Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 entschwundener Zeiten. — Gelegentlich der Debatte über die Errichtung einer Säuglingsklinik an der Landesfindelanstalt erging sich der Abgeordnete Gr eg orig in Beschimpfungen der jüdischen Mediziner an der hiesigen Universität und verlangte, daß ausschließlich christliche Studenten und christliche Aerzte an dieser Anstalt studiren dürften. Der Alltrag wurde mit allen Stimmen abgelehnt. — Etwas über 60 Jahre alt ist in ihrer Villa in Baden nach langem Leideu Drau Sophie von Entmann, die Gemahlin des Großindustriellen David Nitter von Entmann. Präsidenten der Israelitischen Allianz und der Baron Hirsch-Stistung, dahingeschieden. Seit dem Tode ihres vor zwei Jahren verstorbenen einzigen Sohnes Dr. Ludwig von Gutmann war sie eine gebrochene Frau. Die wegen ihrer Seelengüte und Mildthätigkeit in weiten Kreisen bekannte Dame ward seither nicht mehr ill der Oeffentlichkeit gesehen, mit der sie einst in besseren Tagen, hervorragend mitbetheiligt bei allen Wohlthätigkeitsveranstaltungen, ill der lebhaftesten Fühlung gewesen. Doch ihr sich vor der Oeffentlichkeit abspielendes Walten als Wohlthäterin war nur ein kleiner Theil des Guten, das sie mit Freigebigkeit und Zartgefühl nach allen Seiten hin ausstreute. Noch viel mehr hat sie im Stillen gethan. — Der Kaiser hat dem Hofrath Dr. S. Grün Hut das Comthurkreuz des Franz Joses-Ordens mit dem Sterne verliehen. Ferner wurde dem Ballingenieur Karl Redlich der Titel eines Baurathes, und dem Privatdozenten in Krakau, Dr. Rösner, der Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors verliehen. — Dr. Josef Fröhlich wurde zum Polizeigerichtsarzt ernannt. — Dieser Tage starb in Labod der 72jährige jüdische Kaufmann Joses Herman, welcher infolge seiner Wohlthätigkeit und seiner humanen Gesinnung sich seitens der Bevölkerung stets der größten Achtung und Verehrung erfreute. Als die Kunde vom Todesfall im Dorfe bekannt wurde, wurden die Glocken der evangelischen reformirten Kirche geläutet, und der ref. Seelsorger Ludwig Nagy hielt anläßlich des Leichenbegängnisses sowohl im Trauerhause als auch auf dem Friedhof eine ergreifende Predigt und ein Gebet. Während des Ganges zum Gottesacker läuteten unablässig die Glocken der reformirten Kirche, und die ganze Gemeinde, ohne Unterschied der Konfession, schloß sich dem Leichenzuge an. Süd-Amerika. --- Newyork, 31. Juli. Am 29. d. M. ist hier der Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinden Newhorks, Rabbi Jakob Joseph, ein geborener Pole, in hohem Alter gestorben. Bei dem Begräbniß kam es leider zu schweren Unruhen. Etwa hunderttausend Leidtragende fanden sich bei der Synagoge in Henrystreet ein. und beim Erscheinen des Leichenwagens warfen sich Viele im Schmerz vor den Wagen. Die Polizei konnte nur mühsam dem Zuge den Durchlaß verschaffen, und viele Unglückssälle kamen vor. Als der Couduct dann zu den Druckmaschinenwerken der Firma Hoe gelangte, warfen antisemitische Angestellte Kübel voll Wasser auf die Theilnehmer des Leichenzuges. Die entrüsteten Juden stürmten die Fabrik und demolirten das untere Stockwerk, während die Angestellten mit Hilfe der Feuerspritze die oberen Geschosse vertheidigten. Weitere Verwirrung entstand, als die Polizei eingriff. Ein entsetzliches Handgemenge entstand, wobei Hunderte zu Boden geworfen und getreten wurden. Viele Verwundete mußten zürn Spital getragen werden. Zwei Polizisten und mehrere Juden wurden tödtlich verletzt. Die Firma Hoe sprach ihr tiefes Bedauern über den von ihren Angestellten verschuldeten Zwischenfall aus. Wie der Londoner „Expreß" meldet, herrscht unter den Newyorker Juden große Entrüstung über die Polizei, die mit ihren Stöcken auf die Juden einhieb und die angreifenden Antisemiten wenig belästigte. Fast 150 Theilnehmer des Begräbnisses sind verwundet und bettlägerig im Spital oder zu Hause. Eine Massenversammlung wurde einberufen, an der sämmtliche jüdischen Vereine und viele Christen sich betheiligen wollen, um einen Protest an den Bürgermeister zu richten. Dieser hat bereits eine strenge Untersuchung angeordnet. Non Nah und Fern. ----- Bei der in der vorigen Woche stattgefundenen Preisvertheilung der königlichen Akademischen Hochschule für die bildenden Künste erhielten für ihre Kompositionsübungen der Maler Julius Cohn eine Anerkennung, der Bildhauer Rudolf Marcuse die silberne Medaille. — Direktor Siegmund Lauten bürg ist zum Präsidenten des Berliner Ungarvereins gewählt worden. — Dr. med. Emanuel Herszky, ist am 28. v. M. hier im 28. Lebensjahre gestorben; er hat sich um die Bestrebungen für Hochschulpädagogik verdient gemacht. Ueber die beiden Vorträge, die Herszky im Verbände für Hochschulpädagogik hier hielt („Die Bedeutung des Unterrichts in der Geschichte der Medizin und in der allgemeinen Ethik für den angehenden Arzt" und „Der unbemittelte Student") ist seiner Zeit berichtet worden. Von anderen Studien Herszkys ist seiner Arbeiten über die Entwickelung der Medizin in Ungarn zu gedenken. — In der Synagoge in Ey d tk nhnen, in welcher jetzt an der elektrischen Beleuchtungsanlage gearbeitet wird, ist ein Einbruchsdiebstahl verübt worden. Die Diebe haben die eine der beiden in die Wand eingemauerten „Opferbüchsen" gewaltsam erbrochen und ihres Inhalts beraubt. — Der Rechtsanwalt Adolf Rothenberg ist am 30. v. M. hier gestorben. — Die Firma Gebrüder Barasch in Breslau hat in der Nähe von Warm brunn im Niesengebirge für ihre Angestellten ein Erholungsheim au 5 gebaut, dessen feierliche Einweihung am letzten Sonntag stattfand. — Der Geheime Kommerzienrath Heinrich Heimann, Seniorchef des Bankhauses E. Heimann in Breslau, ist am 29. v. M. im Alter von 79 Jahren in Marienbad gestorben. Er hatte das Geschäft von seinem Vater übernommen und zu großer Blüthe gebracht. Die Firma Pflegte Beziehungen zur Rothschildgruppe und nimmt namentlich im Wechselgeschäft eine erste Stelle ein. In seinen persönlichen Verhältnissen zeichnete sich Heimann durch patriarchalische Einfachheit aus. Der Polizeipräsident von Posen, Herr v. Hellmann, ist ein Neffe und der Landrath von Altenau ein Sohn des Verstorbenen. — Ja Barmen ist am 28. v. M. der Geheime Sanitätsrath Dr. Abraham Strauß, der Senior der dortigen Aerzte, im Alter von 77 Jahren gestorben. — In Karlsruhe ist der Verlagsbuchhäudler und österreichische Konsul I. Bielefeld am 28. V.M. gestorben. — Dr. Alois Kraus, Professor an der Prager Handelsakademie, wurde zum Oberlehrer an der neubegründeten städtischen Handelslehranstalt zu Frank' furt a. M. ernannt. — In München ist am 26. v. M. Kommerzienrath Moritz Guggen he im er im 77. Lebensjahre gestorben. Derselbe war lange Vorsitzender der Handels- und Gewerbekammer für Oberbayern. — In Zürich wurde am 29. v. M. Dr. jur. Wilhelm Sonnen bl um, Polizeirath aus Wien, auf dem jüdischen Friedhose beigesetzt. Dr. Sonnenblum war mit seiner jungen Frau, mit der er erst sechs Monate verheirathet war, auf einer Vergnügungsreise durch die Schweiz begriffen, auf der ihn der Tod infolge eines Herzschlages ereilte. Er starb in Sissikon am Vierwaldstätter See. — Bei dem Begräbniß des Bildhauers Professor Antokolsky in Petersburg sprachen auf dem jüdischen Friedhofe Graf Tolstoi, der Vizepräsident der Akademie der Künste, ferner der bekannte Kunstkritiker Stassof. Baron G. Günzburg und der Rabbiner Dr. Drabkin. Die Betheiligung war eine sehr große. In der französischen Akademie der Künste hielt der Präsident, der Vater Laurens, eine Gedenkrede auf den großen Künstler. — Die Zahl der in diesem Jahre in die kaiserliche technische Schule zu Moskau neuaufzunehmenden Juden wurde auf zwei Prozent der Gesammtzahl der neueintretenden Zöglinge beschränkt. — Nach einer Kundmachung des technologischen Instituts zu Charkow können unter den 205 Vakanzen, welche das Institut in diesem Jahre aufweist, nur 10 Juden Ausnahme finden. Somit wurde die Zahl der Juden irn Institut auf welliger als fünf Prozent herabgesetzt. — Die Juden der Stadt Be nd ery hatten den Gouverneur von Bessarabien um Erlaubniß zur Gründung eines Hilfsvereines für arme Juden ersucht. Der Gouverneur wies dieses Gesuch zurück. Infolge der Beschwerde der Juden hat der dirigirende Senat von Petersburg den Beschluß des Gouverneurs annullirt. Die jüdische Gemeinde von Bendery hat hierauf ihr Gesuch beim Ministerium des Innern in Petersburg erneuert. Nunmehr erhielt die Gemeinde den Bescheid, daß da Ministerium das Gesuch ebenfalls verworfen hat. — Anläßlich de Besuches des Prinzen Heinrich in den Vereinigten Staaten hat auc der Bürgermeister von Cincinnati, Julius Fleisch mann, de Rothen Adlerorden 3. Klasse erhalten. — Die Firma S. Mendelsohn i London und Kapstadt hat der neuen Synagoge in Kimberley dre große Gedenktafeln zur Erinnerung an die im Kriege gefallenen jü dischen Soldaten geschenkt. Die Namen der Soldaten und die Widmuiu füllen die Metallplatten, die 5 Fuß 6 Zoll hoch und 4 Fuß 3 ZM breit sind, vollständig aus. Der ornamentale Rand besteht ebensalkZ aus Metall, während das ganze Arrangement eine Umrahmung von^ Parian erhält, welches in Kimberley hergestellt wird. Das DenkuA A wird im Vestibül der neuen Synagoge Kimberleys Ausstellung finM W Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin.