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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-01 · Heft 31 (1.8.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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G 4 bestes Wirken geeignet, geleitet von hoher Liebe zum Schönen. In der schwedischen Stadt, in der Du Dich niederliebest, gabst Du vielfach Anleitung znr Entwickelung der Kunst, und hier in der Hauptstadt bist Du durch Deine reisen und nutzreichen Rathschläge. Dein glühendes Kunstinteresse, Dein gutes Herz geliebt und geachtet worden in allen Kreisen, in denen Du wirktest. Der Geist der unbedeutenden Naturen schrumpft mit dem Alter ein, aber ein edler Sinn erweitert sich mit den Jahren und wird reicher. So war der Fall mit Dir! Stets hast Du an Deiner eigenen Fortbildung gearbeitet; ans vielen Gebieten des Wissens warst Du bewandert, und stets sehntest Du Dich nach mehr Licht! Deine Arbeitslust als Künstler und Forscher erlöschte erst mit Deinem Leben. Dehmüthig in Deiner Verehrung für Kunst und Wissenschaft hörtest Du gern auf den Rath und das Urtheil Anderer, und freutest Dich wie ein Kind über jedes anerkennende Wort. Aber über Dich hinaus stelltest Du immer das Ziel, für das Du wirktest, und dem Du bis zuletzt treu bliebst. Und das ist wohl die beste Nachrede, die einem werden kann, die, das; man den Idealen, die man sich im Leben erkoren hat, treu geblieben ist. Für diese Hinterlassenschaft danken wir Dir! Aber nicht weniger danken wir Dir für all das Gute, das Du als einzelner Mensch gethan; für Deinen Ernst, für Deinen Scherz, für Deine Milde bei Beurtheilung gegnerischer Meinungen, für Deine neidlose Freude über die Erfolge Anderer, für Deine hilfreiche Hand und Dein getreues Herz. Leer ist der Platz, den Du eingenommen, zunächst in Deinem Heim, unter Deinen Verwandten, und dann in der Freunde Gemeinschaft, im Kreise der Genossen. Aber unter uns Allen soll Dein Andenken fortleben mit der starken Macht, die von einer biederen, liebenswürdigen und ganzen Persönlichkeit ansgeht. Ein Trost für die Deinen mag es sein, daß der Tod Dich traf, ehe das Beste in Dir sich überlebte. Weder war die Hand, die den Pinsel führte, geschwächt, noch der Blick, der die Schönheit des Lebens auffaßte, getrübt, noch versagten die Gedanken ihren Dienst, wenn Du über die Räthsel der Kunst grübeltest, und vor allen Dingen schlug dein Herz noch unverändert warm für alles Edle und Schöne. Und bist Du auch todt, so können wir aus Dich doch die Worte eines Deiner Freunde aus der Gothenburger Zeit anwenden: Was recht Du denkst, was Dil in Liebe willst, was schön Du träumst, kann nicht die Zeit verheeren! Gesegnet sei Dein Andenken! Friede Deiner Asche!" Frankreich. X. Paris, 21. Juli. Der ermordete deutsche Arzt Dr. Ordenstein wurde am 20. d. M. ans dem Friedhofe Montparnasse feierlich zu Grabe getragen. Ein langer Zug von Freunden und Landsleuten des Verstorbenen folgte dem Leichenwagen vom Trauerhause in der Nue Lepelletier bis zum Friedhof Montparnasse. Der Leichenwagen war mit prächtigen Kränzen behängt. Der mächtige Kranz verdeutschen Regierung mit der Inschrift auf schwarz-roth-weißer Schleife: „Dem Patrioten und Menschenfreunde die kaiserliche Regierung" und der Kranz des deutschen Hilfsvereins, gleichfalls mit einer Schleife irr den deutschen Farben, hingen einander gegenüber. Im Zuge schritten oder fuhren der Bruder des Ermordeten, der Legationsrath v. Schlözer als Vertreter des abwesenden Botschafters, der bayerische Gesandte Freiherr v. d. Tann-Rathsamhausen als Ehrenpräsident des deutschen Hilfsvereins, die Herren Grub, Dr. Schober rc. vom Vorstande der deutschen Vereine in Paris und Andere. Vor dem Grabe sprach der Rabbiner ein hebräisches Gebet und rühmte dann den Charakter und das Herz des Verstorbenen. Freiherr v. d. Tann hielt eine kurze, aber herzliche und warme Rede. Er erinnerte daran, wie der Ermordete lange Jahre hindurch den Armen unentgeltlich seinen Rath geliehen, und wie er ihnen nicht nur als Arzt, sondern auch als Menschenfreund beigestanden hat. Schließlich sprach noch der in Paris lebende Arzt Dr. Pfeiffer. In den Gruppen, die vom Grahe zur Stadt zurückkehrten, erzählten die intimen Freunde des Ermordeten. mit wie unglaublicher Energie und Klarheit der Sterbende bis zum letzten Augenblick selbst seine Situation beurtheilt und alle Allordnungen getroffen hat. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. --- Der Hoflieferant Carl Goldschmidt, Inhaber der Firma Otto Espenschied, erhielt vom Großherzog von Baden das Ritterkreuz vom Zähringer Löwen. — Dr. Joseph Horovitz, Sohn des Rabbiners Dr. Horovitz in Frankfurt a. M., ist zur Habilitirung als Privatdozent für orientalische Sprachen an der hiesigen Universität zugelassen und wird am 6. d. M. seine Antrittsvorlesung halten. — In Wriezen wurde der Kantor und Lehrer Gnttmann aus Treptow a. d. Rega in die durch den Tod des Herrn Pulvermacher erledigte Kantor- und Lehrerstelle gewählt. — Das Oberlandesgericht in M a r i e n w e r d er hat die Beschwerde des Bauunternehmers Winter zu Prechlau über den Abweis seiner Strafanzeige gegen eine Anzahl Juden in Könitz und Umgegend wegen Ermordung seines Sohlles nun auch Zurückgewiesen. Damit ist der Instanzenweg erschöpft. — Die jüdische Gemeinde in P r. Friedland hat Herrn Kantor Warszaws ki aus Rummelsburg i.P. als Neligionslehrer und Kultusbeamten gewählt. — In Hamm a. d. Sieg sind auf dem israelitischen Begräbnißplatze 18 Grabdenkmäler umgeworfen und theilweise zerstört worden. Die sofort nach den Grabschändern aufgenommenen Nachforschungen haben bis jetzt ein bestimmtes Ergebniß nicht geliefert. Der Verdacht hat sich auf einen Händler und einen Hüttenarbeiter ans einem benachbarten Dorfe gelenkt, die indessen die That leugnen. Auf die Ermittelung der Frevler ist seitens der israelitischen Gemeinde eine Belohnung von 1500 Mark ausgesetzt worden. — Die Mittheilung der Zeitschrift „Im deutschen Reich", daß der Negierungsdirektor v. Henle in München getauft sei. entspricht erfreulicherweise nicht den Thatsachen. — Landesgerichtsrath Dr. Julius Heinsheimer in Karlsruhe wurde zum Oberlandesgerichtsrath ernannt. — In Davos hält ein „furchtbares Ereigniß" die Gemüther in Aufregung. Mit einer Stimme Mehrheit hat die Gemeinde einen Bekenner der jüdischen Religion ins Bürgerrecht ausgenommen. Es ist nun die Rede, den Beschluß der Gemeinde, der nach der Meinung der Unterlegenen ein Schandfleck für den Kurort Davos ist, anzufechten. — In der ersten Sitzung des Ceutralkomitees der „^lliuuee isiuö 1 it 6 u u L v 61 8 61 l 6 ", die auf die Wahlen folgte, wurden ernannt: N. Leven zum Präsidenten, I. Oppert und S. Reillach zu Vizepräsidenten, I. Machie ls zum Schatzmeister und der Oberrabbiner Zadoc Kahn zum Ehrenpräsidenten. — Im Monat Mai 1902 sind ans Rumänien 9675 Juden ausgewandert, und zwar aus Bukarest 350, Jassy 370, Pitesti 50, Piatra 600. Bacau8000. Moineste 115, Roman 160, Galatz 30. — Wie der „Wjestnik Juga" („Bote des Südens") meldet, arbeiten gegenwärtig auf den Feldern der reichen Gutsbesitzer des Gouvernements I ekateri n o sl a w Juden als Schnitter und andere Feldarbeiter. Sie verrichten ihre Arbeiten vorzüglich. Sie feiern den Samstag, arbeiten dafür an Sonntagen. Die ganze Woche hindurch leben die jüdischen Arbeiter von Eiern und Kirschensuppe, weil sie die nicht rituell zubereiteten Speisen der Gutsbesitzer nicht genießen wollen. — Behufs Verhinderung der zunehmenden Einwanderung rumänischer Juden nach der Türkei hat die Pforte an alle türkischen Hafenbehörden die vertrauliche Weisung ergehen lassen, fremde Juden, welche keine ausreichende Legitimation besitzen, nicht landen zu lassen. — Die Gesammteinwanderung nach Amerika betrug vom 1. Juli 1900 bis zum 30. März 1901 562 868 Seelen, darunter 58 098 — 10V^ Prozent Juden, vom 30. März 1901 bis 1. April 1902 313 935 Seelen, darunter 22 250 7V^ Prozent Juden. (1899/1900 belief sich der Antheil der Juden an der Einwanderung auf mehr als 12 Prozent, nämlich auf 67 000 Seelen. Es ist also eine namhafte Abnahme zu konstatiren. Am genauesten sind natürlich die Ziffern, die sich auf die Einwanderung über den Hafen von Philadelphia beziehen. Dieselbe fiel im Jahre 1900/1901 gegen das Vorjahr um 11 Prozent, die jüdische um 40 Prozent, in absoluten Ziffern von 3870 auf 2253 Seelen. In den sechs Monaten vom 1. Oktober bis 30. März d. I. stieg die allgemeine Einwanderung um 42 Prozent, die jüdische fiel um 20 Prozent auf 915 Seelen. Von den 2253 Juden, die in Philadelphia landeten, kamen 76 Prozent aus Rußland, 10 Prozent aus Rumänien, 8 Prozent aus Galizien, je 3 Prozent aus Ungarn, England und Deutschland. Aber fast alle aus den beiden letztgenannten Ländern Gekommenen stammen tatsächlich aus Rußland, Rumänien oder Galizien. Nach einer Regierungsstatistik, welche indessen nicht sehr zuverlässig erscheint, bildeten die Juden einen Bruchtheil von 11V2 Prozent der österreich-ungarischen Einwanderung, 4 Prozent der russischen, 1.3 Prozent der deutschen Einwanderung. Dagegen waren im Jahre 1900/01 unter 7155 Rumänen 95 Prozent Juden, 3 Prozent Rumänen, 2 Prozent Deutsche, in den letzten 10 Monaten von den 5871 aus Rumänien Jmmigrirten sogar 99V2 Prozent Juden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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