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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-15 · Heft 33 (15.8.1902) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
Seite 391 (sequence 9)
Language
German
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Ich lernte ihn als 22- bis 23 jährigen jungen Mann kennen und schori damals war ich voll Entzücken und Bewunderung für ihn. Ich war um 20 Jahre älter als er, sah und beobachtete schon Viele, sogar mehrere talentvolle und berühmte Künstler, aber hier blieb ich bewundernd stehen. Ich war gezwungen, ihm, dem jungen Künstler ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken; fühlte ich doch, daß er in sich eine wundervolle Seele, einen wundervollen Verstand mit etwas Unbeschreiblichem, etwas ganz Originellem in Bezug auf Talent und Gedanken vereinte. Und ich hatte nur einen Wunsch, nur ein Verlangen: mich ihm zu nähern, mit ihm zusammen zu sein, ihm zuzuhören, seine Wünsche kennen zu lernen, zu jvissen, was er zu thun gedenkt, was er bezweckt. Noch nie zuvor fand ich Gelegenheit, so etwas zu bemerken, denn bei uns herrscht, speziell auf dein Gebiete der Bildhauerkunst, eine große Gleichgiltigkeit. Nun begann er zu schaffen, und immer wieder erschienen wundervolle Werke, das eine überragte das andere an Bedeutung, an Größe. Ich bewunderte ihn, war von seinen Arbeiten entzückt, und doch hatte ich noch nicht die mindeste Ahnung, daß er das werden würde, was er thatsächlich später geworden ist. Wir finden in Andersens Märchen eine reizende Erzählung unter dem Titel: „Die häßliche Ente." Eine Ente ivar es, eiire häßliche, und Niemand ahnte, was sie im Innern barg. Es war doch nur eine Ente! Aber die Ente wuchs heran, das Näschen, das Köpfchen, der Körper entwickelten sich, die Flügel kamen hervor und . . . siehe da, Plötzlich ward ein Schwan aus dem grauen Entchen, ein wundervoller, poetischer Schwan! So etwas ähnliches finden wir auch in Antokolsky's Jugend. Zwar war er nie ein „Ungethüm", weder im buchstäblichen noch im allegorischen Sinne, auch wurde er nie zum Schwan. Aber man kann doch Andersens Vergleich mit Recht hier anwenden. Er war etwas Unbemerktes, etwas Geringes, und plötzlich tauchte er als Adler auf. Wie groß war meine Freude, wie groß mein Glück! Mit Bewunderung lauschte ich dem Rauschen seiner Flügel! Voll Entzücken sah ich ihn den jungen Künstler, diese irdische Hülle, die so viele Leute fürewig umschlingt, verlassen, und dem weiten, breiten Horizont sich nähern. Ich freute mich seiner, wie er sich aus den Engen emporrang, die großen, mächtigen Ideen faßte. Wie vielen seiner Brüder, wie vielen Künstlern sind diese Wege verschlossen! Er schwang sich empor zu fernen Horizonten, erstrebte Mächtiges an. Antokolsky's Jugendstimmung war meistens traurig, elegisch. Er liebte es, über die Negationen, die Leiden, durch die Schwäche verursacht, nachzudenken (Spinoza, Sokrates, der Kopf von Johannes dein Täufer u. A.). Später aber verließ er diesen Anschauungskreis und wandte sich den Vorzügen der Thätigkeit, Kraft und Wirksamkeit (Peter der Große,Nestor, Jerinak u. A.) zu. Aber, ich muß es gestehen, nachdem ich doch 30 Jahre meines Lebens mit ihm in seiner unmittelbaren Nähe verbrachte, ich kenne ein Werk, das alle anderen an Gedankenfülle, an Macht, an Seele, ja an unvergleichbarer Tragik und Gefühl überragt. Nein, dies gilt noch nicht von dem wundervollen „Iwan dem Grausamen". Mein Lob, meine Bewunderung gehören dem noch mächtigeren, noch wundervolleren Werke: Die „Inquisition". Der Inhalt dieses Meisterwerkes ist Ihnen ja bekannt. Was sagt es uns? Wir sehen einen fettleibigen, satten, spanischen Kardinal! Sein Gesicht trägt den Ausdruck der Selbstzufriedenheit, der Gedankenlosigkeit. Dieser Inquisitor steigt in einen Keller hinunter, wo die versammelten Juden ihr Osterfest feiern. Sie erschrecken, wollen davonlaufen, suchen ein Versteck. Doch siehe, da erscheint zwischen diesem erschrockenen, zitternden Häufchen der Aermsten, in diesem Versteck, wo Tische umgeworfen, Tischdecken heruntergerissen und das Geschirr des festlichen Mahles in Unordnung den Fußboden bedeckt, ein Mann ... ein Mann von Kraft. Diese Gestalt verkörpert die Größe, den Edelmuth und strotzt von Kraft. Ist es ein Prophet, ein mittelalterlicher Führer seiner Glaubensgenossen? „Wohin eilt ihr?" ruft er den Zitternden zu, „haltet iein! Wozu denn? Fürchtet ihr denn die Fesseln, flößen euch die Hellebarden und die Schwerter dieser unserer Feinde Schrecken ein? Unnöthig ist es doch! Haltet ein! Für uns giebt es keine Rettung mehr!" Ja, Antokolsky war es, der diesen großen Moment, diesen feierlichen Augenblick erfaßte und ihn mit einer Meisterschaft, einer Kraft, die nur den größten Talenten eigen ist, wiedergab. Das „Schicksal" setzte seinen Willen durch, und der Tod raffte uns den großen Meister weg. Das Schicksal raubte Antokolsky seinen begonnenen Arbeiten. Er hielt gerade ein in dem Augenblicke, wo er seine Jugendgedanken, seine Pläne verkörpern wollte! Ins Grab legte ihn das Schicksal. Und doch werden diesmal diese beiden mächtigen Faktoren, das „Schicksal" und „der Tod", dem Künstler und seinen Werken keinen Schaden bringen. Er, der Bewunderte, der Große, er und seine Meisterwerke bleiben unsterblich." Kaum verhallten die letzten Laute dieser voll Bewunderung und Freundschaft gesprochenen Abschiedsworte, als schon ein anderer Redner das Wort ergriff. Der bekannte Rechtsanwalt O. O. Gruseuberg verlieh seinen jüdischen Gefühlen in folgender Rede begeisterten Ausdruck: „Davonlaufen. .. Um Erbarmen bitten! Sein Heil im Abfall suchen! O nein! Geht dem Tode muthig entgegen! Warum sollet ihr besser sein, warum soll euer Schicksal günstiger werden als das Derjenigen, die vor euch schon verbrannt, vergiftet wurden! Ihr seid doch nicht besser als die Vielen, die man nach euch, in der Zukunft tödten, verderben, verbrennen wird." Dies sind die Worte, dies die Gefühle, die wir zu hören vermeinen, die sich unserer bemächtigen beim Anblick des begonnenen Meisterstückes, beim Anblick der Hauptfigur des Jnquisitionswerkes, von dem soeben Herr Stassow sprach. Und diese Stimme des Propheten, des Märtyrers hörte Antokolsky stets, seine Seele wiederholte ihm immer wieder diese Laute. Diese Worte verliehen ihm, seinem Leben, Kraft, ließen ihn nicht im Kampfe fallen, retteten ihn von den schrecklichen Gefühlen des Rassenhasses: Ja. sie lehrten ihn ohne Haß zu kämpfen, ohne Fluch sein Glück zu erringen. Traurig und jammervoll waren seine Jugendjahre. Ein elender, jüdischer

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