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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-15 · Heft 33 (15.8.1902) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
Seite 390 (sequence 8)
Language
German
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SSO sechsmal so viel als ihren: Antheil an der Gesammtbevölkerung entsprechen würde. An Verschiedenheit des Klimas scheinen sich die Juden außerordentlich leicht anzupassen und unter den mit dem Wechsel des Klimas verbundenen Krankheiten verhältnißmäßig wenig zu leiden. Diesem Umstande ist dann — neben dem starken Wandertriebe der Juden — auch in erster Linie zuzu» schreiben, daß die Inden heute in allen Erdtheilen von den Polen bis zum Aeyuator angesessen sind, und daß man sie wie kein anderes Volk als echte Kosmopoliten bezeichnen kann. Die Juden sind im Durchschnitt von niedrigerem Wüchse als die Germanen, ihre durchschnittliche Körperlänge beträgt nach den übereinstimmenden Resultaten der Messungen verschiedener Anthropologen in Mitteleuropa 1,63 m gegen 1,67 in bei den Germanen. In Bezug aus Unterschiede in der Farbe deS Haares und der Augen hat Rudolf Virchow auf Grund umfangreicher Untersuchungen an den Schulkindern in Preußen folgende Ergebnisse erhalten (Zeitschrift für Ethnologie, Jahrgang 1876, Seite 17 ff.): Es haben von je 100 christlichen Schulkindern jüdischen Schulkindern blaue graue braune blandes braunes 5--;-» « Z roihes Augen Augen Augen Haar Haar § Haar 43 32,7 24.3 72,2 26,1 1.2 — 18,7 18,8 53.5 32,4 55.5 10.1 0.5 Blonde Haare und blaue Augen kommen also bei den Juden heute gar nicht so selten vor und sprechen dafür, daß auch die Juden keine reine Rasse mehr repräsentier::, was auch durch die Schädelbildung bestätigt wird. In Westeuropa herrscht bei den Juden der dolichokephale, in Osteuropa der brachhkephale Typus vor. Von diesen beiden Typen scheint der westeuropäische die ursprünglichen Nassenmerkmale besser bewahrt zu haben, während der osteuropäische durch Vermischung mit magyarischem Blute und besonders mit dem in der Krim wohnenden Volke der Chazaren, das im neunten Jahrhundert mitsammt seinem Könige zum Judeuthum übertrat, uicht unerhebliche Aenderungen erlitt. Unter den Juden Rußlands nnd der Balkanländer sind Gesichter von ausgeprägt mongolischem Charakter durchaus nicht selten. Der neuerdings vertretenen Hypothese, daß die Juden sich schon in Palästina mit indogermanischer: Elementen vermischt hätten, vermögen wir uns nicht anzuschließen. In Palästina Haber: sich die Juden in: Wesentlicher: nur mit anderer: semitischer: (in ganz kleinem Maße vielleicht auch mit hamitischen) Völkern gekreuzt. Zur Zeit ihrer Zerstreuung haben sie ein homogenes, alle Merkmale der rein semitischen Rasse aufweisendes Volk gebildet und erst in fremden Ländern auch fremdes Blut in sich ausgenommen. Brief aus Kt. Petersburg. Petersburg, Ende Juli. Mj^m 5. dieses Sommermonats rvar's. Man sah am Bahnhof der Warschauer Bahn einige Zeit vor Ankrrnft des Zuges, ja sogar schon früh Morgens ein zahlreich versammeltes Publikum und bemerkte unter diesem zahlreiche Deputationen verschiedener Petersburger und Provinzvereine. Die Vertreter der Künstlerwelt, eine Deputation der Akademie der Künste waren auch bereits erschienen. Allgemeines Aufsehen erregte ein älterer Herr durch seine starke Erregung, sein besorgtes Gesicht. Man sah ihn beständig herumgehen und hörte, daß er überall Aufträge ertheilte. Stassow war es, der berühmte Kunstkritiker, der heute seinem Freunde den letzten Dienst erwies. Nun erschien auch die Familie Marcus Antokolsky's — denn von diesem ist hier die Rede — und sofort eilte die akademische Jugend dem Wagen zu. Bald kehrten sie zurück mit mächtigen Kränzen aus Silber, Metall und lebenden Blumen. Der bekannte Maler Riepin, Lobojkow, Czystiakow, Mate und Baron Horaz Ginzburg trugen den Eichensarg mit den Ueberresten des berühmten Bildhauers und stellten denselben auf einen Katafalk. Einige Trauergesänge folgten diesem Akt. Nun setzte sich die Schaar ir: Bewegung in der Richtung nach der „Alataja Masteskaja", wo sich die Synagoge befindet. Dort nahmen die Ehrenplätze ein: Der Vizepräsident der Akademie der Künste Graf Tolstoj, der Künstler Benua, der Akademiker Botkin, Professor Cyrofs. Zaleman, Kuindui, Rjepin, Barasin, Bode, Czystiakow, Stassow, Lugowy, der Komponist Jwanosf, Dr. A. Harkawh, die Deputation der St. Petersburger Rechtsanwälte, die einen Silberkranz brachte, die Mitarbeiter von „Nowoje Wremja" (!), „St. Petersburger Wjedomosti", „Nowosti", „Bvuduschnost", „Woschod", „Herold", „Petersburgskaja Gazeta", „Petersburgskij Listok" u. a. Alle Synagogen der Stadt wie auch die an: Friedhof waren mit Traueremblemen geschmückt. Die Wände der großen Synagoge zeigten in der Hülle von grüner: Kränzen zahlreiche Schilder mit Medaillons, die alte jüdische Ornamente enthielten. Die Medaillons wurden nach Mustern der kostbaren Handschriften aus dem 10. und 11. Jahrhundert angefertigt und bilden das Eigenthum der kaiserlichen Bibliothek. Die Schilder, die die Initialen des Verstorbenen trugen, zeichneten sich durch besondere Schönheit aus. Die Initialen M. A. waren in Edelsteinen, Rubinen, Saphiren u. a. aus geführt. Professor Ronegg, der Architekt Bernsztam und der Maler Perelman, Schüler des Professor Rjepin, schufen dies Meisterwerk. Mit einem Psalmenchor wurde der Sarg durch den Grafen Tolstoj, Stassow, Rjepin, Kuindu, Czystiakow u. A. herangebracht. Ein hebräischer Gottesdienst fand statt, und der Rabbiner Dr. Drabkin hielt eine kurze Rede. Er betonte unter Hinweis auf einen Vers in: Propheten Ezechiel, daß es doch überflüssig und unnütz wäre, den Verblichenen zu betrauern, er sei unsterblich, seine Werke sind es. Die ganze Kulturwelt ist Zeuge seiner Arbeit, seiner großen Erfolge! Nachdem die Rede verhallt, setzte der Trauerzug seinen Weg fort. Er passivste den großen „Newsky Prospekt", und blieb plötzlich beim „Aleksandrinki Teatr" stehen. Da sprachen Mehrere den Wunsch aus, den Sarg selbst zu tragen, und da die Polizei diesmal den Wunsch berücksichtigte, eilten Schaareu der versammelten akademischen Jugend dem Katafalk zu. Die Jugend trug andachtsvoll die Kränze vor dem Sarge. Am Nikolajensky Bahnhof an gelangt, wurde der Sarg mittelst Sonderzuges nach dem Preobraschenskij-Friedhof geführt. Um 2 Uhr verließ der Zug das Geleise, und schon nach einer Viertelstunde erreichte er sein letztes Ziel. Die Jugend trug die vielen Kränze voran, die Sängerchöre folgten mit brennenden Fackeln. Jetzt trug die Schaar der Leidtragenden den

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