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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-01 · Heft 31 (1.8.1902) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
Seite 370 (sequence 12)
Language
German
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370 Dort haben die polnischen Juden in der freieren Luft, in der sie athmen, gleichsam die Distanz gewonnen, von der sie das enge-Leben ihrer Volksgenossen in der alten Heunath überschauen und würdigen und diesen eine Botschaft der Freiheit senden können, die sie verstehen, die an ihre Gefühle appellirt, ihren besonderen dringenden Bedürfnissen entspricht. So ist es der Aufschrei der Volksseele eines lange geknechteten, in geistiger Armnth dahin lebenden Volkes, bei aller Rohheit und Unvollkommenheit ein Volksschauspiel mit dem Gemisch von Tragik und derber Komik, wie das Volk es liebt, und wie es der Wahrheit des Lebens entspricht. Aus dem Volke sind auch die Darsteller, keine Bernfskünstler, sondern Handwerker, die zu ihrem Vergnügen agiren und am Tage als ehrbare Schneider, Kürschner, Schuster, Buchhalter thätig sind mit ihren Schwestern, Frauen oder Bräuten. Hier und da entwickelt sich aus diesen Gruppen allerdings auch ein schauspielerisches oder gesangliches Talent, das in die große Welt hinausgeht. Ich habe nach der Vorstellung noch stnndenlang mit den Leuten zusammengesessen und gefunden, daß sie in der That einfache, bescheidene Handwerker sind. Sie spielen auch hochdeutsche Stücke, unter ihnen „Uriel Acosta", das Judenstück pur exoelleueo, das ihr Lieblingsstück ist, weil es gerade diesen spezifisch jüdischen Konflikt zwischen Tradition und Vernunft, Vergangenheit und Gegenwart zum Ausdruck bringt. Aber sobald sie hochdeutsch und pathetisch werden, sind sie für uns nicht mehr recht genießbar. Da sind sie außerhalb ihres Elementes und bewegen sich gezwungen und gekünstelt. Auch die Sprache versagt ihnen, und sie werden komisch wider Willen. Doch nur für den oberflächlichen, unsympathischen Beobachter, denn gerade in jenem Pathos, das sich so ungeschickt zu erkennen giebt, das nach neuen Tönen sucht, das die alten, abgetragenen, verschlissenen Kleider abgelegt hat und sich doch in den neumodischen nicht zu bewegen weiß, liegt eine rührende Tragik, aber auch eine große Hoffnung für die Zukunft. David Kaufmann und Kcligmann Heller. (Mit ttugedruckten Briefen Hellers.) VH. Lieber Freund! ^^Tleber Ihre Zeilen Hab'ich diesmal recht herzlich lachen müssen. Sie scheinen einen faustischen Beschäftignngsdrang zu haben und schreiben daher in lauter Abbreviaturen und es sind lauter schwere Probleme, die Sie mir armen Teufel ausgeben, und das mit einem nir äe xranck seltnem-, mit einer von Herrn X. absolut so unnachahmlich abgelauschten Bestimmth-eit, daß ich mich recht als Wurm fühle und Ihnen nur schüchtern meine Gegenbemerkung gehorsamste zu Füßen legen kann. 1. Zunächst über die Union. Ich kenne diese Union nur ans Ihrem Briefe und aus einer Tags daraus gelesenen Annonce, die mir ohne Ihren Brief wahrscheinlich ganz gleichgiltig geblieben wäre. Wie kann ich Ihnen da rathen? Wenn Sie gehört haben, daß die Union wirklich etwas ist, dann kommen Sie, und das Thema sei nichts Verschwommenes, sondern irgend ein erhebender Zeitpunkt aus der Kulturgeschichte der Juden, wenn die Juden eine solche haben, z. B. über die jüdischen Aerzte unter dem spanischen Chalifat, oder die großen durch Maimonides veranlaßten Kämpfe, oder die Entwickelung des Jndenthums und der Juden in der Gegenwart — was weiß ich? Wo ihr's packt, da ist's interessant, wenn ihr selbst interessante Menschen seid, eelrr s'entend. 2. Auf Ihre ganz horrenden Feldwebel-Kommando--Worte, bezüglich des wunderherrlichen Zionsliedes, welche auf das „Gebt Ihr Euch einmal für Poeten, so kommandirt die Poesie" hinauslansen kann ich nur antworten: Ich. weiß nicht, ob ich ein Poet bin, und nach meinen großartigen Erfolgen zu schließen bin ich eher Lastträger als Poet, dann aber sage ich auch trmgnnm poötrr: Ich sags Euch, mit dein schönen Kind Gehts ein für allemal nicht geschwind. Seit einem Jahrhundert übersetzt man an diesem Poem ganz vergeblich, und ich solls in einer Woche zusammenbringen? Sie sprachen von den ersten zwei Zeilen, die zu ändern wären, sagen aber kein Wort, ob Sie mit den weiteren Andeutungen einverstanden sind, hoch' geehrter Herr voll Absolut! Ja es klingt alles so verdrossen und ärgerlich, als zwängen Sie sich zu der ganzen Sache. Ich wiege mich also in dem Wahne, daß Sie das andere acceptiren. Nun die ersten zwei Zeilen: „Zion, willst du denn nicht nach dem Wohlbefinden deiner Gefesselten fragen, Die nach deinem Wohle forschen, und es ist der Rest deiner Heerden?" Ich meine, der ärgste Splitterrichter müßte gut finden, wenn wir sagen: Fragst, Zion, du nach deinen Kindern nicht. Dem kargen Nest, der nur von Zion spricht? Ich bin für jeden Einwnvf verbunden, nur muß er Hand und Fuß haben. Der verkannte Staub soll einstweilen sich so vernehmen lassen: Dell Boden küßt' ich, herzte jeden Stein, Drückt' in den Staub mein glühend Angesicht. Freilich mns; ich das Angesicht anderwärts wegstreichen. Aber es leuchtet mir eine „Zuversicht", das; es mir gelingen werde. Einstweilen erbitte ich mir gelegentlich wieder eine Aeußernng, meinetwegen wieder in der allerbarschesten Weise, denn eine Geigeriade oder Znnziade möchte ich gegen etwas so Himmlisches nicht verbrechen. Von Arnold viele Empfehlungen. Wien, 1887, IV 2. S. Heller. VIII. Lieber Freund! Mein Vorschlag war ein recht thörichter. Ich hatte nicht bedacht, daß die Juden hierzulande sich um ungarische Inden nicht kümmern, ungarische Juden dagegen als das Gegentheil dessen bekannt sind was der Talmud als Kennzeichen der Juden angiebt. Selbst meine Sachen herauszugeben. fällt mir nicht ein. Ein Geivinn von ein, zwei Gulden für den Zweck, wenn es nicht mindestens ein Tausender ist. lockt mich nicht. Ich hatte mir ein Komitee vorgestellt, das die Herausgabe besorgt, das Büchlein an reiche Juden und einzelne Gemeinden versendet, um aus diese Weise durch nahmhafte Ueberzahluilgen Geld zu bekommen. Auf buchhändlerischem Wege jahrelang warten, bis ein karger Ueberschuß zustande kommt steht für die Mühe nicht. Das hindert jedoch nicht, daß ich Ihnen einen Gesang nach dem anderen sende und Sie — aber nur, wenn Sie Muße haben — die Sache durchsetzen. Die Verdeutschung liest sich, glaube ich. im Ganzen ziemlich fließend, stellenweise schwungvoll. Ich habe stellenweise vom Original ganz abweichen müssen, sonst hätte ich z. B. Nr. 4 mit seinen ewigen Widerholungen, mit seinen Tautologien und unleidlichen Cumnlationen hier nicht übertragen können. So ist „Das Lied vom Einen" theils Uebersetzung. theils Nach-, theils sogar Umdichtung. Ich wäre sehr begierig, über Zeit und Ort der Entstehung, wie über die Anzahl der dabei betheiligten Autoren etwas zu wissen. Ich zähle mindestens vier Dichter. Nr. 1—3. wenn anch Nr. 1 au Sprachreinheit die andern zwei weit hinter sich läßt und das Dichterische ohne alle Spekulation vorgetragen ist. Nr. 2 schließt genau an Nr. 1. wie Nr. 3 an Nr. 2, und Nr. 2 und 3 gehören jedenfalls einem Verfasser an. Null reißt aber Nr. 4 der Faden plötzlich ab. und mischt in seiner alphabetischen Folge alle möglichen opitüeta orrmnti'a in einen scheußlichen Brei. Dann kommt ein hochbegabter Dichter in Nr. 5. der an Nr. 4 anschließt. aber wieder den theologisch-philosophischen Ton von Nr. 2 und 3 anschlägt. Ich habe ordentlich wieder anfgeathmet nach der Qual mit Nr. 4. Nr. 6 schließt zwar an Nr. 5, hat aber doch, wie mich dünkt, einen jüngeren und mehr dichterisch Angehauchten zum Verfasser. Ob derselbe anch das wieder an Nr. 6 anschließende,

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