Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- Seite 386 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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886 Sohn seinen Vater, der Brnder seinen Bruder mittaufen lassen, wenn er auf dem Umwege der „Nechtgläubigkeit" das Recht erlangen will, nicht im heiligen Rußland zu verhungern." Dabei vergeht einem das Lächeln. Aber so viel ist doch ersichtlich, daß erstens sämmtliche gegen die Juden zur Beschönigung der Verfolgung vorgebrachten Anklagen gelogen sind, da die Juden ja, sowie sie getauft sind, selbst zu hohen Staatsämtern gelangen; daß zweitens, wie auch der Fall des Predigers X. beweist, es überhaupt nicht auf die im Munde geführte Christianisirung, sondern nur auf Orthodvxisiruug abgesehen ist. daß also drittens die Nussisizirung das ausschließliche Ziel bildet. Nun aber wieder etwas zum Lachen! Bekanntlich dürfen die Juden in Polen und Litthauen die Bäder der baltischen Ostseeküste nicht besuchen; es fahren also zu Tausenden allsommerlich die reichen jüdischen Familien aus Grodno, Kvwno u. s. w. nach der preußischen Ostseeküste, meist nach Cranz bei Königsberg, oder sie suchen, je nach dem Rath der deutschen Professoren, weiter gelegene andere Bäder auf. Man kann ruhig sagen, daß durch die sich von Jahr zu Jahr steigernde Werthschätzung der nichtrussischen Luft im Sommer, und der nichtrussischen Medizin Jahr aus Jahr ein dem heiligen Rußland Millionen, die es selbst hätte einnehmen können, schon verloren gegangen sind. Kürzlich wurde in einem großen Blatt mitgetheit, es existire ein russisches Gesetz, das den Juden die Benutzung der Mineralquellen in Südrnßland untersagt. Der Polizeiminister von K. lieferte nun der Welt humoristischen Stoff, indem er in jedem Paß eines Juden dieses Jahr die Bemerkung eintrug: „Anfenthaltserlaubniß, aber ohne das Recht zur Benutzung der Mineralquellen." Kein Wunder, daß Rußland noch Barbarei aufweist, während überall steigende Kultur das Auge erfreut, während z. B. das obengenannte Fischerdorf Cranz in wenigen Jahrzehnten zu einem mit allen Hilfsmitteln der modernen Heilkunde ausgestatteten großen Bade geworden ist, kein Wunder daß alle ausländischen „Mineralquellen" blühen, nur nicht die russischen, und schließlich selbst die Aerzte aus dem Moskowiterland zur Kur ins Ausland fahren und dort viel Geld lassen. Doch nun ist es Zeit, auch den Humor im deutschen Antisemitismus zu betrachten. Eine halb traurige, halb belustigende Erscheinung ist da die schon oft gebührend abgesertigte Gelehrsamkeit, welche die Antisemiten bezüglich des Talmuds im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, von Eisenmenger bis zu den Neuesten! Ueber die Taufe denken übrigens einige der Herren ganz vernünftig. So hieß es in dem (bei W. Baade in Berlin) erschienenen „Talmud-Auszug": „Es spricht aus diesem Teufelswerke der entsetzliche Haß. Und niemals wird aus einem Juden ein überzeugter Christ werden, das beweisen die Erfahrungen der Jahrtausende. Die getauften Juden sind Juden geblieben und sind dadurch der christlichen Bevölkerung zum Fluch geworden". Oder war nicht der „Deutsche Pentateuch, Rüstzeug zum Kampf gegen das Judenthum" eine erheiternde Erscheinung, halb bemitleidenswerth wie sein Verfasser Carl Paasch, der den deutschen Gesandten in China von Brandt und die meisten deutschen Richter als Judenstämmlinge und Söldlinge der ^Iliaiwe isrrwlite hinstellte. Wir entsinnen uns noch, daß Herr Paasch behauptete, sein ihm gestohlenes Hemd werde in einer Synagoge aufbewahrt, und in dem „Deutschen Pentateuch" stand ein gefälschter Aufruf der ^llirnnw isiaelite universelle, den sogar einzelne Kreisblätter abdruckten. Und das ist das Traurigste in der im Ganzen belustigenden Flucht der antisemitischen Erscheinungen, daß alle die hirnverbrannten Fanatiker, Geisteskranken u. s. w. fort und fort gegen uns in der Politik mobil gemacht werden können. In dem gefälschten Aufrufe Crämieuxs, der bei der Wahl Ahlwardts in Arnswalde-Friedeberg eine große Nolle spielte, hieß es: „Der Katholizismus, unser hundertjähriger Feind, unterliegt, auf das Haupt geschlagen. Jeden Tag wird das Netz, welches Israel über den Erdboden wirst, sich ausbreiten... Unsere Macht ist groß, lernen wir sie gebrauchen. Was haben wir zu fürchten? Der Tag ist nicht fern, wo die Neichthümer der Erde ausschließlich den Juden gehören werden." Es wäre aber ganz verkehrt, dem grotesken Humor, den unsere Feinde zu allen Zeiten entwickelt haben, gegenüber die Hände in den Schooß zu legen, wie es Viele bei uns wünschen, sobald nur die Stürme an ihrem Haupte vorübergezogen sind. Unsere Geschichte lehrt uns, auf der Hut zu sein. Allerdings, wie es im Mittelalter üblich war, kann man die Citrone doch nicht mehr ansqnetschen. Hierher gehört ein Stoßseufzer der „Antisemitischen Korrespondenz" Nr. 208: „Wir würden für unseren Theil selbst davor nicht zurückschrecken, daß die jüdischen Massenvermögen, die doch ohne Zweifel uns Deutschen auf irgend eine Weise geraubt sind, staatlich konfiszirt und zu Gunsten der Allgemeinheit verwaltet würden." Wohin der Appetit der Antisemiten geht, das zeigte die „Antisemitische Korrespondenz" auch in dein bekannten Judenflintenprozeß (doch ist übrigens Herr Ahlwardt immer noch M. d. R., das heißt deutscher Neichstagsabgeordneter). Sie schrieb damals: „Hätten wir noch eine gesunde Justiz und eine vernünftige Staatsgewalt, so müßte die Löwesche Fabrik längst polizeilich geschlossen und das Vermögeil der Betheiligten mit Beschlag belegt sein." Wir glauben nicht, daß Herr Kommerzienrath Löwe Furcht vor diesen hungrigen Antisemiten hat. Und das ist der Humor davon. Alles hier Citirte ist humoristisch und doch wieder auch nicht. Denn bei den bevorstehenden Reichstagswahlen werden ivir diese selbe wahnsinnige Agitation mit denselben grotesken Mitteln ernsthafte Erfolge erzielen sehen, jeder Unsinn findet dann durch bezahlte und freiwillige Agitatoren ein tausendfaches Echo, und es wäre ganz falsch, den Gegner im Politischen Kampf zu unterschätzen. Wir bleiben am besten allesammt und überall der Fabel vom Wanderer eingedenk, dem der Sturm den schützenden Mantel nicht rauben konnte, der ihn aber auch bei vorübergehendem Sonnenschein nicht opferte. Me Wsche. Berlin, 12. August. ^Ä8^er „Fall Löhning", der ein so heftiges Blätterrauschen zur Sommerzeit verursacht hat, findet natürlich seine Anwendung auch auf unsere Verhältnisse. Schon zu Beginn der Affäre hat die liebe „Krenzzeitung" darüber gewitzelt, daß ein Beamter, der die Tochter eines Feldwebels heirathe, ja übler daran sei als der, der eine jüdische Bankierstochter heimführe. Ernsthafter faßt die Sache ein nationalliberales Blatt, die „Straßburger Post", an. Sie versichert