Julius Pietrkowski, der viele Jahre Vorsitzender der Nepräsentantenversannnlnng daselbst war, im 90. Lebensjahre gestorben. — Die Verwesung des Distriktsrabbinats zu Kijsingen wurde durch Entschließung der Regierung dem Distriktsrabbiner Nathan Bamberger zu Würzburg übertragen. — In Nürnberg ist am 7. d. M. der Magistratsrath und Kommerzienrath Michael Kohn gestorben. Derselbe hat sich durch gemeinnützigen Sinn ausgezeichnet. Früher Mitbesitzer einer großen Lederfabrik, hatte er, als sie vor einigen Jahren aufgelöst wurde, mit seinem Bruder, der ebenfalls Mitbesitzer der Fabrik war. eine Stiftung von 200000 Mark zum Besten der in der Fabrik beschäftigten Arbeiter mit der Bestimmung errichtet, daß nach dem Ableben der Arbeiter das Kapital einem Sammelfonds für ein Nürnberger Polytechnikum zugeweudet wird. Als kürzlich die ministerielle Denkschrift sür ein Nürnberger Polytechnikum erschien, hat er abermals 200 000 Mark für dieses Institut gestiftet. Außerdem hatte er stets eine offene Hand und war trotz seines großen Reichthums bescheiden und einfach. — In dem größtentheils von Juden bewohnten moldauischen Grenzfll'cken Burdujeni sind 63 Häuser abgebrannt. — Alfred Dreyfus richtete all die „Dobats" noch eine Zuschrift, worin er als Antwort auf das jüngste Schreiben Galliffets und mit Bezugnahme auf dessen Behauptung, er, Dreyfus, habe sich durch Unterzeichnung seines Gnadengesuchs selber als schuldig bekannt, Folgendes ausführt: „Das Gedächtnis; dient dem General Gallifset schlecht. Ich habe niemals ein Gnadengesuch unterzeichnet. Ich stelle fest, daß General Galliffet in seinen; Schreiben die Worte nicht bestreitet, die er unlängst an Reinach gerichtet hat: „Das Bordereau ist von Esterhazy, der zwei Mitschuldige hatte. Was Dreyfus allgeht, so hat er niemals Beziehungen zu Deutschland unterhalten." Dreyfus erklärt dann, daß er seine Berufung namentlich deshalb zurückgezogen habe weil sie doch nur eine Revision des Prozesses hinsichtlich der Formfehler hätte herbeisühren können. Er schließt: „Ich habe meine Begnadigung also nicht nachgesucht, sondern allgenommen. — Der französische Antisemitenhäuptling Marquis Moros war vor sechs Jahren in sträflich leichtsinniger Weise trotz aller Warnungen in die Wüste gezogen und wurde dort ermordet. Seine Gesinnungs genossen logen nun der Welt vor, die Mörder seien von der französischen Regierung beauftragt gewesen. Das gab eine schöne Reklame, und aus dem Demagogen wurde ein Märtyrer. Aber die vor einigen Wochen in Susa (Tunis) stattgehabte Gerichtsverhandlung zerstörte die Schwindellegende. Moros ist von Arabern geplündert und getödtet worden. Zwei Thäter standen vor Gericht. El Kheir Bell Abdel Kader wurde zum Tode und Hamma Ben Scheck zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. — Die russischen Israeliten hielten in allen Theilen Ne wyorks große Protestmeetings ab gegen die Brutalität der Polizei beim Begräbniß des Oberrabbiners Joseph. Der Oberbürgermeister hat bereits den Oberpolizeiinspektor Croß abgesetzt und persönlich die Untersuchung gegen 20 Polizeiosfiziere eingeleitet, die wahrscheinlich sännntlich ihre Entlassung erhalten, werden. Die Erbitterung hält noch immer an. Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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