Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Mr. 32. Allgemeine Berlin» 8. August 1902 eitung des Dudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^v., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Israels Teauertnge. - Die Woche. — Wie Treitschke cilirt und Geschichte schreibt. — David Kaufmann und SeLigmann Heller. (Mit ungedruckten Briefen Hellers.) — Das Wesen des Iudenthmns. Von Dr. Ielski-Berlin HIV. — Feuilleton: Jrrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. VIII. Der Gerneindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Marienwerder, Halberstadt, München, Fürth, Wien, Newhork. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. (9 Israels Trauertage. Berlin, 6. August. ^Hi/itteu in die Freude der Festtagswochen, wie sie die Ferienzeit allemal darstellt, klingen hinein die dumpfen, ernsten Töne der Klage und Trauer um den einstigen Zerfall der heiligen Zionsstadt. In langen drei Wochen klagt alljährlich von neuem die jüdische Bekennerschaar über vergangenen Glanz und Ruhm; da werden in unseren Gotteshäusern unsere Propheten in ihren Straf- und Mahnreden wieder lebendig, und ein Jeder in Israel wird an Jerusalem und an das Heiligthum und dessen Herrlichkeit erinnert. Der Besonnene denkt dabei an die Ursachen, welche vor neunzehn Jahrhunderten den gewaltigen Umschwung herbeigeführt und auch an die Folgen, die sich an Israels Exilswanderung geknüpft, und die Vergangenheit wird ihm Lehrmeisterin, die Gegenwart unter dem rechten Lichte zu begreifen und zu erfassen. Ganze Bände spricht ihm z. B. der eine Satz nur, den er an einem der „Tranersabbathe" aus der heiligen Schrift verlesen hört: „Und die Kinder Israel brachen auf von Ramses und lagerten sich in Sukkoth." So beginnt nämlich der zusammenfassende Bericht über Israels Wüstenwanderung. Ramses hatte das Volk der Juden in harter, schwerer Sklavenarbeit unter der Zuchtrute ägyptischer Vögte erbaut, und Sukkoth hat seinen Namen von den Hütten, die hier Israel als ein Volk von Freien errichtete. Wer redet heute noch viel von Ramses, wie gewaltige und mächtige Riesenmauern es auch umgaben, — der Fluch lastet eben auf dem, was durch Despotenhand erzwungen wird —. aber das schlichte und einfache Sukkoth ist dem Israel der Wüstenwanderung und nicht blos diesem Geschlechts allein Shmbol für den Gottes schütz geworden, der freien Menschen zu Theil wird, ob sie auch in leichten, schwankenden Hütten wohnen. „Ans dem Dunkel zum Lichte, durch Kampf zum Siege", das ist gleichsam das Motto der Wanderungen Israels von Aegypten bis zur neuesten Zeit. Es hat Zeiten gegeben, in denen man das Trauern um Jerusalem nicht für recht zeitgemäß angesehen. Zion ist zerstört. wir haben aufgehört ein Volk zu sein; ziemt es sich aber, über ein verlorenes Bürgerrecht zu klagen, nachdem wir mitten unter den Völkern, mit denen wir leben, mit denen wir wirken, eine neue Heimath errungen? Der Tempel ist zerstört, sind aber nicht unsere Gotteshäuser auch Heiligthümer, unter denen viele sogar als ein deutliches Zeichen von dem Opfersinn unserer Glaubensgenossen gelten können? Was soll da die Trauer, nachdem die traurigen Begleiterscheinungen jenes für die zeitgenössische Jndenheit gewiß entsetzlichen Ereignisses der Zerstörung Jerusalems längst geschwunden. So fragten gar Viele und suchten mit solchen Fragen die Berechtigung dieser und ähnlicher Gedenktage zurückzuweisen. Die aber verstehen den Sinn unserer Trauer nicht oder nur schlecht, welche überhaupt diese Frage erst aufwerfen. In unseren Tagen wieder, wo wir wohl die Lauesten unter den Lauen jene Erinnerungen mit begehen sehen, da tritt uns eine andere Erscheinung entgegen, die ebenso Zurückweisung verdient: unsere Trauertage werden als „nationale" Unglücksiage gefeiert und müssen für politische Bestrebungen herhalten. Wir klagen aber und trauern nicht etwa um Zion in dem Sinne, daß wir mitten unter den Andersgläubigen des Lebens nicht recht froh werden könnten, wir uns nicht zu bethätigen, unsere Kraft nicht zu entfalten und zu entwickeln vermöchten! Im Gegentheil! Wir glauben zn sehr an die weltgeschichtliche Bedeutung unserer Bekennerschaar, wir leben der festen Ueberzeugung, daß wir kraft unseres Glaubens das Ferment für alle Kultur und Gesittung dargeboten, wir wissen, daß die Zerstörung von Jerusalem ein Mittel der göttlichen Vorsehung gewesen, um die Bekenner des Einig-Einzigen in den großen Garten der Menschheit als Saatenkeime alles Guten und Edlen hineinzupflanzen. „Am neunten Ab," sagen die Alten, „ist der Messias geboren." Ein trefflicher Gedanke! Zion mußte fallen, auf daß der welterlvsende Gedanke von einem Gotte, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, mit seinen Trägern unter die Menschen verpflanzt wurde. Wir klagen und trauern um die Gottesstadt, weil in diesen Tagen uns alles Leid gegenwärtig wird, wie es seit Beginn der Exilswanderung über uns hereingebrochen. Jerusalem erscheint uns da als der Thränenguell, aus dem wir immer von neuem unsere Augen getränkt. Wir klagen und trauern um Zion, wenn wir an all das Schöne und Herrliche denken, das