Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- Seite 387 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3d7 kurch den Fall Löhning nicht überrascht zu sein und erwähnt neben vielen anderen zum Schlüsse noch einen Fall, in dem der Sohn eines reichen und angesehenen Kaufmanns, Besitzers vieler Ehrenämter, ein junger Mann von feiner Bildung, stattlicher Erscheinung und bestem Können, der mit ungewöhnlichem Eifer als Einjähriger gedient hatte und bei seinem Vorgesetzten ohne Ausnahme sehr wohl gelitten war, mit brennendem Schmerz darauf verzichten mußte, Reserveoffizier zu werden, weil der Vater Jude war und nicht die „Vorsicht gehabt" habe, wenigstens seine Kinder taufen zu lassen. „Ist das nicht auch in seiner Art ein Fall Löhning?" fragt das nationalliberale Blatt zum Schlüsse, und diese Frage wird sicher von vielen Einsichtigen bejaht werden. 4 Der Kastengeist ist der Nährboden der Unduldsamkeit, ruft ein anderes Blatt bei Betrachtung dieses Falles aus, und auch die folgende Begründung dieses Ausspruchs wird gewiß viele Anhäuger finden: „Die Kaste ist der Nährboden der Unduldsamkeit. Diese Unduldsamkeit nimmt in ihrem ersten Stadium einen rein gesellschaftlichen Charakter an. Nach ihrem splitterrichtenden Kodex muß es der Tochter des ehemaligen Feldwebels verwehrt sein, einen höheren Staatsbeamten zu heirathen und umgekehrt. Zwischen der höheren Bildung, die meistens irgend einen akademischen Grad erworben hat. und Inhabern subalterner Stettungell wird eine unüberbrückbare Kluft gebildet. In kleinen Städten fällt fast Jeder diesem gesellschaftlichen Moloch zum Opfer. Es gehört ein reiches Mast von Geistes- und Charaktereigenschaften dazu, womöglich als Einziger gegen solche indischen Standesbegriffe Sturm zu laufen. Leichter ist dieser Widerstand schon in der Mittel- und gar erst Großstadt, wo sich immer eine Anzahl Gleichgesinnter findet, die dem Kastengeist ein Schnippchen schlägt. Wenn aber die Stunde ernster, praktischer Konsequenzen kommt, dann ist dennoch der Sieg nicht immer auf der Seite dieser Weiterblickenden, wie der Fall Löhning in Posen beweist. Wie wir soeben darlegten, ergreift der Krebsschade des Kastenwesens am nachdrücklichsten die Kleinstadt. Hier wird die Bevölkerung voll ihm vollständig aufgesaugt; denn auch die Subalternen ahmen wieder in ihren Kreisen die Bräuche oder besser die Mißbräuche der höheren Bildung nach. So steigt die Bewegung immer tiefer hinab, bis nur noch eine unterschiedslose, gesellschaftlich nicht mehr in Betracht kommende Masse übrig bleibt. Der Verkehr dieser streng voll einander geschiedenen Kreise besteht nur darin, daß der Klatsch herüber und hinüber seine Fäden spinnt. Dieses Splitterrichten und gegenseitige Anfspüren moralischer und geistiger Schwächen erzieht einen ausgeprägten Geist der Unduldsamkeit gegen alles, was nicht aus dem Boden der Eigenbrodelei des Zirkels gewachsen ist, dem man selber angehört. Zwischen diesen chinesischen Mauern steht der Jude nun ohne Anschluß. Ist er akademisch gebildet, verschließt mall ihm die Honorationenzirkel vielleicht nicht, obgleich sich das ganz nach dem Charakter der Exklusivität richtet. Wir kennen jüdische Aerzte und Rechtsanwälte, denen man den Eintritt allerdings nicht verwehrte, aber hinterrücks den Umgang so verleidete, daß es die Herren vorzogen, sich fern zu halten. Es war sicher in keiner Beziehung ein Verlust für sie. Der jüdische Kaufmann weiß erst recht nicht, wo er einspringen soll, denn diese Gruppe hat ebenfalls wieder mehrere Schattirungen. So wird die jüdische Bürgerschaft kleiner, vom Kastengeist allgefressener Orte vollständig in eille verhängnißvolle Jsolirung gedrängt. So führt der Kastellgeist ill vielen Fällen zum Antisemitismus, nicht etwa, weil man den Inden kennt und schlechte Erfahrungen gemacht hat, sondern im Gegentheil, wen man ihll nicht kennt, seine Fehler aus der Ferne ansbanscht und nicht Gelegenheit nimmt, ihn vorurtheilsfrei zu beurtheilen." 2 Von verschiedenen Seiten ist die Anregung gegeben worden, einen Kongreß zu Gunsten der rumänischen Juden nach dem Muster des soeben in Brüssel für die armenischen Christen stattgehabten zu veranstalten. Wie aus Paris gemeldet wird, hat sich Bernard Lazare an eine Reihe politischer und literarischer Notabilitäten Frankreichs sowie an alle Mitglieder der „Liga der Menschenrechte" zu dein Zwecke gewendet und ihre Mitwirkung an der geplanten Aktion zngesichert erhalten. Nach wiederholten Berathungen, in denen Lazare die Lage der Juden und der Bauern in Rumänien darlegte, wurde beschlossen, ein Centralkomitee mit dem Sitze in Paris zn errichten, das die baldige Veranstaltung eines Kongresses vorbereiten soll. Znm Eintritt in das Komitee haben sich bis jetzt bereit erklärt: Senator Trarieux. ehemaliger Minister, Präsident der „Liga der Menschenrechte", Franc-ois de Pressensö, Chefredakteur des „Temps", Deputirter Jean Jaurös, Führer der französischen Sozialisten, Emile Zola, Oktave Mirbeau u. A. Das Komitee wird seine Thätigkeit mit der Veröffentlichung eines Manifestes beginnen, in welchem alle Gutgesinnten in Frankreich aufgefordert werden, sich dem Protest gegen die Unterdrückung der Menschenrechte in Rumänien anzuschließen. * Inzwischen wird in Rumänien selbstfortgewurstelt. Der Eintritt Costinescus ins Ministerium, der schon seit längerer angekündigt war, hat in manchen Kreisen des Auslandes sympathisch berührt. Costinescn steht mit der ausländischen bauts üiikunw in Verbindung; er war bis zum Augenblicke seiner Ernennung als Direktor der hiesigen „Lauen ^ensraln" thätig, welche von der Berliner Diskontogesellschaft kommanditirt wird, und er wird sich wohl auch als Minister einen maßgebenden Einfluß ans die Geschäfte dieser Bank Vorbehalten. Costinescn war noch nie Minister, und gerade deshalb vielleicht gilt er in den Kreisen seiner Partei, der es an fachlichen Kapazitäten durchaus mangelt, als hervorragender Finanzpolitiker und Nationalökonom. Man darf indessen den praktischen Geschäftsmann Costinescn, der zum deutschen Kapital seine Zuflucht nahm, als es galt, seine einigermaßen erschütterte finanzielle Situation zu saniren, nicht mit dem Politiker Costinescn verwechseln. Als Politiker gehört Costinescn der alten Schule Bratianos und Nosettis an, von deren engherzigem Chauvinismus er durchaus erfüllt ist. Er war Zeit seines Lebens ein ausgesprochener Fremdenfeind und verbissener Antisemit, und von ihm am allerwenigsten darf man irgendwie Besserung der diesbezüglichen Verhältnisse in Rumänien erwarten. Viel Raum zur Initiative wird ihm übrigens nicht gelassen werden, da Sturdza dafür bekannt ist, daß er selbständige Regungen neben sich nicht duldet. Im Kampfe mit der antisemitischen Nebenregierung in Rußland ist es den Juden des Königreichs Polens mit Hilfe des Senats gelungen, einen wichtigen Sieg davonzntragen. Derselbe ist um so bedeutsamer, als er über die Antisemiten in Generalsunifvrm erfochten wurde, welche bekanntlich den russischen Juden noch weit gefährlicher als diejenigen in Beamten- und Priesterrock sind. Bekanntlich hat die Militärbehörde in Polen die ebenso ungesetzliche als vollständig willkürliche Verfügung getroffen, laut welcher eine verspätete Eintragung neugeborener Knaben ins Matrikelbuch ungiltig ist. Die Folge dieses unerhörten Ukases war, daß alljährlich Tausende von jüdischen Gestellungspflichtigen, welche ihren Familienverhältnissen entsprechend, militärsrei sein müßten