Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66 Jahrgang. Nr. 31. Lorlm. 1- Ängnst 1902 Weitcrge zur „Mtgemeinen Zeitung des Iuöentyurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. -- Berlin, 28. Juli. Das Stipendium für 1902 3 der Ersten Michael Be er'scheu Stiftung, bestimmt für Maler aller Fächerjüdischer Religion, ist durch den im Juni erfolgten plötzlichen Tod des Malers Moses (genannt Mose), welcher aus der Konkurrenz im Frühjahr als Sieger hervorgegangen war, frei geworden. Der Wettbewerb wird jetzt von Neuem eröffnet. Die für ihn bestimmten Bilder müssen in Oel ausgeführt sein; die Wahl des darzustellenden Gegenstandes bleibt dem eigenen Ermessen des Konkurrenten überlassen. Die Ablieferung der Konknrrenzarbeiten nebst schriftlichem Bewerbuugsgesuche an das Büreau der königlichen Akademie der Künste, NW. 7, UniversitÜtsstraße 6, muh bis zum 31. Oktober Nachmittags 3 Uhr erfolgt sein. — Berlin, 25. Juli. Mit einer wohlgelnngenen Schlnßkneipe beendigte der Verein Jüdischer Studenten an der Technischen Hochschule zu CH a rl o t t en bu rg am 11. d. M. das zweite Semester seines Bestehens. Trotz der Kürze des Sommersemesters leistete der Verein ein tüchtiges Stück Arbeit, indem er seinen Mitgliedern eine gediegene Kenntniß des vergangenen und des gegenwärtigen Zustandes des Judenthnms zu übermitteln suchte. Auf seinen auch von zahlreichen Gästen besuchten Vereinsabenden wurden folgende Vorträge gehalten: enuck. in§. M. Wechsler : „Anat. Leroi Beaulieu." stuck. ror. teetin. L. Fuchs: „Kulturarbeit der Inden im Mittelalter," Dr. N. Hantke: „Jüdische Studenteubewegung am Ende des 19. Säkulums." stuck. in§. A. Berlowitz: „Nationaljudenthum"; eanck. eliem. I. Grünberg: „Dr. Lippe." An die Vorträge schlossen sich meist rege Diskussionen und. wenn es die Zeit gestattete, ein gemächliches Beisammensein in Form einer Kneipe an. Der Verein betheiligte sich ferner offiziell bei den allgemein studentischen Turnspielen, die an der Technischen Hochschule neu eingerichtet sind. Ebenso wirkte er bei den Arbeiten des Vereins für jüdische Statistik mit, zwecks Sammlung und Veröffentlichung des über das jüdische Volk vorhandenen statistischen Materials. Die am 4. d. M. stattgehabten provisorischen Chargirtenwahlen für das Wintersemester 1902/1903 ergaben: stml. rur. teelm. W. Majerczik ><, sind. inZ-. A. Berlowitz XX. stuck. iu^. Max Pinette XXX- Etwaige Zuschriften sind zu richten an: W. Majerczik, Berlin 8.. Brandenburgstraße 6. 6. I.. Berlin, 24. Juli. In Oberhos ist am Freitag den 18. d. M., wie wir schon kurz gemeldet, Herr Julius GrünWald aus Berlin in der Blüthe seines Lebens — kaum 50 Jahre alt — vom Tode dahingerafft worden. Wer den liebenswürdigen Mann kennen gelernt hat. wird ihn niemals vergessen. Durch sein freundliches, entgegenkommendes Wesen gewann er die Herzen und Liebe Aller, mit denen er in Verbindung getreten ist. Nicht zum wenigsten waren es die Armen und Bedrängten unserer Gemeinde, denen er half, wie und wo er konnte, mit ganzem Herzen und mit Aufopferung seiner Kräfte. Seit einer langen Reihe von Jahren war Herr Julius Grüuwald eines der thätigsten und rührigsten Mitglieder der Armenkommission der jüdischen Gemeinde, und auch der Centrale der hiesigen Wohlthätigkeitsanstalten gehörte er seit der Begründung derselben an. Als Mitglied des Vorstandes des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin hat er stets mit Eifer dafür gewirkt, daß die liberalen Ideen im Judenthum immer weiter verbreitet werden. Julius Grünwald war ein guter Jude im wahren Sinne des Wortes — er war erfüllt von Liebe zum Judenthum und trat für dasselbe jederzeit mit seinem scharfen Verstände und mit seinem guten Herzen ein. In seinem Beruf als Kaufmann — als Mitinhaber der hiesigen hochgeachteten Produktenfirma Julius Cunow u. Co. — wußte Herr Julius Grünwald sich die Achtnng und Verehrung feiner Kollegen zu erwerben. Sie wählten ihn in den Vorstand des Vereins Berliner Getreide- und Produktenhändler, und in Wort und Schrift wirkte er für die Interessen seines Standes. Auch zum Handelsrichter berufen, übte er dies Ehrenamt seit vielen Jahren aus, und sein unermüdlicher Fleiß und seine hervorragende Tüchtigkeit wurden von Allen bewundert. Am Mittwoch, 23. d. M. wurde die Leiche ans dem Kirchhofe Schönhauser Allee beigesetzt. Die Bahre war mit Kränzen beladen, und die Halle konnte die große Zahl der Leidtragenden nicht fassen. Zu den Verwandten und Freunden, die zum Theil aus weiter Ferne herbeigeeilt waren, um dem theueren Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, hatten sich viele Deputationen von Vereinen gesellt. Besonders zahlreich war die Börse und die Armenkommission der jüdischen Gemeinde vertreten, die ihrem bewährten Kollegen Julius Grünwald prachtvolle Kränze gewidmet hatten. Dem Wunsche und letzten Willen des Verstorbenen zufolge sprach an der Bahre einer seiner bestell Freunde, Herr Rechtsanwalt Leo Lilienthal, Syndikus der jüdischen Gemeinde. Mit tief empfundenen und ergreifenden Worten gab er dem Schmerze Ausdruck, der ihn und weite Kreise bei der Kunde von dem frühen Dahinscheiden Julius Grünwalds erfaßt hat, schilderte dann das umfangreiche, gemeinnützige Wirken des Verblichenen und schloß mit den Worten: „Das Bewußtsein, Julius Grünwald war unser, soll den herben Schmerz, der uns erfüllt, übertönen!" Gebet und Gesang beschlossen die Trauerseier, und die sterblichen Ueberreste Julius Grnnwalds wurden zu Seiten seiner jung verstorbenen Gattin beigesetzt. Wir beklagen tief den allzu frühen Heimgang dieses trefflichen Mannes, und wir werden ihm stets ein liebevolles, freundschaftliches Andenken bewahren. Ickave pia anima! -^Berlin, 28. Juli. Fräulein Dr. Elsa Neumann, die junge Chemikerin, die am 18. Februar 1899 als erste Dame an der Berliner Universität zum Doktor promovirt wnrde, ist ein Opfer ihres Berufs geworden. Fräulein Dr. Neumann arbeitete in dem Dr. R.'schen Laboratorium in der Chausseestraße; sie hatte dort ein besonderes Zimmer, in dem sie allein mit der Anfertigung chemischer Präparate beschäftigt war. Mittwoch Nachmittag nun fand man die junge Dame besinnungslos in ihrem Arbeitsraum liegend; auf dem Tische standen drei Gläser, von denen zwei destillirtes Wasser, das dritte eine Cyankalilösung enthielt, die gleichfalls wasserhell aussieht. Fräulein Neumann mußte beim Experimentiren durch einen unglückseligen Zufall die Gläser verwechselt und sich eine Vergiftung zugezogen haben. Sie verschied bereits nach kurzer Zeit, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Die so jäh aus dem Leben Gerissene war am Mittwoch in vergnügtester, lebenslustigster Stimmung ans der in der Potsdamerstraße Nr. 10 belegenen Wohnung ihrer Mutter, der Gattin des vor einigen Jahren verstorbenen Bankiers M. Reumann, fortgegangen. Sie hatte mit ihren Angehörigen noch verschiedene Zukunftspläne, u. a. den beabsichtigten Ankauf eines Hanfes, besprochen. — Frl. Dr. Neumann, die im 28. Lebensjahre stand, zeigte von Kindheit an einen regen Eifer für Naturwissenschaften. Ihre Doktorarbeit „über die Polarisationskapazität umkehrbarer Elektroden" bewies ein nicht ungewöhnliches Verständniß für diese ziemlich verwickelten Vorgänge und gleichzeitig eine große Gewandtheit in der experimentellen und mathematischen Behandlung physikalischer Probleme. Die jugendliche Forscherin, die durch ihr bescheidenes Wesen auch manchen Gelehrten, der von der modernen Frauenbewegung nicht allzu viel wissen wollte, gewann, wandte sich nach ihrer Promotion mehr chemischen Studien zu. Sie war eine eifrige Vorkämpferin der Frauenbewegung und als solche eins der hervorragendsten Mitglieder des Vereins studirender Frauen. Ihr liebenswürdig-bescheidenes, dabei humorvolles Wesen und ihr Wohlthätigkeitssinn, den sie oft Mitstrebenden gegenüber bethätigte, hatten ihr viele Freunde geschafft. Die gestern stattgefundene Trauerfeier hatte zahlreiche Leidtragende um den in der Wohnung der Mutter ansgebahrten Sarg vereinigt. Ans Universitätskreisen waren Geheimer Rath Marburg, in dessen Institut die Verstorbene ihre Doktorarbeit gemacht, sowie Geheimer Rath Schwarz erschienen, während dessen Dekanat Fräulein Neumann als erste Berlinerin am 18. Februar 1899 das Doktordiplom