Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 371 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Zionslied ist jetzt vollkommen rein und kann sich sehen lassen. Ich bin aber doch übermüdet; ohne den 8ekir lia-3ieduä sind heut 200 Stücke übersetzt, wobei Jehuda mindestens die Hälfte gehört, und in meinem Buche nimmt das alles 100 Seiten ein, und mehr als 200 Seiten sind noch unbeschrieben. Wer weiß, wann die Lust wieder kommt. Ich mache schon Reisepläne nach Achensee, Schweiz und Südtirol. Ich gebe also umstehend — doch ohne Sie zu drängen, denn für mich kann es Monate warten — Nr. 1. Wien 1887, V. 10. S. Heller. LVIL.I.kll'Ofil Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. VII. ^Ä^u schweigst?" sagte Tante Blümchen.—„Du fährst nicht aus! — Der Gedanke ist Dir also nicht mehr neu ... Du hast ihn selbst schon bei Dir erwogen ... Es ist also so weit gekommen, Moritz! — Du bist reich, — Du bist geachtet. Bornehme Leute kommen in Dein Hans ... Ist das Einzige, waS Dir zu Deinem Glück noch fehlt, ein Schwiegersohn, der Offizier und adlig ist? — Sieh, mein seliger Mann war ein armer Gemeindeschullehrer sein Leben lang. Er hatte studirt, er hätte an einem Gymnasium angestellt werden können, wenn er sich hätte taufen lassen . . . Sie haben's ihm nahe gelegt ... Er wollte es nicht thun ... Er hat all sein Lebtag für kärgliche Bezahlung kleine jüdische Knaben in Lesen und Schreiben, Einmaleins und „Chumisch" unterrichtet; er hat sich geplagt und geärgert mit Kindern und Eltern; — denn jeder Vater und jede Mutter haben ihm was dreinzureden gehabt; sie haben ja ihr Schulgeld bezahlt! — Der Reb Feiwele ist mal in die Schule gekommen — mitten in der Stunde — und hat zugehört, — denn das durfte Jeder! — Jeder war Schulinspektor! — und hat ganz erbost ausgerufen: „Hören Sie mal. Sie „Melammed", wenn Sie nicht anders unterrichten, nehm' ich meinen Jungen aus der Schule! — Was soll mir die „Greimatik" (Grammatik) und was soll mir die „Jeugrefie" (Geographie), das braucht mein Jung' nicht! — Er soll kein Lehrer werden und auch kein Reisender, daß er die Städt' und die Länder so gut kennen muß! — Jüdisch soll er lernen! — Gemorah, Chumisch, Talmud! Acht Stunden jeden Tag!" Dagegen sagte Madame Löwisohn, die sehr „aufgeklärt" war, einst zu meinem Mann: „Sie lehren zu viel Jüdisch, — ich will keinen jüdischen Gelehrten aus meinem Jungen machen; ich möchte, daß er Französisch und Lateinisch lernt, das gehört zur modernen Bildung!" . . . . Französisch, Lateinisch und Hebräisch, alles zusammen für einen halben Thaler Schulgeld im Monat!" „Ja — es war eine klägliche Existenz . . . Aber das ist doch lange her ... Wozu erzählst Du mir die alten Geschichten?" „Siehst Du, dieser kläglichen Existenz hätte er mit einem Male entrinnen können — wenn er sich hätte taufen lassen ... Er hat die Hände in der Tasche geballt vor den unvernünftigen, arroganten Menschen, und — ist jüdischer Gemeindeschullehrer geblieben . . . „Wenn ich das thäte, ich, der die Tauroh kennt, der seine Religion durch und durch kennt, — was sollten dann die Ungelehrten und Ungebildeten thun? — Die Gebildeten dürfen kein schlechtes Beispiel geben!" so sprach er stets . . . . Und hier handelte es sich um seine Existenz, um die Existenz der Familie . . . Hätte er Israel verlassen, so wären wir mit einem Schlage in günstigere Berhältnisse gekommen." „Warum hat er's nicht gethan? Ein unpraktischer Mensch, ein Idealist war er!" Ein Idealist. Einer von der Sorte, auf die Kommerzienrath Lilienthal verächtlich mitleidig herabsah. „Und Du, — warum willst Du es thun?" sagte Tante Blümchen. „Aus Eitelkeit! Was tauschest Tu dafür ein? — Ein Trugbild,-ein"- „Genug!" rief der Kommerzienrath, Plötzlich vor ihr stehen bleibend. „Ich Hab' Dir gesagt, Zeit ist Geld bei mir. . . Und Du kommst und erzählst mir da alte Geschichten, die mich nichts angehen, — und neue Geschichten, von denen ich selbst noch nichts weiß . . . Hat man Dich vielleicht hergeschickt, mir ins Gewissen zu reden? — Die liebe Gemeinde ist wohl um das Heil meiner Seele besorgt, weil ich ein paar Herren der christlichen guten Gesellschaft in meinem Hause bewirthe? — Neid, — nichts als Neid! - Sie können es mir nicht vergeben, daß ich zu Vermögen und zu Ansehen gekommen bin. O, es ist wahr, daß der Neid und die Zwietracht in den jüdischen Gemeinden zu Hause sind . . . Das könnte Einem schon verleiden ..." Er stockte. „Es hat mich Niemand geschickt!" sagte Tante Blümchen. „Ich hielt es nur für meine Pflicht als Verwandte, Dich zu warnen . . . Du stellst es in Abrede, daß Du irgend welche Pläne mit Deiner Tochter und — dem schönen Offizier hast, den ich da eben mit ihr gesehen habe . . . Desto besser, wenn nichts daran ist! — Es ist ein Graf Winterfeld, und er soll viele Schulden haben." „Er ist Graf und Offizier und hat kein eigenes Vermögen . . . und ein standesgemäßes Leben kostet viel . . ." „Wenn er Deine Tochter heirathet, thut er es nur des Geldes wegen! — Er hat einmal in einem öffentlichen Lokal vor seinen Kameraden geäußert, — und Andere haben's auch gehört, er würde nie und nimmer ein „Judenmädel" heirathen. Später aber, als Deine Tochter ihn mehr und mehr den Anderen vorzog, sollen sie gewürfelt haben, wer den „Goldfisch" heirathen solle, und da die Würfel für den Grafen entschieden, zvgen sich die Andern fortan zurück, um ihn nicht in seiner Bewerbung zu stören " — — „Klatsch!" sagte er verächtlich. „Das glaube ich einfach nicht. . . . Und das andere: des Geldes wegen! — Spielt in unserem Volke bei jeder Heirath nicht das Geld die größte Rolle? — Wird da nicht geschachert und gehandelt?" -„Leider Gottes, ja! — Die Verhältnisse bringen das oft so mit sich. . . . Aber, — wenn er auch dem Zwange der Verhältnisse gehorcht und rechnet und wägt, ehe er den großen Schritt thnt — wenn noch ein Tropfen jüdisches Herzblut in ihm ist. so achtet und liebt er sein Weib und macht sie glücklich — trotz alledem! . . . Und Gottlob! — es giebt auch in unserem Volke noch Männer, die ans reiner Liebe ein Weib erwählen. . . . Sollte Deine Tochter nicht im Stande