Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Könitz von den jüdischen Schlächtern beobachtete Schächtverfahren geschildert hat ... . Der Kleiderbefund ist allerdings in dem Gutachten des Medizinalkollegiums erörtert und begutachtet worden. Das Schlußgutachteu zu Nr. 4 (vergl. oben zu 2) stützt sich auch in der That auf den Kleiderbefund, insbesondere die an den Hosen und an der Weste nachgewiesenen Samenflecke, aber für die Annahme, daß der Tod durch Erstickung erfolgt sei, ist der Kleiderbefund nicht verwerthet. Die wissenschaftliche Deputation folgert ans dem Befunde des Kopfes, daß für die an der Sehmenhaube im Vorderhauptstheile Vorgefundenen zahlreichen braunrothen, rundlichen Flecke als natürlichste Ursache ein Schlag mit einem schweren stumpfen Körper sei, und daß ein solcher Schlag den Winter zwar nicht sofort getödtet. aber doch derart betäubt habe, daß für die weitere verbrecherische Thätigkeit ein gelähmtes, vielleicht sogar bewußtloses Objekt geschaffen war. Diese Folgerung wird auf die als vorhanden festgestellten Blutanstretungen in der weichen Hirnhaut gestützt. Es leuchtet hiernach ein, daß der vom Antragsteller angetretene Gegenbeweis, es sei von den Obduzenten nach derartigen äußeren Einwirkungen auf die Weiche Schädelbedeckung vergeblich gesucht worden, nicht ins Gewicht fallen kann." — Seitens des Denunzianten war auch die Verurtheilung des unglücklichen Moritz Lewy wegen Meineids als „Schuldbeweis" ausgebeutet worden. Hierzu bemerkt die Urteilsbegründung: „Moritz Lewy hat allerdings die Bekanntschaft mit Ernst Winter eidlich abgeleugnet und ist dafür ivegen Meineids bestraft worden. Aber es liegt kein Grund vor anznnehmen, daß er sich zu dieser Ableugnung im Bewußtsein der Mitschuld an einem Verbrechen bewogen gefühlt hat. Wahrscheinlicher ist es, daß ihn dazu die Furcht, durch ein Zugeständniß erneuten Verfo lgun gen ausgesetzt zu sein, verleitet hat." N. Halversta-t, 3. August. Am 14. v. M. verstarb hier der Bankier Berson Baer im 81. Lebensjahre. Die Gemeinde verlor in ihm eines ihrer ältesten Mitglieder, das große Verehrung genoß und sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Hierzu hatte die seltene Herzensgute des Mannes, seine Friedfertigkeit und Bescheidenheit beigetragen. Aber auch als wahrhafter Jude mar er vorbildlich, und das Rabbinat würdigte an seinem 80. Geburtstage seine herrlichen Charaktereigenschaften und seinen Wohlthätigkeitssinn durch Verleihung der Morlau. Das Haus des verstorbenen ehrwürdigen Greises war die Zufluchtsstätte der Armen in der Gemeinde. Dort fanden sie stets williges Gehör, immer liebevolle Berücksichtigung, und besonders Gelehrte suchte der Entschlafene in seiner stets liebenswürdigen, taktvollen Weise zu fördern. Mehr als 40 Jahre hat er der Gemeindeverwaltung angehört und durch seine friedliche, besänftigende Thätigkeit erfolgreich gewirkt. Als er aus Bescheidenheit wegen seines hohen Alters diese Ehreustellung bei einer Neuwahl ablehnte, erregte dies tiefes Bedauern im Kollegium, wo er als treuer, liebevoller Berather geschätzt wurde. Seine Milde und aufrichtige tiefe Frömmigkeit wirkte anziehend und anregend auf Jeden, der ihm nahte, so daß er trotz seines hohen Alters in seinem Hause stets eine Anzahl jüngerer Männer sah, die er durch die Frische seines Wesens und das ernste Interesse an allen Tagesfragen zu fesseln verstand. Es war ihm vergönnt, ein hohes Alter zu erreichen und reichen Segen zu verbreiten. Die Gemeinde Halberstadt wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren. t. München, 29. Juli. Am 26. v. M. verschied hier und wurde am 28. Juli unter großen Ehren begraben der Kommerzienrath und frühere Handelsrichter Moritz G u g g enh e im e r. ein Mann, der bis zu seinen! in dem hohen Alter von 77 Jahren eingetretenen Ende rfolgreich wie wenige Menschen im wirthschaftlichen Leben thätig und unter anderem auch Vorsitzender des Aussichtsrathes der weltbekannten Aktiengesellschaft Löwenbräu gewesen ist. Deswegen würde hier nicht seiner gedacht werden, wenn dieser vor längeren Jahren bereits aus einen: ^andstädtchen hierher verzogene Mann nicht schon vor 30 Jahren längere Jahre hindurch in der hiesigen Stadt mit überraschenden Erwlgen die Stelle des ersten Vorstandes des Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten bekleidet hätte und in der heutigen Magistratssitzung, wiewohl schon seit mehr als 20 Jahren der Verstorbene nicht wehr der gemeindlichen Vertretung angehörte, der Bürgermeister der Stadt seiner nicht dankbar gedacht hätte; die Dankbarkeit für die hervorragende Geschäftsführung des Dahingeschiedenen sei in den Geneindekollegien nicht erloschen und werde auch in alle Zukunft bestehen bleiben; Kommerzienrath Guggeuheimer habe in seinem überaus schwierigen Amte sich durch seine hervorragende Gewandtheit und vollste Unparteilichkeit die allgemeine Anerkennung erworben, und darum werde sein Andenken allzeit gesegnet bleibeik. Es darf nämlich nicht vergessen werden, daß der Heimgegangene mit großer persönlicher Liebenswürdigkeit und seltenem Scharfsinn, wenn auch meines Wissens nicht mit akademischer Bildung ausgestatteter Manu, es verstanden hatte, sein Amt in dem Gemeindekollegium, in welchem die politischen Gegensätze der Liberalen und Ultramontanen fortwährend anfeinanderplatzten, mit unendlichem Geschicke zu sichren. Ich erinnere mich, daß mir in der Zeit nach dem französischen Kriege bei der Erledigung des Amtes eines bayerischen Handelsministers mehrfach erzählt wurde, daß der damalige Ministerpräsident Graf Hegnenberg- Dux sich mit dem Gedanken getragen habe, für das erledigte Amt den Heimgegangenen in Vorschlag zu bringen; wer den Verstorbenen gekannt hat, weiß, daß er das Zeug dazu besessen hätte, auch ein solches Amt erfolgreich zu bekleiden. — Zur Beerdigung am Montag hatte sich eine Vertretung des Magistrats und des Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten, die Elite der Münchener Großindustrie und zahlreiche Vertreter aller Stände auf dem israelitischen Friedhofe eingefunden. Die Gedächtnißrede, die Rabbinatssubstitut Dr. Finkelscherer in der Halle hielt, schilderte den Verstorbenen als gediegenen Charakter, den sittlicher Ernst des Strebens, Wärme und Treue der Ueberzeugung, Arbeitslust und Arbeitsfreudigkeit, Pflichttreue und edler Wohlthätigkeitssinn auszeichueten, und würdigte die hervorragenden Verdienste des Verstorbenen als Mitglied der städtischen Kollegien, als Mitglied und Präsident der oberbayerischen Handels- und Gewerbekammer, als Handelsrichter, als Mitbegründer des Münchener Handelsvereins, als langjähriges, werkthätiges Ausschußinitglied der israelitischen Kultusgemeinde und als Aufsichtsrath verschiedenerangesehener Korporationen. Nach der Gedächtnißrede bewegte sich der Leichenzug unter Vorantritt von flambeauxtragenden Magistratsbediensteten zum Grabe. Dieses war mit reicher Pracht geziert und mit vielen Kränzen geschmückt, u. a. vom Magistrat, vom Kollegium der Gemeindebevollmächtigten, von der Direktion und dem Aussichtsrath der Bayerischen Vereinsbank, von der Aktiengesellschaft Kunstmühle Aichach und von Frau Bürgermeister von Erhardt („Dem Freunde ihres Gatten"). Unter ehrenden Nachrufen widmeten Kränze: Bankbeamter Schäfer Namens der Reichsbank, Direktor Pütz im Namen der Direktion und des Aussichtsrathes der Bayerischen Vereinsbank, Aussichtsrath Frank für die Aufsichtsräthe der Aktienbrauerei zum Löwenbräu, Direktor Düll Namens der Direktion, der Beamten. Bediensteten der Löwenbrauerei. Direktor Schott im Aufträge des Aussichtsrathes der Portlandzementwerke Heidelberg und Mannheim und Kommerzienrath Kirchdörfer im Namen der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde. a. Fürth, 31. Juli. Am 27. v. M. ist hier die Kausmannswittwe Betty Kolb im 72. Lebensjahre gestorben. Die Dahingeschiedene war in Ausübung wohlthätiger Menschenliebe unermüdlich, sie suchte vielfach die Wohnungen der Armen selbst auf, war die Mitgründerin des seit 32 Jahren in Fürth bestehenden Hauptwohlthätigkeitsvereins: des Vereins für Unterstützung kranker Frauen lohne Unterschied der Konfession), gehörte diesem Verein seit seiner Gründung als Vorsteherin an und zeichnete sich während des Feldzuges 1870/71 so aus, daß ihr das preußische Verdienstkreuz, das bayerische Verdienstkreuz und die Kriegsdenkmünze für Nichtkombattanten verliehen wurden. Rabbiner Dr. Neubürger hielt die Grabrede. Justizrath Wittelshöfer legte Namens des Vereins zur Unterstützung kranker Frauen einen Kranz nieder. Der Veteranenverein, welcher die Dahingeschiedene zu seinen! Ehrenmitgliede ernannt, und dessen Mitglieder sich mit der durch Trauerflor umhüllten Fahne eingefunden hatten, legte durch Buchdruckereibesitzer Krauß einen Kranz und der Verein für weibliche Diakonie durch Herrn Pfarrer Pöschel unter einer Ansprache einen Kranz nieder. Oesterreich - Ungarn. HI Wien, 4. August. In der Sitzung vom 1. d. M. hat der Prager Stadtrath eine Zuschrift der Statthalterei zur Kenntuiß gebracht, wonach nun doch das Ministerium die Expropriation eines Theiles des Prager I uden srie d ho fs versügt hat. Die Verhandlungen über diesen Gegenstand haben lange gedauert, und immer blieb die Hoffnung rege, dieses Stücklein Erde, woran sich so viele historisch interessante Erinnerungen knüpfen, werde der Nachwelt erhalten bleiben —- nun aber ist es vorbei mit der düstern Romantik des Prager Judenfriedhofes, die Gegenwart mit ihrer unerbittlichen Nüchternheit hat keinen Raum mehr für die Romantik längst