Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 383 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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S83 Fassen wir unsere Betrachtung zusammen, sv ergiebt sich als daS Wesen des Judenthums ein Dreifaches: ein religiöses, ein moralisches, ein historisches Element. In religiöser Hinsicht ist das Charakteristische die Lehre von der Einzigkeit, Persönlichkeit und Ueberwe ltlichkeit Gottes; hierin unterscheidet es sich am wesentlichsten vom Christenthum. Die jüdische Moral ist gekennzeichnet durch das Maßvolle und Naturgemäße einerseits und durch die absolute Humanität andererseits; in moralischer Hinsicht stimmt es mit dem Christenthum im Wesentlichsten überein. Das historische Kennzeichen endlich ist die Bundesidee. In Bezug darauf ist unsere Religion mit dem Christenthum theils übereinstimmend, theils von ihm sich unterscheidend. Auch dieses spricht von einem Bunde, aber von einem neuen und höheren und von dem Mittler desselben. Was nun den neuen Bund betrifft, so ist seine Idee nicht neu, sondern gut alttestamentlich; denn bekanntlich spricht schon Jeremias davon, der die Neuheit des Bundes darein setzt, daß die Worte Gottes nicht blos auf steinerne Tafeln, sondern einem Jeden ins Herz geschrieben sein sollen (Kapitel 31, Vers 30—33), und der bei dieser Gelegenheit auch ähnlich wie Jesaia auf die der Naturordnnng gleichende Unzerstörbarkeit desselben hinweist (Vers 35—37, vrgl. Jes. 54, Vers 9—10). Und wenn man einwendet, daß dieser Bund nur mit Israel geschlossen sei, sv bedenke man, daß Jesaia ihn vergleicht dem Noahbuude, der bekanntlich auf die ganze Menschheit sich bezieht. Israel ist eben nur der Vermittler dieses mit Gott geschlossenen Menschheitsbundes, und das ist das Unterscheidende : während das Christeuthum die Erlösung, das Heil, den Segen der Welt abhängig macht von einem einzelnen, einzigen Menschen und seinem einnialigen Opfertode, hat unsere Religion ein ganzes Volk zum Eoitesknechte bestimmt und zum Vermittler des Bundessegens an alle Welt, aber nicht durch ein einzige Thathandlung, sondern durch ein immer sich erneuerndes Kämpfen und Dulden. Der Brief an die Hebräer vergleicht Christus mit Melchisedek, dem Priester des höchsten Gottes (Kapitel 6, Vers 20), und unsere Thora verlangt von ganz Israel: Vllsi 'Ul VUN2 H2V22 21181 »Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." (Ex. 19,6.) Wenn wir nun die Weseusmomente des Judenthums, wie ja auch Andere, und zwar mit Recht, wenn auch nicht immer richtig versucht — denn gewisse Dogmen muß jede Religion haben, und es ist falsch,.daß die unsrige nur Ceremonien, aber keine Dogmen kenne — auf bestimmte Glaubensartikel zurückführen wollten, so könnten wir sie entsprechend den drei Grundelementen, die wir gefunden, dem religiösen, moralischen und historischen, am einfachsten alsv fvrmuliren: I. Der Glaube au Gott und seine alleinige Herrschaft. II. Der Glaube an das Gute und seinen fortschreitenden Sieg. III. Der Glaube an sich selbst und seine heilsgeschichtliche Bestimmung. Irrthumer. Eirre Erzählung von B. Ginsberg. VIII.?ine Zeit herrschte Stille im Zimmer. „Kein Kapital — nur Zinselt . . . ." dachte der Graf. „Aber er ist reich, — und wenn Alte abkratzen, kriegt ja doch Tochter den ganzen Mammon, also gute Aussichten . . . Außerdem zahlt er hundertzwanzigtausend Mark Schulden — ohne diese Hilfe hatte Abschied nehmen müssen . . . Fürchtete schon, bei Erwähnung von Würfelgeschichte, daß Sache zu Wasser würde .. . Aber er glaubt mir und wird nicht weiter nachforschen .. . Verdammter toller Scherz das gewesen! Hätte mich bald hundertundzwanzigtausend baar und zwölftausend jährlich gekostet.. ." „Selbstverständlich will ich meiner Tochter auch weiterhin ein Toiletteugeld aussetzeu, wenn es Ihnen recht ist; meine Frau hingegen wird sich das Vergnügen machen, Küche und Keller mit allerlei zu versorgen... Sie wissen, wie Mütter sind! Es ist ja unser einziges Kind; und wir habend dazu, Gott sei Dank!" „Wenn er das nicht so oft sagen wollte, der Protz!" dachte der Graf. . . „Na, -- einerlei! Werden den Verkehr mit Eltern nur auf das Allernothwendigste beschränken, daß uns nicht kompromittiren können! — Tochter ist ja, Gottlob, romme il taut" . . . Wenige Tage vor dem Osterfest, das in diesem Jahre von Inden und Christen gleichzeitig begangen wurde, gab es vor der „Villa" wieder viel zu sehen. Der Frühling schritt über die Erde. Ein feiner Regen rieselte sacht hernieder, und leise öffneten sich die Knospen, und die zartgrünen Blättchen lugten hervor und tranken das Himmelsnaß. Wieder standen aus der Straße, um das zartgrüne Rasenrund, in dessen Mitte jetzt ein dünner Wasserstrahl hochsprang und in tausend Sprühtropfen auf einen steinernen Regenschirm, unter dem ein sandsteinernes Kinderpärchen sich duckte, herabfiel, — Menschengruppen höchst erwartungsvoll und ungeduldig. Ach Gott, — — es gab ja so viel noch zu thun vor den Feiertagen — für Juden und Christen, — besonders aber für die Frauen . . . . In jedem Hause war das große Scheuerfest des Jahres — und doch stand mall hier und wartete, um etwas von der Herrlichkeit zu erspähen . . . Denn auch im kommerzienräthlichen Hause gab es ein großes Fest — anders als das Scheuerfest der Juden. Wie Jene mit frommen, hausfraulichen Herzen mit Hilfe von Wasserfluthen und Feuersgluthen, mit Scheuerlappen und Besen das „Chomez" aus ihren Häusern fegten, so wurden im Hause des Kommerzienraths wie durch einen Wirbelsturm der letzte Rest der alten jüdischen Bräuche und Ideale hinausfegt.... Und der Wirbelsturm fegte durch die Straße und umbrauste zwei jüdische Frauen, die da neben einem großen, sorgsam zugedeckten Wäschekorb standen, den sie auf den Boden gesetzt hatten. Sie erschauerten, und weil sie glaubte, es sei der Frühlingswind, der sie so frostig anblies, sagte die Aeltere: