Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-08 · Heft 32 (8.8.1902) · p. Seite 376

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
Seite 376 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228506--58902-3295385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

376 in Verbindung gestanden bin. Man druckt so etwas nicht, aber man läßt es verbreiten. Nach den Einen hätte ich an Rußland Mittheilungen verkauft, welche die Verhältnisse unserer Mobilisirung betrasen und die Unrichtigkeit der Angaben des Generals Boisdeffre bei Abschluß der Allianz zeigen sollten. Nach den Anderen wäre ich vom General Boisdeffre selbst aufgefordert worden, an Rußland die Details über unsere Mobilisirung gelangen zu lassen, welche der General selbst mir geliefert hätte, damit die offiziell angegebenen Ziffern aus dem Wege der Spionage Bestätigung finden sollen. Sie zucken die Achseln, verehrter Herr und Freund, über derlei Dummheiten. Es sind einige Wochen her, daß General Gallifet zu unserem Freunde Joseph Reinach, welcher mich ermächtigte, davon Gebrauch zu machen, gesagt hat: „Das Borderau ist von Esterhazy, welcher zwei Komplicen hatte. Was Dreyfus betrifft, so hat er niemals Beziehungen zu Deutschland gehabt. Aber Jemand, welchen ich nicht nennen darf, sagte mir in Marienbad, daß Dreyfus in Diensten Rußlands gestanden." Reinach protestirte, ohne jedoch den General Gallifet in seiner Ueberzeugung erschüttern zu können. Habe ich es nöthig. Ihnen zu sagen, daß die ganze Geschichte eine abscheuliche Lüge ist, daß ich niemals mit Rußland in Verbindung gestanden, ebensowenig wie mit Deutschland? Sie werden mir einen großen Dienst leisten, wenn Sie diesen Brief veröffentlichen. Es ist das einzige Mittel, diese dumme und unerhörte Legende zu tödten, indem man sie dem großen Tageslicht aussetzt. Auf diese Weise wird sie zerstört werden. Man wird vielleicht der russischen Regierung glauben, wenn sie erklären wird, daß sie niemals in Verbindung zu mir gestanden ist. Ich fordere den General Boisdeffre hiermit auf, zu sagen, ob ich jemals Beziehungen zu Rußland hatte. Hugues le Roux erzählt, daß ihm Felix Faure gesagt habe: „Die Revision des Dreyfus-Prozesses ist nothwendig, weil sie gesetzmäßig ist." Felix Faure gilt dafür, daß er besser als irgend Jemand alle Umstände gekannt hat, die sich auf die russisch-französische Allianz bezogen. Er wußte auch, daß ich vollständig unschuldig bin. Der Tag wird kommen, an welchem eine neue Thatsache ans Licht dringt, die es mir ermöglichen wird, endlich die legale Revision zu fordern, welche mir gesetzmäßig meine Ehre wiedergeben soll. Aber bis dieser Tag anbricht, unterstützen Sie mich darin, einer abscheulichen Legende, welche im Dunkel schleicht, den Garaus zu machen Im englischen Unterhause war in dieser Woche das Vorgehen der rumänischen Regierung gegen die jüdischen Handwerker Gegenstand einer Anfrage, in deren Beantwortung Unterstaatssekretär Cranborne erklärte, daß die ausschließliche Anwendung des in Rede stehenden Gesetzes auf die Juden gegen den Berliner Vertrag verstoße. Es wird darüber telegraphier: Hahter stellte die Ansrage, ob das im März in Rumänien erlassene Gesetz, welches die Beschäftigung jüdischer Arbeiter verbietet, in Uebereinstimmung mit den Bestimmungen des Berliner Vertrages sei, und ob die britische Negierung gegen dieses Gesetz Einspruch erhoben habe. Cranborne erwiederte, das in Rede stehende Gesetz beziehe sich aus alle Ausländer in Rumänien und erwähne nicht besonders die Juden, doch wenn das Gesetz lediglich gegen die Juden angewendet werde, so gehe die Ansicht der Negierung dahin, daß das Gesetz mit Artikel 44 des Berliner Vertrages unvereinbar sei. Der englische Gesandte in Bukarest habe über diesen Punkt bei der rumänischen Regierung in freundschaftlicher Weise Vorstellungen gemacht und werde sortfahren, im Interesse der Juden zu thun, was er könne. 4 Inzwischen hat in Rumänien selbst ein Ministerwechsel stattgefunden, der für die dortigen Juden nicht ohne Bedeutung ist. Der Ackerbauminister Missir, der Urheber des berüchtigten Gesetzes, hat seine Demission gegeben. Außerdem wurde ein neuer Finanzminister ernannt, Emil Costinescu. Die Hoffnung der Rumänen, daß der Eintritt Emil Costinescus in das Kabinet Sturdza eine Gewähr dafür sei, daß die finanzielle Konversion zu Stande komme, scheint uns auf sehr schwachen Füßen zu stehen. Die Rumänen wissen ganz gut, daß diese finanzielle Operation voll ganz anderen Faktoren abhängt als von einem Ministerwechsel in Bukarest. , Der Werth des neuen amerikanischen Einwanderergesetzes hängt ganz und gar ab von dem Geist, mit dem eS ausgeführt werden wird. Die Schwierigkeiten, die es der Zulassung von Verbrechern und Anarchisten, der geistigen Kraftlosigkeit und der körperlichen Untüchtigkeit in den Weg stellt, sind im Ganzen gerechtfertigt vom Standpunkte der öffentlichen Politik. Ebenso auch, daß die Zeit ausgedehnt wurde für da? Verhalten der Auswanderer, welche eine öffentliche Stellung bekleiden wollen, und zwar von 1 bis 5 Jahren; auch dies hat eine gerechte Grundlage, obgleich es schwierig auszuführen sein wird, und zuweilen auch ungerecht, da in dem schnellen Wechsel des Glücksrads in diesem Lande absolut nicht unmöglich ist, daß ein Auswanderer zunächst hübsch zu thun bekommen kann und in fünf Jahren wieder arm ist. Der Erziehungsversuch ist die Hauptrieuerung bei diesem Gesetz. Weder seine Urheber noch die, welche für das Gesetz stimmten, können ernstlich glauben, daß die bloße Geschicklichkeit, einige wenige Zeilen der Verfassung der Vereinigten Staaten in einer Sprache, die sich der Auswanderer wühlen kann, lesen zu können, ein wahres und gutes Zeugniß von Tauglichkeit sei. Es setzt dies nickt voraus, daß, wenn der Vater einer Familie lesen kann, seinr Frau und die jüngeren Kinder zur Zulassung berechtigt sein sollen, und die Ausschließung ist ja doch mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Wo der Gatte schon im Lande ist, wird seine ihm nachkommende Frau zugelassen werden, obgleich sie ungebildet ist. Welcher Vorzug aber in dieser Aufzeichnung liegt, ist dem gewöhnlichen Verstände nicht recht ersichtlich. Es ist eine Auszeichnung, die nicht bestehen sollte, und dieser Punkt wird bei der ersten Gelegenheit verbessert werden müssen. Das neue Gesetz wird'wahrscheinlich vor allein den An schluß von vielen Italienern und Ungarn bewirken, denn unter den jüdischen Emigranten werden nur sehr wenige Männer sein, die nicht fähig sind, wenigstens eine lebende Sprache zu lesen. Denn die hebräische Sprache ist, da sie eine Litteratnr und gedruckte Zeitungen hat, nach dem neuen Gesetz in der That berechtigt, als Sprache zu gelten, eine Thatsache, dir Niemand bestreiten kann. Wie Treitschke ertirt und Geschichte schreibt. ahrscheinlich war kein Schriftsteller der antisemitischen Bewegung so förderlich wie Treitschke. Ein bei geisterter Anhänger des Reichsgedankens, von derft studirenden Jugend verehrt, hat er mit seinem feurigen Tem-j perament eine antijüdische Stimmung in Kreisen zu erreget gewußt, die für diese Bewegung sonst wohl nicht zu haben gewesen wären. Unter solchen Umständen sind die Bemerkungen, die Treitschke in seiner deutschen Geschichte über die nach den Freiheitskriegen einsetzende antijüdische Bewegung macht, von be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.