Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-15 · Heft 33 (15.8.1902) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
Seite 392 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228507--58927-3295411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

392 Ort... Verfolgungen, allgemeines Gespött... Den Knaben zog es mächtig nach Rußlands Hauptstadt. Mit allen Fasern seines Herzens glaubte und hoffte er, daß dort Menschen seien, die wohl auch in dem Judenknaben den Stempel des Genies herausfinden würden. Und er irrte sich nicht, die Hauptstadt brachte ihm keine Enttäuschungen! Seine Begegnung mit Stassow, mit Turgenjew, mit all' den edlen Freunden der Beiden öffneten dem jungen Künstler eine wundervolle Welt voll reiner Gefühle, voll großer Gedanken. Was sagten ihm diese Menschen? Sie lehrten ihn, daß nicht das Davonjagen, nicht die Verfolgungen das wahre Rußland seien! Sie machten ihn mit all den Künstlern, Dichtern, Philosophen und Kritikern bekannt, deren Namen jedem Russen heilig sind. Und er fand unter diesen Keinen, der niedrige Instinkte, Haßgefühle erwecken könnte. Und Antokolskh wußte genau, daß keine niedrigen Gedanken, keine schlechten Instinkte es vermögen könnten, wie lange auch ihre Dauer sei, die wirkliche Kraft und Größe der russischen Seele zu verdunkeln. Dennoch lebte er weit entfernt von Rußland. — Entfernt darum, weil er sah, daß dies russische Leben noch nicht harmonirt mit dem Geist der russischen Dichterwerke. Und wenn er in russischen Zeitungen Spott über sich las, so verstand er sehr gut, daß jene Gegner nicht ihn, sondern ihr eigenes Schicksal hassen, jenes Schicksal, welches sie zwang, ihren Frieden und ihr Kulturglück aus den Händen eines Sohnes desjenigen Volks zu nehmen, welches sie so stark, so böse hassen. O, sie konnten es ihm niemals verzeihen, daß er das Zeichen des Judenthums, welches auf seiner Stirn neben den Stempel des Genies brannte, nie mit dem heiligen Wasser abwaschen wollte! Und was konnte er, der Jude, fordern dort, wo der größte Genius des Vaterlands, Puschkin, in so traurigen Worten klagen mußte: „Wozu hat mich die Mutter im Rußland mit einem Talent geboren? Ach, mein Talent ist mein Unglück! " Er aber glaubte und wußte, daß erhabene Toleranz, der Durst nach Wissenschaft, Wahrheit und Schönheit früh oder spät den Sieg in seiner Heimath davontragen werden. Er glaubte stark an Rußland, arbeitete für Rußland, gab ihm seine Seele, vermachte ihm seinen Körper.. Und wie vielLiebe schenkte er diesem Lande! Seine Angehörigen erfüllten wohl seinen letzten Wunsch und brachten seine Leiche in die Hauptstadt seines Vaterlandes. Möge sein Körper auf dem jüdischen Friedhof seine letzte Ruhestätte finden, seine Glaubensgenossen, die russischen Juden werden doch glücklich und selig sein, daß seine Werke dem ganzen Rußland angehören, aber seine Seele — seinem armen Volke! Die Rede Grusenbergs machte sichtlich einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. S. I. Mamontow fügte hierauf noch hinzu, daß ungefähr vor 30 Jahren ein Verein, bestehend aus Leuten, die für die Kunst schwärmten und warme Liebe ihr entgegenbrachtsn, sich gebildet habe. Und dieser Verein verfiel nicht während der langen Jahre, er wurde immer stärker, und die Mitglieder hingen immer mehr an einander. Das Unglück des Einen werde von Allen mitgefühlt, von Allen getheilt. Das eine Herz gab die Nachricht dem anderen kund. Markus Matwiejewitsch Antokolskh gehörte mit Leib und Seele dem Vereine an. S. I. Mamontow legte am offenen Grabe des Künstlers das Gelübde ab, daß der Verein, trotz des Todes seines Hauptmitgliedes, treu seinem Andenken bleiben werde. Als Gelöbniß seines Namens seien dem Vereine die Worte: „k§«e est Eraeeus, uee guckkwns" theuer. D. S. Silczewsky sprach hierauf in kurzen, gefühlsvollen Worten es aus, wie schwer es sei, einen berühmten Mann zu verlieren! Doch um wieviel schwerer wäre es noch,ein Genie Weggehen zu sehen. Antokolskh ist der größte, berühmteste russische Bildhauer gewesen. Obwohl er der Abkunft nach Jude war, so vermag man nur mit einem echt russischen Geiste, mit einem echt russischen Bewußtsein so große Meisterstücke zu schaffen wie: „Iwan der Grausame", „Jermak", „Jaroslaw" und „Nestor". Als Letzter sprach noch M. Gorodecky. Die - große Trauergemeinde verließ noch lange nach den herrlichen Reden den Friedhof nicht, und mit den eilenden Wolken zogen die Gedanken der Menschen dem Geiste des Künstlers nach und kehrten von den Höhen wieder zu den Niederungen des Lebens zurück, zu den unglücklichen Stammesgenossen des großen Bildhauers, dessen Leben und Schaffen ein mehr als seltsames Gegenstück zu den Verfolgungen bildet, die sie im Vaterlande noch immer zn erdulden haben. v. N. David Kaufmann und Seligmann Keller. (Mit un ged ruckten Briefen Hellers.) Lieber Freund! hnen und Ihrem Herrn Schwiegervater sage ich meinen herzlichsten Dank für die nur gewordene Aushilfe, ich lege aber die zwei sür mich sonst ganz werthlosen Briefe bei, damit Sie sehen, daß ich nicht zu den Zeklaebal vaselwm ebu u. s. w. gehöre. Die Wahrheit ist, daß seit Neujahr die Thüre bei mir nicht stillsteht, j und meine Brieftasche, meine große und dicke Brieftasche, oft so abgemagert ist, daß selbst irn entferntesten Winkel derselben kein Omer selnekekati zu finden ist, bezw. kein Mäuslein piepst. Mit Archiven habe ich nie das Geringste zu thun gehabt. Aber der hiesige Gerson Wolf wird Ihnen gewiß dienstwillig sein, der stöbert fortwährend darin herum. Auch mein Freund, Professor Psaff, wenn er nur irgend welche Beziehungen hat, wird das Möglichste thun. Wenden Sie sich, wenn Sie wollen, mit Berufung auf mich, unmittelbar an ihn. (Professor Dr. Leopold Psaff, a.O. des Civilrechts I. am Hof 7.) Komme ich wirkich noch an den Hamerling, so will ich mich, wenn Sie glauben, daß es von Nöthen ist, mich auf den alten längst ausrangirten Klepper schwingen und, da der Schund nur dazu da ist. geschunden zu werden, als ein höchst problematischer Apoll gegen einen veritablen Menschen mein Möglichstes aufbieten. Meine Dante-Uebersetznng veröffentlichen? ma!s ü clone! wie viel giebt es Derer, die wahrscheinlich — denn ich habe nie eine gelesen — viel besser als die meine sind. Ich habe nur eine Arbeit, den Ahasverns, in jungen Jahren, wo jeder ideal angelegte Mensch die Menschheit einen Schritt weiter zu bringen sich zutraut, als Schriftsteller im besten Sinne des Wortes — der lisekmoti thut — veröffentlicht. Die Gedichte (nur zwei Bogen) schon nur, weil ich mir zugeschworen, es dem damals noch reichen Epstein gleich zu thun. der bei der großen Ueberschwernrnung in Böhmen 1000 fl. beigesteuert. Ich hatte das hohe Glück, 12—1300 fl. zusammenzubringen. Die Broschüre zur Kritik der Schriften und Schriftsteller des N. Ds. gab ich heraus, um die Uebersiedelungskosteu von Leitmeritz nach Prag zu decken. Die letzten Hasmanäer ließ ich, da sie in Prag ausgesührt werden sollte!,, auf eigene Kosten drucken; zuletzt verlor ich die Courage und ließ alles gehen. Meine kritische Thätigkeit endlich war rein des Geldes wegen, und ich Habs errungen, dieses köstliche Palladium meiner Freiheit, und kann heute, um alle Welt unbekümmert, das gewaltige Böhtlingk--Nothsche Sanskrit-Wörterbuch vor mir, mich in mein odleetsrnsntuin seneetutis, in das hoch- und dreimalherrliche Dichtwerk versenken. Nämlich einfach Prosa (Hitopadesa und Pantschatantra z. B. kann ich seit Jahren ziemlich gut lesen, ebenso die Verse des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.