Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 384 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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384 „Komm' nach Haus, Sara, — 's ist noch zu kalt, um auf der Straße zu stehen — und es regnet; die „Mazzes" werden mir noch naß und säuern am Ende! Komm, wir wollen sie nach Hause tragen." „Sie sind sa zugedeckt, Mutter," sagte das Mädchen, „da kommt kein Tropfen durch . . . Ich möcht' doch so gern die Braut sehen . . ." „Pah — die Getaufte!" murmelte die Mutter . . . „Es ist nicht werth, daß man darauf wartet!" Und sie murmelte ganz leise eine kräftige jüdische Verwünschung . . . „Sie ist doch noch nicht getauft, Mutter!" „Aber bald wird sie's sein! — Meinst, der vornehme Herr wird sich ein jüdisch' Kind zur Frau nehmen?" „Sie bleibt doch ein jüdisch' Kind, Mutter," sagte das Mädchen, „wenn sie auch getauft ist!" „Hast Recht, — das bissel Wasser thut's nicht!" sagte die Mutter. „Und dort, in der vornehmen christlichen Gesellschaft, wo sie sich den Eintritt verschafft mit ihrem Gelde, — wird sie immer als Jüdin angesehen werden!" Dasselbe meinte auch der Schuster Hornig, der seine Arbeit unterbrochen hatte, froh, daß es wieder mal was zu sehen gab. Heut tänzelte er nicht frierend umher. Freilich blies ihm der Frühlingswind noch empfindlich unter die Hemdsärmel, aber eine Prise aus der großen Schnupftabakdose machte alles wieder gut. „Prise" war sein Universalmittel. Sie wärmte, wenn er fror, stillte den Hunger, wenn derselbe nicht gar zu wüthend war; — sie gab dem Schuster Hornig die besten Gedanken ein. Auch jetzt begann er nach ausgiebigem Niesen Worte der Weisheit zu reden . . . „Na zum Beispiel," sagte er, „wie weit so ein Jnd' es bringen kann . . . Nun kriegt er 'nen Grafen zum Schwiegersohn, und die Tochter wird Gräfin . . . Denn warum? — Er hat ebend das Geld!" „Sünd' und Schand' ist's!" fuhr der Schneider Pohlmann auf.. „Schande, daß solches Lumpenpack sich in unsere hohen Adelskreise drängen thut! — Das sollte nicht erlaubt sein! Das dürfte nicht erlaubt sein!" „Ja zum Beispiel," sagte der Schuster bedächtig, „warum nimmt er sie denn? Das kann ich zum Beispiel nicht entschuldigen." „Sie läßt sich ja taufen, — heute vor der Trauung," sagte eine Frau, die daneben stand, „sie hat ja schon 'n paar Wochen beim Pastor Unterricht gehabt . . . Also ist sie keine Jüdische mehr." „Getauft oder nicht," meinte Schuster Hornig, „Jud' bleibt Jud', denn warum? — Es ist der Charakter (er sprach es Charaktör aus, mit dem Ton auf der letzten Silbe), der sich nicht verändern thut . . . Das Hab' ich zum Beispiel schon oft erfahren . . ." Der Schneider Pohlmann aber schimpfte nach seiner gewöhnlichen Weise und suchte seine Gehässigkeiten vor den Umstehenden „historisch" und „wissenschaftlich" zu begründen. Niemand hörte jedoch auf ihn, denn die Aufmerksamkeit war durch die Hochzeitequipagen gefesselt, die nach und nach langsam vorfuhren und die im Hochzeithause versammelten Gäste ausnahmen, um sie zur Kirche zu bringen . . . Bleich und wunderschön kam endlich die Braut am Arme des Bräutigams die Stufen herabgeschritten, eine Wolke von Tüll und kostbaren Spitzen hüllt sie ein, und die schwere Brokatschleppe wurde von zwei Dienstmädchen getragen. Sie schwankte, als sie in den Wagen steigen wollte; da umfaßte er sie und hob sie hinein. „Wie stark Du bist. Liebster!" sagte sie bewundernd. Er lachte. „Wäre schlimm, wenn ich so'n leichtes Persönchen nicht tragen könnte! — Kannst daran sehen, wie ich Dich immer auf Händen tragen werde!" scherzte er. „Auf Händen tragen, — nein, — das will ich gar nicht!" sagte sie. „Du sollst mich nur immer lieben, — immer so wie heute; und ich will alles mit Dir theilen, Freude und Leid; ich will Dein Weib, nicht Deine Puppe sein, Liebster!".... „Hu, — das ist ja eine ganze Predigt! Pastor wird uns schon eine halten!" „Du kannst scherzen, — und mir ist so ernst, so feierlich zu Muthe — so bange." Sie schmiegte sich an ihn . . . Er umfaßte sie. „Ja, — warum denn bange, Kind? — Warum so furchtbar ernst? — Thränen auch noch? — Hast gar keine Ursache dazu! — Kriegst 'n netten, guten Kerl zum Mann, der Dich herzlich lieb hat!" Wirklich war es ihm in diesem Augenblick Ernst mit seinen Worten. Er hatte sie lieb, wie sie da so rührend schön und hilflos neben ihm saß. „Sie ist wirklich allerliebst," dachte er, „nur etwas sentimental . . . Werde ihr das schon abgewöhnen! Ich kann ganz zufrieden sein. . . Wird patentes Weib werden — und das schöne Geld dazu. . ." Er nahm ihre Hand, sie war kalt wie Eis und erwiderte den zärtlichen Druck der seinen nicht . . . Sie war erkältet bis ins innerste Herz hinein und hätte doch nicht zu sagen vermocht, warum ... Es war nicht das erste Mal, daß sie durch seine Art sich verletzt fühlte. Die zarten Schwingungen ihres Gefühls fanden keinen Widerhall in feinem Herzen. Er hatte solch eine oberflächlich - gutmüthige Art, die Regungen ihrer Seele abzuthun — ihre Sentimentalität, wie er's nannte. . . Er scherzte, wenn sie ernst war und hielt das für das richtige Mittel, „sie zu kuriren" . . . Für ihre geistigen Interessen hatte er kein Verständniß. „Bin Soldat," sagte er, „kein Gelehrter! — Gebe mich nicht mit solchem Zeug ab! — Und Du, — bitte Dich um Himmelswillcn, — was soll Dir ganzer Kram? — Bist doch'n junges Mädchen! Willst doch kein Blaustrumpf sein! — Ja, was man so für Salon braucht, — gut! — Aber mehr hast Du doch, Gottlob, nicht nöthig! — Arme Mädel, die unterrichten müssen, mögen lernen, — aber Du!?" „Hast es nicht nöthig!" — Daß sie lernte, weil es ihr Vergnügen machte, begriff er nicht. Ach, — er verstand sie in so Vielem nicht; und auch sie mußte ihn erst verstehen lernen. Er war ein Mann, ein Soldat, sein Sinn war ganz auf das Konkrete, Praktische gerichtet. Sie mußte sich erst in seine Interessensphäre einleben. Sie hatte die Pflicht, — sie war ja nun sein Weib. . . Mit einem Ruck hielt der Wagen. Wie im Traum suhlte sie sich herausgehoben und auf den Teppich gestellt, der vor dem Portal der Kirche lag. Wie im Traume sah sie die dichte Gaffermenge, die sich um den Wagen drängte; wie im Traum hörte sie Orgelklang aus dem Innern der Kirche. Und flüchtig wie ein Traumbild sah sie mitten in der Menge ein bärtiges Gesicht auftauchen, ruhig, aber tiefernst sie anblickend, und blitzschnell wieder verschwinden: Sallh Silberstein. . . . (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für di« Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.