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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-08 · Heft 32 (8.8.1902) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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374 sich an diesen Namen knüpfet, an die Propheten, die hier im Geiste Gottes das Schwert flammender Rede geführt, an unsere Sänger, die ewige Lieder dort gesungen, an unsere Weisen, die hier gelehrt, und die durch ihre Aussprüche die Lehrer der edelsten Menschen geworden, und daß gleichwohl nur langsaüi die Ideen des Judenthum sich Bahn gebrochen. Eine solche Klage und Trauer, birgt sie aber nicht auch erhebenden Trost in sich? Wer so rückwärts schaut, gewinnt er da nicht Muth zum kräftigen Vorwärtsschreiten? Und wann wäre solches mehr von Nöthen gewesen als gerade in unseren Tagen? Von neuem erfahren wir es, wie es nur eines Hauches bedarf, um den glimmenden Funken des Hasses gegen unsere Glaubensgemeinschaft zur Hellen Lohe anzufachen? Und wie theilnahmslos verhält man sich bei dem Ausbruch roher Gewalten, durch die unsere StammeHgenossen unter dem heuchlerischen Schein von Gesetz und Recht von Haus und Hof gejagt werden! Kongresse werden abgehalten, um die Stimme der Menschlichkeit gegen den Haß und Fanatismus, der unter dem Deckmantel der Religion auftritt, wachgerufen, und unter den Augen der Kulturvölker wird ungestört in Rumänien ein völliger Vernichtungskrieg gegen die dortigen Juden ins Werk gesetzt, ist das nicht Anlaß genug zur Klage und Trauer? So weit ist also die Menschheit noch von der Verwirklichung der Ideale des Judenthums entfernt? Wir lasen in diesen Tagen eine Uebersicht über die Vertheilung der Konfessionen in nnserm Vaterlande, wir entnehmen ihr, wie erschreckend gering gegenüber den Andersgläubigen die Zunahme in unseren Reihen ist. Welches auch hierfür die Gründe sein mögen, — eine nicht unwesentliche Veranlassung sür jene betrübende Thatsache ist doch sicherlich in der programmmäßigen Ausschließung der Juden von allen wichtigen Aemtern zu suchen. Wir wollen gewiß nicht die Fahnenflucht unserer Stammesgenossen irgendwie beschönigen oder verdecken, — der wirklich charakterfeste Mensch wird seine Ideale nicht um schnöden Gewinn preisgeben — daß man aber immer noch glaubt, bei uns Mission treiben zu müssen, daß die Fabel von der Inferiorität des Judeuthums selbst bei erleuchteten Geistern eine Wahrheit ist, die als Lehre verbreitet wird, — sollten wir über den uns angethanen Schimpf nicht trauern? Grund zum Klagen kann jene Uebersicht uns auch noch nach der Richtung bieten, daß wir uns sagen müssen wie groß doch leider die Zahl Derer ist, die aus materiellen Rücksichten von ihren Genossen sich trennen und ein Bekenntniß ablegen, das sie in ihrem Herzen kaum je erfassen. Die Thräne, meinen die Alten, war das Gnadengeschenk, mit dem der erste Mensch aus dem Paradiese entlassen wurde, um in seinem Leid sich wieder aufzurichten. Wer wahrhaft trauert, wer des Grundes der Trauer sich bewußt ist, der wird auch getröstet und selbst angeeifert. Unsere Trauertage wollen durch den Rückblick, zu dem sie uns anregen, zum Ausharren auf nnserm Posten anspornen. Sie künden uns von vielen Leiden, aber auch von der Kraft unserer Ahnen, wie von ihrer Noth, so auch von ihrem Muthe. Sie künden uns, welch' rein ideellem Ziele ihr Streben galt, — nicht um eine Weltstellung zu gewinnen, nicht um Nationeil unters Joch zu beugen, sind sie Völkern und Königen entgegengetreten, es galt Haus und Altar, ihre Heiligthümer zu schützen gegen frevlen Angriff. Ist dieses Bewußtsein nicht erhebend? Muß nicht auch Israel, obwohl der Besiegte, als der verehrungswürdige Held uns erscheinen? Ihr Nationen, die ihr in unfern Tagen einem besiegten Völklein euere Sympathie zuwendet, seid doch auch gegen die gerecht. welche wohl einst gegen Babel und Rom unterlagen, aber doch die Helden gewesen, die das Rüstzeug des Kampfes sich gewahrt und freigiebig euch davon gespendet. O, wir zweifeln nicht, daß trotz aller Rückschläge die Zeit doch noch kommt, wo ein geistiges Zion seine Herrlichkeit über die ganze Erde ausstrahlt. Dann wird Juda trimnphiren, denn der Sieg des Judenthums ist uns nichts anderes, denn ein Triumph der Gerechtigkeit und Menschenliebe. Berlin, 6. August. ie letzte Volkszählung vom 1. Dezember 1900 hat insofern ein wichtiges Ergebniß für uns gehabt, als der Antheil der Juden an der Gesammtbevölkerung zum ersten Male eine nicht unwesentliche Abnahme zeigte. Da bei der voraufgegangenen Volkszählung von 1895 Erhebungen über das BekenutnK nicht stattgefunden haben, ist man zum Vergleich auf die Zahlen voll 1890 angewiesen. Wir geben zunächst nach der „V. Z." die absoluten Lahlen wieder, soweit sie die Juden betreffen: Staaten Staaten § und und Lau destheile. L a n d e s t h e i l e. 6-? Königreich Sachsen. . . 12 416 Preußen: Württemberg. 11 916 Prov. Ostpreußen . . . 13 877 Baden. 26 132 „ Westpreußen . . 18 226 Hessen. 24 486 Stadt Berlin .... 92 206 Mecklenburg-Schwerin 1 763 Sachsen-Weimar.... 1 188 Prov. Brandenburg . . 25 766 Mccklenburg-Strelitz . . 331 „ Pommern . . . 10 880 Oldenburg. 1 359 „ Posen. 35 327 Braunschweig. 1824 „ Schlesien.... 47 586 Sachsen-Meiningen. . . 1 351 „ Sachsen .... 8047 Sachsen-Altenburg . . . 99 „ Schleswig-Holstein 3 486 Sachsen-Kobnrg-Gotha . 608 „ Hannover . . . 15 393 Anhalt. 1605 „ Westfalen. . . . 20 640 Schwarzb.-Sondershausen 166 „ Hessen-Nassau . . 48 105 Schwarzburg-Rndolstadt. Waldeck. 48 637 „ Rheinland . . . 52 251 Neuß ältere Linie . . . 48 „ Hohenzollern . . 532 Neuß jüngere Linie. . . 178 Königreich Preußen. 392 322 Schaumburg-Lippe . . . 257 Lippe. 879 Bayern: Lübeck. 670 Bremen ....... 1 409 Bayern rechts des Rheins Hamburg. 17 949 Bayerische Pfalz.... 44 820 Elsaß-Lothringen . . . 32 379 Königreich Bayern . 54 928 Deutsches Reich 586 948 Man sieht aus dieser Tabelle, daß die Zahl der Juden in Berlin, wo 15,7 Prozent der gesammten deutschen Juden wohnen, groß ist; demnächst kommen das Rheinland, Hessen-Nassau und Schlesien. Unter den einzelnen Staaten folgt auf Preußen zunächst Bayern, dann Elsaß-Lothringen, Baden und Hessen, während drei Staaten weniger als 100 Juden haben. Ein viel kleineres Bild über die Vertheilung der Bekenntnisse als die Tabelle mit den absoluten Zahlen giebt nachstehende Tabelle, aus der hervorgeht, wie viel Juden auf 1000 Personen entfallen:

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