Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 382 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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882 auf einer gewissen kindlich-naiven Stufe den nationalen Gottesbegrifs mehr für einen Vorzug als Mangel; er ist das Natürlichste für eine reflexionslose Religiosität und sodann eine lebensvolle Verkörperung und zugleich Steigerung des nationalen Kraftgefühls; ferner, wäre das ganze Volk von vornherein monotheistisch in unserem Sinne gewesen, so müßten wir an eine übernatürliche Offenbarung glauben, die dann aber sofort dem Empfänger jedes eigene Verdienst nimmt. Gerade, wenn wir annehmen, daß auch Israel mit einem Nationalgott begonnen, tritt seine volle Bedeutung zu Tage, zeigt sich erst so recht seine religiöse Ueberlegenheit über die anderen Völker; denn diese konnten sich nicht losmachen von der primitiven Stufe ihres Götterwesens, während Israel das erhebende Schauspiel bietet, daß es von seinem Götzenthum, seinem Henotheismus, seine Monolatrie, seinem nationalen Jahvismus so rtsch reitet zu dem unendlichen Weltengott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Vater aller Völker und Menschen. Daß übrigens diese jetzt allgemein angenommene Auffassung nicht nur philosophische Konstruktion, sondern geschichtliche Thatsache ist, beweist ja schlagend der jahrhundertelange Kampf der Prophetie gegen den Volksglauben. Der Monotheismus hat sich also in Israel zuerst und hier am höchsten, aber eben nur allmälig entfaltet, so daß er nicht das mühelose Geschenk einer einmaligen Offenbarung, sondern das herangereifte Produkt gewaltiger Eigenkräfte darstellt. Aber auch die Moral, von der man es noch weniger vermuthet, hat sich fortschreitend entwickelt; nach dem Bisherigen müssen wir es sogar a priori annehmen, denn sie entspricht ja besonders in alter Zeit dem Stand der religiösen Vorstellungswelt. Aber wir finden es auch durch Thatsachen bestätigt; wir erinnern zum Beispiel daran, daß Jeremia und Ezechiel dem in der Thora ausgesprochenen Satz von der Heimsuchung der Sünden au den Kindern und Kindeskindern ihr Prinzip der Gerechtigkeit entgegensetzen, wonach ein Jeder nur für seine eigene Schuld zu bestrafen und nur für seine eigene Tugend zu belohnen sei (vgl. bes. Ez. K. 18). Das ist doch unleugbar ein ungeheurer Fortschritt. Aehnliche Fortschritte finden sich vielfach, zum Beispiel auch im Talmud, indem er durch seine Deutung manchen Gesetzen der Thora, die in ihrer Buchstäblichkeit streng und hart und rauh klingen (zum Beispiel Ex. 21, 24), diese Schärfe nimmt und in mildere Praxis umwaudelt (vgl. B. kam. 83 b.). Jedenfalls geht daraus hervor, daß auch die moralischen Lehren sich gewandelt, und die moralische Feinfühligkeit von Stufe zu Stufe gewachsen. Im Unters ch ie d » unvon diesen bei den kleinen ten war das dritte von Anfang an in seinem vollen Umfang und in seine r vollen Schärfe ausgeprägt und ist so bis zuletzt geblieben, durch allen Wechsel der Zeiten und Schicksale, durch allen Wandel der Anschauungen und Bräuche hindurch. Von Abraham, mit dem Gott zuerst den Bund schließt, bis Mose, mit dem er ihn erneuert, von Mose, der oftmals Fürbitte thut, um das gestörte Verhältniß wieder herzustellen, bis Jesaia, der den Bund Gottes mit Israel dem Noahbunde vergleicht, der nicht wankt, auch wenn die Berge und Hügel weichen, von dem Begriff der vorzeitlichen Erwählung bis zu dem der messianifchen Berufung ist dieser Bundesgedanke in Bibel und Talmud, von Priestern und Propheten, von Psalmisten und Spruchdichtern, von Schriftgelehrten und Rabbinen, von Geschichtschreibern und Philosophen ohne Ausnahme mit ganz besonderer Energie und Innigkeit festgehalten worden. Wie ein Adler sich seiner Jungen annimint, wie ein Vater sein Kind leitet, wie der Mensch seiner Brautzeit gedenkt, wie der Mann sein Weib umhegt, in solchen und ähnlichen Bildern ist der Liebesbund zwischen Gott und Israel geschildert. Aber dieser Bund giebt dem Volke mehr Pflichten als Rechte, am schärfsten vielleicht kommt das zum Ausdruck in den Worten Amos' (Kapitel 3, Vers 2): „Nur euch Hab ich erkannt von allen Geschlechtern des Erdbodens, darum will ich ahnden an euch all eure Sünden." Das „nur euch Hab ich erkannt" kann man auch dahin wenden, daß Israel zuerst von allen Geschlechtern den Ewigen erkannt; darum ist es der erstgeborene Sohn Gottes und als solcher berufen, den Brüdern d. h. den Völkern mit gutem Beispiel voranzugehen auf dem Wege der Gottesfurcht und Nächstenliebe, das ist der einzige oder wenigstens höchste Sinn der Bundesidee; sie macht Israel zum Gottesknecht, zum thütigeu wie zum leidenden, zum Lichte der Nationen in religiös-moralischen Dingen, zum Vorkämpfer der Humanität, zum Eckstein für den Bau des Gottesreiches. DaS ist sein geschichtlicher Beruf, dem es ja auch bisher nachgekommen. Weil dieser ideale Berus aber wie alles Ideale nur in unendlicher Zeit zu erfüllen und zu vollenden, darum ist der Bund Gottes mit Israel ein ewiger und unauflöslicher und darum gehört er unstreitig neben den beiden ersten Bestandtheilen mit zum Wesentlichsten des Judenthums; wir können uns aus ihm alles andere wegdenken, das Ceremonielle, das Nationale, so manche Glaubensartikel des Maimonides u. a., mit der Bundesidee aber steht und fällt das Judenthum. Wenn Israel nicht mehr glaubt, daß es noch einen Berns zu ersttlleu, und zwar einen heiligen, göttlichen, m dem Moment würde es sich entwurzeln und damit den ganze» Baum und Bau seiner Entwickelung zu Falle bringen oder abschneiden, in dem Moment würde es seine Existenzberechtigung verlieren; denn die Bundesidee, in unsere Sprache übertragen, ist nichts anderes als das Gefühl einer unendlichen Kulturaufgabe, einer Verpflichtung, jene zwei ersten Elemente, die Israel zuerst und am schärfsten erkannt und betont hat, nun bis ans Ende der Welt und der Zeiten zu tragen, sie unter allen Völkern zu vertreten und ausznbreiten und durch sein eigenes Beispiel rein und aufrecht zu erhalten. Denn d ie Lehren, zu deren Verkünder es ausersehen worden, sind im Unterschied von blos theoretischen, nur durch das ihnen Nachlebende Vorbild wirksam: „Und segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Geschlechter der Erde, dieweil du meiner Stimme gehorcht hast." (Gen. Kap. 22, Vers 18.) Diese Verheißung Gottes an Abraham gilt von Israel auch in dem Sinne: so lange es der göttlichen Stimme gehorcht, ist es ein Segen sür alle Völker der Welt. Das allein ist der tiefste Sinn der Auserwähltheit, von der übrigens viele Völker in der einen oder anderen Form durchdrungen waren und sind; sie enthält nicht nationale Vorrechte, sondern humane Pflichten; sie sollte nicht zur Ueberhebung und Absonderung verleiten, sondern in der Bundespfticht bestärken, sich als Knecht Gottes und als Diener der Menschheit zu erweisen, bald durch Thaten, bald durch Leiden.