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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-15 · Heft 33 (15.8.1902) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
Seite 396 (sequence 14)
Language
German
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396 Wagschale gefalle» war, — die Hauptsache war es doch nicht gewesen, konnte es nicht gewesen sein! — Er hatte sie geliebt, — und liebte sie noch — in seiner Weise. Und sie mußte sich ihre Empfindlichkeit abgewöhnen und versuchen, ihm eine bessere Meinung von ihren Eltern wie von dein Volke, dem sie entstammte, beizubringen. ... So suchte sie sich selbst zu belügen. . . Aber es gelang ihr nicht, und der Wurm nagte weiter in ihren, Herzen, auch dann noch, als sie strahlenden Antlitzes am Arme des Gatten den Ballsaal betrat. — Ja — Lea Lilienthal hatte sich rasch zu einer vollendeten Weltdame entwickelt, welche es verstand zu lächeln, während sich ihr Herz vor Weh zusammenzog.- <Foris. folgt.) Fichte und Palme. Von L. Levi-Stuttgart. Tod des Herrn Julius Grünwald aus Berlin (s. Nr. 31 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums") uud die zahlreichen ehrenden Nachrufe, die dem Verblichenen gewidmet wurden, haben in mir ein schmerzliches Gedenken wachgerufen. Wie sich die Leser noch erinnern, habe ich in Nr. 7 der „Allgemeinen Zeitung des Judeuthums" vom Jahre 1900 meinen Besuch des englischen Friedhofs in Malaga und das Grab eines jungen Glaubensgenossen, der dort seine Ruhe gefunden, eingehend beschrieben: „Da las ich aus einem schönen Marmordenkmal: Hier richt Mar Grünivald aus Krotosehin, Preußen, geboren 28. Februar 1866, gestorben 31. Dezember 1889. Wie viele Thronen mag das Mntterauge dort draußen im kalten Norden vergossen haben um den Sohn, der hier im Glanze der südlichen Sonne sein frühes Ende gefunden! Ich legte einen frisch gepflückten Blumenstrauß als stummen Gruß auf das Grab."- Kurze Zeit darauf — ich war eben nach Hechingen zurückgekounneu, wo ich noch in Amt und Würden stand — erhielt ich von Herrn Julius Grünivald ein Schreiben, in welchem er mir in schmerzlicher Erregung mittheilte, daß jener unter den Palmen Malagas schlummernde Jüngling sein Bruder sei. Als er die Beschreibung des Grabes in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" gelesen, habe er Tag und Nacht geweint. Sein einziger Wunsch sei, mich persönlich kennen zu lernen, damit ich ihm von der Ruhestätte seines Bruders noch mehr erzählen könne. Er lud mich dringend ein, ihn in Berlin zu besuchen. Ich schrieb ihm hierauf einen ausführlichen Brief, den er sicherlich aufbewahrt hat und fügte demselben eine ziemlich getreue Skizze der Grabstätte bei, die ich an Ort und Stelle ausgenommen hatte. Julius Grünwald ivar überglücklich und drückte mir seinen heißen Dank in einem liebenswürdigen Schreiben aus. Mit meinem Besuch in Berlin wurde es leider nichts. Dagegen beauftragte ich meinen Sohn, der damals von Madrid nach Berlin reiste, die mir so werth gewordene Familie Grünivald zu besuchen. Er brachte einen Abend bei derselben zu, und Julius Grünivald konnte nicht anshören nach Malaga und dem Cementerio Jngles, der meinem Sohn ebenfalls bekannt ist, zu fragen. „Sobald ich mich losmachen kann und es meine Gesundheit erlaubt, werde ich die Reise nach Südspanien unternehmen und das Grab „meines Max" besuchen," sagte er mit erregter Stimme, als sich mein Sohn von ihni verabschiedete. Ob er es ausgeführt hat, weiß ich nicht. Die Fichten des Thüringer Waldes rauschten und sangen sein Grablied vor einigen Tagen, und die Lüfte trugen es als brüderlichen Gruß hinüber zur Palme, die das Grab des Bruders am südlichen Gestade Hispaniens überschattet. Lrtterarische Mitthellungen. — Die berühmte Rede Kaiser Wilhelms II. in Aachen ist jetzt in ihrem vollen Wortlaute zugleich mit der Bonner Ansprache des Generalobersten Frei Herrn von Loö, in einer dreisprachigen Broschüre (deutsch, französisch und italienisch) erschienen. (Berlin 1902, Max Schildberger). Beide Reden haben nicht nur in Deutschland sondern auch in der ganzen religiös gesinnten Welt berechtigtes Aufsehen erregt, da sie unter anderem bedeutsame Mittheilungen über Aeußerungen des Papstes enthalten; sie sind glänzende Zeugnisse von hoher Weltanschauung und verdienen es, der Litteratur erhalten zu bleiben. — Samuel Krauß: Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen. Berlin 1902. S. Calvary <L Co. Mehr als eineinhalb Jahrtausende ist das kleine Büchlein alt. das unter dem Namen: Toldot Jeschu in jüdischen Gelehrtenkreisen bekannt ist, und das die Geschichte des Stifters der christlichen Religion zu erzählen versucht. Wenn der gelehrte Herausgeber der hier angezeigten Schrift diese noch einmal nach allen vorhandenen Texten veröffentlicht und die Texte, welche bisher noch nicht ins Deutsche übertragen wurden, übersetzt, so hat er damit nach unserer Meinung kein unnützes Werk vollbracht. Die Darstellung des Lebens Jesu ist natürlich eine gegnerische; aber man muß die Zeitumstände in Erwägung ziehen, in welchen diese anonyme Schrift erschienen, und man muß auch die Quellen kennen, aus denen sie geschöpft ist. Gerade in dieser Beziehung hat sich Krauß ein Verdienst erworben, indem er den Nachweis geliefert hat, daß die Erzählung ausschließlich auf christlichen Quellen basirt. Das ist sehr wichtig, denn es ergiebt sich daraus mit ziemlicher Sicherheit dje Ueberzengung, daß man in dem Werk nicht böswillige Erfindung, sondern die polemische Verwerthung von auch sonst bekannten Thatsachen zu sehen hat. Insofern kann man nicht einmal behaupten, daß die Arbeit inopportun sei. Die verschiedenen Texte des Büchleins hat K. mit einander verglichen und die Varianten, wie schon bemerkt, soweit sie noch nicht übertragen waren, mit Uebersetzungen veröffentlicht. In einer ausführlichen Einleitung geht er auf die Geschichte des Werkes näher ein. Wir erfahren, daß die Urtheile gelehrter heidnischer Philosophen sich mit den Aussprüchen decken, die wir in den Talmud- und Midraschwerken über die Person Jesn lesen, und die sich mit denjenigen im Toldot Jeschu mehrfach berühren. Die geschichtliche Existenz des Werkes selbst oder eines ähnlichen wird schon im 9. Jahrhundert bezeugt; im 13. Jahrhundert wird es bereits ausdrücklich erwähnt; bei den Kontroversen der Christen uud Juden spielt es eine ansehnliche Nolle, so daß Letztere es für zweckmäßig hielten, das Büchlein selbst geheim zu halten. K. behandelt die Geschichte des Buches, aller gedruckten Texte, Rezensionen und Handschriften sehr ausführlich und objektiv. Von besonderem Werthe sind die Ergebnisse seiner Untersuchung über das Verhältniß des Buches zu den Evangelien, zu den neutestamentlichen Apokryphen, zur Apostelgeschichte, zu Talmud und Midrasch und zum Koran. Dann behandelt er das Verhältniß der Karäer zu dem Buche und die Stellung, die dasselbe in der mittelalterlich-polemischen Litteratur eingenommen hat. Die Wichtigkeit der kleinen Schrift für die Sagengeschichte ist schon früher erkannt worden. K. führt die Sache weiter aus, indem er die wichtigsten folkloristischen Motive in derselben nachweist und das Verhältniß zu^ Petrusuud zur Kreuzaufsinduttgslegeude eingehend behandelt. Eine reiche Fülle von historischen und philosophischen Anmerkungen erläutert das Verständniß der Schrift, die natürlich keinen anderen als rein historischen Werth hat. Wer etwas anderes darin sucht, der ist nicht objektiv, der ist entweder Antisemit oder theologischer Parteimann. Nur vorurteilslose Forscher wie der Herausgeber dieses Werkes oder ebenso vorurteilslose Leser, die es hoffentlich finden wird, können das Buch richtig beurtheilen. Für uns ist es jedenfalls besser, daß ein objektiver jüdis ch er Gelehrter sich mit der Arbeit befaßt hat, als wenn sie in die Hände eines weniger objektiven nichtjüdischen Gelehrten gefallen wäre. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBanchwitzin Berlin.

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