Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 381 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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381 Von deiner Kraft, die grenzenlos, Von deiner Gnade, reich und groß. Ich weiß, o Gott! wie grob du bist, Kein Gott an Größe gleich dir ist. Denn was ein Gott bei Heiden heißt. Das ist nur stumm und hat nicht Geist. Man betet's an; doch o des Gotts! Nichts leisten kann der blöde Klotz. Man streckt in Noth die Hand empor — Schab' um das Wort, das man verlor! Wie flehen sie! ach, kein Geist ist da, Doch uns ist Gott, wir sind ihm nah. Wie uns, so schuf er alles Sein, Und ihm gehören wir allein. Er weidet uns, er leitet uns, Der ewig Heil bereitet uns. Er Hilst in Noth den Seinen stets. Wird Suchenden erscheinen stets. Drum unser Mund ihn preisen soll. Der stets so rühm- und wundervoll. Drei Zeugen, daß du herrlich gar: Dil selbst, wir und die Engelschaar. Die Erd' erfüllt die Herrlichkeit Und überstrahlt sie weit und breit. Die Väter wählten dich allein, Kein Andrer sollte Gott noch sein Auch wir sind dir nur zngekehrt, Wirst vatergleich von uns geehrt. Dir stets die Knie beugen wir, Von deiner Einheit zeugen wir. So Mund wie Herz zu jeder Frist. Sie sagen, daß du Gott nur bist. Du einziger Gott! dir dienen wir, Als Zeugen dir erschienen wir. Hast nie begonnen in der Zeit, Dein End ist die Unendlichkeit. Bist Erster, Letzter — doch Beginn Und Ende fehlt — dich faßt kein Sinn. Der endlos in die Höhe strebt. In tiefster Ties' unendlich lebt. Den Kreis und Winkel nicht umzirkt, Der sich den Lebenden verbirgt. Wer schlösse wohl in Seiten dich? Wer mißt nach Längen, Breiten dich? Umfang und Eck und Mitte gar — Nichts, was dich scheidet, nimmt man wahr. Gäb's Wissen, das dich je erreicht, Dann gäb' es Weisheit, die dir gleicht. Doch wie man Wissens sich befleißt, Nicht kennt im Mindsten dich der Geist. Weiß nicht, wie es um dich bestellt, Und wie aus nichts du schufst die Welt. Kortf. folgt.) Das Wesen des Indenthums. Bon Dr. Jelski-Berlin. MI). dem babylonischen Exil hört das Judenthum auf, ein Volk zu sein und verwandelt sich ganz in eine religiöse Gemeinde; die Epoche der Hasmonäar ist kein Gegenbeweis. Wohl stellt sie einen großen nationalen Aufschwung bar, aber sie wurde eingeleitet durch einen Religionskampf und sie lief aus in einen Sieg der Pharisäischen Partei; mit diesem Sieg war die nationale Kraft gebrochen, denn jetzt kam alles darauf an, dem Gesetze gemäß zu leben. Wohl flackerte sie noch einmal gewaltig ans in dem Kampf gegen die Römer, aber der Fall Jerusalems machte nicht nur der politischen Unabhängigkeit ein Ende, sondern bewirkte auch, daß sich die ganze Kraft der Nation um so intensiver auf das religionsgesetzliche Studium und Leben konzentrirte, und so ist es Jahrhunderte hindurch, zum Theil bis jetzt geblieben. Es war ihre Stärke und Schwäche zugleich, es hat Israel geistig und sittlich gefestigt in den Stürmen seiner Wanderung, aber es hat auch alle seine nationalen Kräfte absorbirt. Wie sollte es also jetzt im Stande sein, einen eigenen Staat zu bilden, von den äußeren Hindernissen der Gegenwart und der geschichtlichen Entwickelung der Vergangenheit und den religiösen Zielen der Zukunft ganz abgesehen?! Ein nationaljüdisches Reich, zumal in Palästina selbst, erscheint uns als eine aus Israels Charakter und Geschichte einerseits und aus den politischen Weltverhältnissen andererseits folgende Unmöglichkeit. Aber es ist auch gar nicht einmal sein Wunsch, denn es fühlt mit Recht, daß es mitten unter den Völkern diesen sowohl wie sich selber mehr zum Segen leben kann, als es in der Abgeschlossenheit eines, wenn überhaupt selbständigen, so doch winzigen jüdischen Staates der Fall sein würde. Gerade die Zerstreuung hat uns erhalten und gebildet, und wie im Alterthum, so wären wir auch jetzt uicht, als ein Reich mehr von Priestern als von Kriegern, de» Groß- und Weltmächten gewachsen, und wir hätten entweder völligen Untergang oder eine Wiederholung des alten Trauerspiels zu befürchten. Wohl sollen wir stets unseren eigenen Werth erkennen und festhalten, aber wir dürfen auch nicht vergessen, was wir den anderen Völkern verdanken, selbst dann nicht vergessen, wenn wir auch der Leidensgeschichte uns erinnern. Aus dieser aber kommen wir nicht durch eigene Kraft allein heraus, auch nicht durch die Kraft (oder Schwäche?) eines jüdischen Staates, sondern hauptsächlich durch das Fortschreiten einer alle Religions- und Rassenunterschiede ausgleichenden Humanität. Wenn der Zionismus nach dieser Richtung hin mitwirkt, indem er immer von neuem die Völker an die Pflichten eines Rechtsstaates erinnert, und wenn er andererseits uicht mit utopischen Zielen, sondern mit praktischen Mitteln und Wegen den Bedrängten, den Recht- und Schutz- und Heimathlosen unter den Glaubensbrüdern zu Hilfe kommt, für ihre materielle und geistige Hebung sorgt, für ihre Ansiedelung und Sicherung, gleichviel in welchem Lande, dann und nur insoweit hat er Berechtigung und Verdienst. Wenn wir also das Ceremonielle und Nationale als drittes WesenSmoment des Judenthums nicht können gelten lassen, was bleibt daun dafür übrig? Ich meine, nichts anderes als die Idee des Bundes, durch den Israel sich Gott verbunden fühlt. Diese Idee trägt in einer Hinsicht den Charakter des Wesentlichen sogar noch mehr als die zwei anderen Momente. Denn diese haben, abgesehen davon, daß sie ein wenigstens theoretischer Besitzstand der allgemeinen Kultur geworden, im Judenthum selber eine Wandlung und Entwickelung durchgemacht, während das dritte Element von Ansang bis zu Ende konstant geblieben. Der Monotheismus war nicht von Hause aus in seinervollen Reinheit und Klarheit gegeben; auch Israel hatte ursprünglich wie alle anderen Völker eineu Nationalgott, einen „Gott der Väter"; aber ich meine, daß dies so wenig seine Bedeutung beeinträchtigt, daß es vielmehr dieselbe in noch glänzenderem Lichte zeigt. Denn einmal halten wir überhaupt