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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-08 · Heft 32 (8.8.1902) · p. Seite 377

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
Seite 377 (sequence 7)
Language
German
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Von Interesse ist, daß diese Thatsache erst jetzt entdeckt worden ist, nachdem Hunderte von Juden Treitschkes Werk gelesen haben, darunter in großer Zahl auch solche, welche die wissenschaftliche Qualifikation besaßen, die Treitschkesche Darstellung auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Wäre etwas Wahres an der angeblichen „Empfindlichkeit der Juden gegen alle iadelnden Urtheile", so wäre die Haltlosigkeit der Treitschkeschen Darstellung sicherlich schon früher erkannt worden. Auch jetzt ist die Entdeckung, wie sehr Treitschke ins Blaue gearbeitet hat, nur durch einen Zufall erfolgt, nämlich dadurch, daß seine Darstellung Gegenstand einer, von der „Deutschen Hochwacht" liegen den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" angestrengten, Klage wurde. Der Prozeß, in dem beiläufig die . Deutsche Hochwacht" rechtskräftig abgewiesen wurde, hatte zum chatsächlichen Untergrund die Behauptung, daß die Juden sich das Hauptverdienst an dem Erfolg der Freiheitskriege beigemessen haben. Die „Deutsche Hochwacht" berief sich zum Beweise ihrer dahin gehenden Behauptung auf Treitschkes Darnellung in seiner deutschen Geschichte und ferner auf die von Treitschke dort citirten Schriftsteller. Die Prüfung der betreffenden Schriften ergab, daß Treitschkes Darstellung geradezu als eine Fälschung anzusehen ist, wenn man nicht annehmen will, daß er die Schriften selber gar nicht gelesen und das alles nur einem Anderen auf Treue und Glauben nachgeschrieben hat. In diesem Falle würde er sich allerdings einer Frivolität schuldig gemacht haben, welche an Unehrlichkeit stark heranreicht. Lassen wir Treitschkes Darstellung zunächst folgen. Er schreibt (Bd. 2, S. 418): „In dem literarischen Kampfe, der sich nun entspann, offenbarte st!) auf jüdischer Seite nicht selten eine erschreckende Verlogenheit und Ueberhebung; sie bewies klarer als alle Reden der Gegner, welche Insten Bedenken der vollständigen Emanzipation des Judenthums l och im Wege standen. Saul Ascher in Berlin bewitzelte die „Germanornanie" des jungen Geschlechts in einer Reihe hämischer Schriften, die emen fanatischen Haß gegen alles Deutsche, namentlich auch gegen Goethe bekundeten. Er rühmte von den glaubenlosen Juden, daß sie von der Weltgeschichte bestimmt seien, dereinst allen positiven Glauben w einer freieren Form zu leiten, und hatte die Stirn, seinen Stammeswnossen sogar das Hauptverdienst au den Siegen des Befreiungskrieges zuzuschreiben: „Man vergißt, daß Deutschlands Heere in dem Kampfe gegen Frankreich unterlagen, ehe noch die Juden in ihrer Glitte Theil daran nahmen, und erinnert sich nicht, wie erfolgreich sie m den Jahren 1813 und 1814 kämpften, als die Juden aus Rußland, Polen, Oesterreich und Preußen mit ihnen in Reihe und Glied standen." Gin anderer jüdischer Schriftsteller, der gegen Rühs und Fries zu Gelde zog, versicherte dreist, nur ein Jahr nach dem belgischen Feld- Wge. daß bei Belle-Alliance allein 55 jüdische Offiziere gefallen seien, während die preußische Armee dort insgesammt nur 24 Offiziere verloren hatte. Ein Dritter, der es offenbar wohl meinte, richtete ein freundliches Wort an die Christen" und meinte gemüthlich: Die eigenstnnigen jüdischen Köpfe würden doch nicht von ihren alten Bräuchen lassen; am klügsten also, wenn die Christen um der Eintracht willen ihren Sonntag auf den Sabbath verlegten. Der jüdische Lehrer Heß in Frankfurt erklärte alle seine christlichen Gegner einfach für Phantasten oder für Werkzeuge eines gemeinen Eigennutzes.*) Einem solchen Hochmuth gegenüber konnten auch in dem anderen Lager ungerechte und gehässige Worte nicht ausbleiben. Indessen bewahrte die große Mehrzahl der christlichen Schriften eine würdige Haltung. Die Ideen Lessings hatten doch in der Stille ihren Weg gemacht; so grausam wie einst Fichte wollte jetzt kein Deutscher mehr über die Juden schreiben. Die Verständigeren gingen fast alle von dem Grundsatz aus, daß der Aufenthalt im Lande allein noch keinen Anspruch auf das Bürgerrecht gebe; sie wollten den Israeliten wohl die Gleichheit aus dem Gebiete des Privatrechts zugestehen, aber nicht — oder jetzt noch nicht — das volle Maß der staatsbürgerlichen Rechte. Und so hart diese Meinung den gebildeten Juden erscheinen mußte, die Masse ihres Stammes befand sich damals unbestreitbar noch in einem verwahrlosten Zustande, der die vollständige Emanzipation nicht rathsam erscheinen ließ; richtete doch einer von ihnen selber an die deutschen Fürsten die wehmüthige Bitte, durch Verbesserung des jüdischen Schulwesens „meine Nation aus der geistigen Trübheit zu erheben". -) Das preußische Gesetz von 1812, das den Juden, mit Ausnahme der Zulassung zu den Staatsämtern alle staatsbürgerlichen Rechte gewährte, ging über die engherzigen Vorschriften der meisten anderen deutschen Gesetze weit hinaus und bezeichnet ungefähr das Maß dessen, was die Liberalen jener Zeit vorläufig für erreichbar hielten; Hardenberg selbst, der Gönner Koreffs, der sich der Inden überall gütig annahm, wollte diese Grenze durchaus nicht überschreiten. In diesem Sinne etwa sprach sich der Historiker Rühs aus, der den Reigen der antijüdischen Schriften eröffnet; ihm folgten Fries und Luden. Aber auch das radikale Oppositionsblatt schloß sich der Ansicht der christlich germanischen Gelehrten an, desgleichen Paulus, der Führer des Rationalismus, und Klüber, der weltlich liberale Publizist. Unter den namhaften Schriftstellern zeigte Kotzebue den Juden das meiste Wohlwollen, der Todfeind der jungen Teutonen fühlte sich durch eine innere Wahlverwandtschaft zu Saul Ascher hlngezogen; doch auch er meinte, erst müßte die Kultur der Juden „durch eine Art von Bekehrung" gründlich umgestaltet werden, bevor sie die Gleichberechtigung erlangen könnten. Die sofortige Emanzipation forderten nur einzelne wenig bekannte christliche Publizisten, so Lips in Erlangen, der die deutsche Nation durch die Beimischung jüdischen Blutes beweglicher machen wollte." Diese Darstellung hat von vornherein zwei Grundfehler. Erstens muß sie in dem Leser den Glauben erwecken, als hätten die Rühs, Fries rc. sich auf den Boden des Gesetzes von 1812 gestellt, während sie in Wirklichkeit dieses Gesetz gerade abschaffen wollten und insbesondere die Ausschließung der Juden vom Dienst im Heere erstrebten. Zweitens erscheint nach Treitschkes Darstellung das Vorgehen von Rühs und Fries als eine Abwehr anmaßender jüdischer Bestrebungen, während in Wirklichkeit die Schriften der Rühs und Fries zeitlich vorhergingen und ihrerseits die Veröffentlichung der jüdischen Schriften erst veranlaßt hatten. Von den vier Schriften, die Treitschke zitirt, bezeichnen sich zwei als derartige Antworten schon.im Titel, nnd eine dritte, nämlich Saul Aschers „Germanomanie", richtet sich im Wesentlichen ebenfalls gegen Rühs Nur die vierte („Ein freundliches Wort" o. O.)') macht in dieser ') Saul Ascher, Germanomanie, Berlin 1815, S. 67. Bemerkungen zu den Schriften der Professors Rühs und Fries über die Inden, Frankfurt 1816, S. 4. Ein freundliches Wort an die Christen von einem Juden, o. O. 1816. M. Heß, Freimüthige Prüfung der Schrift von Rühs. Frankfurt 1816. —?) Patriotischer Aufruf eines treuen Israeliten an die Fürsten Deutschlands. Büdingen 1816. 2) Der genaue Titel lautet: „Ein freundliches Wort an die Christen zur gänzlichen Behlegung ihres Streites mit den Juden. Von einem Juden." Ich vermuthe gerade aus der falschen Zitirung des Titels, daß Treitschke die Schrift nicht in Händen gehabt hat, sondern sie einfach als o. 0.1816 bezeichnet hat, weil ihm der Ort des Erscheinens nicht bekannt war, und er annahm, sie sei, wie die übrigen derartigen Schriften, 1816 erschienen.

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