Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- Seite 394 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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394 VH.IHON Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. IX. Ostertage waren längst vorüber. Die Erde feierte ihre Vermählung mit dem Frühling. Vogelfang und Käfersurren war die Hochzeitsmusik, weiße Blüthenschleier umwehten die Braut, und ihre grüne SammtschlePPe war mit leuchtenden Blumen gestickt. Die Menschen nahmen Theil an dem frohen Fest; es war ihnen, als sielen Winters Gram und Sorgen von ihnen ab wie die schweren Ueberröcke, mit denen sie sich gegen Schnee und Eis gepanzert hatten. Nur die ganz Grämlichen und die ganz Unglücklichen vermochten sich nicht von ihrer Traurigkeit loszureißen. . . . Die Andere»! aber faßten neue Hoffnung, neuen Muth, und fröhlichen Antlitzes schritten sie durch das Sprossen und Blühen, das Klingen und Singen. Und »ritten in diesem Klingen und Singen, Sprossen und Blühen zog Lea an der Seite des Gatten in ihr neues Hein» ei»». Elternliebe hatte mit Hilfe bezahlter Hände und einerwahren Verschwendung von kostbaren Pflanzen, Stoffdraperien, einer Fülle von Licht das an sich schon höchst kostbare Heim auf das Festlichste geschmückt. — Die Eltern empfingen das junge Paar in den» neuen Heim. Diese vier Wochen der Hochzeitsreise hatten für die zärtliche»» Eltern kein geringes Opser bedeutet. Zuin ersten Male sahen sie sich für lange Zeit von ihren» Kinde getrennt. Die Koinmerzienräthiu vergoß Freudenthränen bei de»»» Wiedersehen, der Koinmerzienrath bewahrte seine Haltung wie iinmer, aber auch er war lebhaft beivegt. „Gottlob, daß Du nun wieder da bist!" sagte die Mutter, ihr Kind immer wieder in die Arme schließend, „»vir haben uns so sehr nach Dir gesehnt!" „Liebe Frau, Du wirst sie auch weiter entbehren müssen!" sagte der Kommerzienrath. „Das ist Elteruloos! Die Kinder fliegen uns davon wie die jungen Vögel, sobald sie flügge geworden sind. Dann bauen sie sich ihr eigenes Nest. .. Und »vir, — »vir müssen zufrieden sein, wenn wir das Nest ein bischer» ansschmücken dürfen." . . . „Du bester Papa!" rief Lea, „und wie schön habt Jhr's geschmückt! Viel zu schön, — viel zu reich!" „Laß doch, — ich kanu's ja thuu — Gott sei Dank! Ich hab's ja dazu!" — Es war gut, daß er die Gedanken seines Schwiegersohnes nicht errathen konnte. Sie gipfelten alle in den» einen: „Protziger Jude!" — Aber in ihrer Herzensfreude sahen und hörten die beiden Eltern nichts als ihr geliebtes Kind, das ihnen zurückgekehrt war als Frau Gräfin! . . . Sie merkten nicht, daß die junge Gräfin ernst, viel ernster aussah als die einstige Lea Lilienthal . . . Ei»» fremder Zug hatte sich in das sorglose Gesicht geschlichen. Aber die Eltern sahen ihn nicht — sie waren ja so glücklich. „Du n»us;t nicht sagen, Moritz, daß wir sie fortan entbehren »nässen!" sagte die Frau Konuuerzienräthin, an die frühere Bemerkung ihres Mannes, die ihren Geist bis jetzt lebhaft beschäftigt hatte, anknüpfeud. „Wir wohnen ja, Gottlob, in ein und derselben Stadt, »vir lverden viel zusammen sein!" Der Schwiegersohn schnitt eine kleine Grimasse, die sie aber »licht bemerkte. „Und wenn ich nach einer anderen Garnison versetzt werde, wie es mein Bestreben ist, — etwa nach Berlin, dann werden Sie sich doch von Ihrer Tochter trennen müssen." Der Kommerzienrath blickte ihn rathlos an; an so etwas hatte er nie gedacht. Seine Frau aber fand schnell einen Ausweg: „Dam» ziehen »vir ebenfalls nach Berlin!" sagte sie. . . . „Dann ziehst Du Dich eben von» Geschäft zurück! — Das können wir uns schon leisten, Moritz." .... „Unerträglich!" sagte der Graf, als die Eltern gegangen waren, indem er sich in einen der bequemen, hellseidenen Sessel zurücklehrrte. „Unerträglich!" „Was »»»einst Du, lieber Mann?" fragte Lea sanft. „Deine Eltern mit ihrer echt" — — „jüdischen" hatte er sagen »volle»», verschluckte das Wort aber »roch rechtzeitig — „mit ihrer Protzerei!" „Du kanntest meine Eltern, ehe »vir uns verheiratheten," sagte Lea traurig. „Du »vußtest, »vie sie sind. . . . Und wem» sie diesen kleinen Taktfehler an sich haben, so haben sie doch dafür große, große Vorzüge. . . . Und — es sind meine Eltern, die alles aus Liebe für mich thun!" „Mein Gott, weine nur nicht gleich!" sagte er unwillig. „Kann das nicht vertragen! Weiber sind doch alle egal! Iinmer gleich Thränen!" „Ich weine nicht!" sagte sie sich mühsam beherrscht. „Aber ich kann es nicht ertragen, daß Du s o über »»»eine Eltern sprichst!"- „Na, — wirst mir doch zugeben, daß nicht angenehme Aussicht ist, alle Tage mit Deinen Eltern zusammen zu sein; — »vie uns in Aussicht stellen . . . Sind ja ganz gute Leute, — aber habe doch auch meinen Verkehr! Passen nicht in »»»eine Kreise!" — „Ich bin müde!" sagte Lea kurz. „Ich gehe zu Bett!" Und mit kurzein Gutenachtgruß verließ sie das Zimmer. In den» kostbar eingerichteten Schlafgemach warf sie sich mit den» Oberkörper auf das Bett, und ihre Thränen flösse»» über die seidenen, spitzenüberrieselten Kissen. . . . Das »vorder Abend ihrer Heimkehr von der Hochzeitsreise! — Das war der Eintritt in ihr neues Hein»! — Wie viele Mädchen, »vie viele Frauen beneideten sie um ihren Reichthuir», ihren hohen Rang, ihren schönen, ritterliche»» Mann! — O dieser schöne, ritterliche Mann! Ein Anderer »var er in» Dienst und in» Salon; — ein Anderer seiner Frau gegenüber. Aber — gab es nicht in jeder Ehe, — auch in der glücklichsten, Enttäuschungen? — Hatte sie Ursache, sich zu beklagen? — War die seelische Verstimmung, die schon in der ersten Zeit ihrer Ehe Besitz von ihr ergriffen hatte, gerechtfertigt? — Scheinbar geringfügige Anlässe waren die Ursachen dieser Mißstimmung gewesen. Wenn sie mit jauchzendem Entzücken die Natur- und Kuustwunder Italiens in sich aufgesogen hatte, — wenn sie gehofft hatte, bei ihm gleichen» Gefühl, gleichem Verständniß zu begegnen, damit der Genuß für Beide ei»» doppelter werde, so mußte sie bald ernüchtert sich in sich selbst zurückziehen. Sie mußte ihren Enthusiasmus für sich behalten. . . Er hatte kein Interesse für Kunst und Wissenschaft und „solchen Kran»". Auch die Herrlichkeit der Natur