Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 369 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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369 er dem itzenden wilden Gräber Üte de^ — siehe stus sei rchischen chrieben schlossen er Vers hreiben, riß des : „Gott zu Land Feinden hließen, i nahejüdische -ortiger Grenz- )siveeim i Titel atore. ellschast scheute, kamen in dort e Meile lag, in Für je ihe des ilnfaug er das öe und latz zu m und grauen dächtig der Dinge warteten, die ans den Brettern, die hier die Welt bedeuteten, sich ereignen sollten. Die Wartezeit füllte die „Musikkapelle" aus, bestehend ans zwei verstimmten Geigen und einer Flöte. Um das Publikum, das doch anfing ungegeduldig zu werden, zu beruhigen, ertönte von Zeit zu Zeit eine Klingel als Zeichen des Anfangs, worauf dann wieder für eine Zeit lang Ruhe eiutrat. Man hatte also Zeit, sich die Bretter, auf denen „der jüdische König Lear" sich produziren sollte, näher anzusehen. Shakespeares Theater, das bekanntlich äußerst einfach und primitiv war, muß, verglichen mit dieser Bühne, ein Prachtbau geivesen sein. Sie war aus rohen Brettern und zum Theil aus Pappdeckel gebaut mit einem Souffleurkasten, der ganz aus Pappdeckel war, und sie mochte etwa fünf Quadratmeter groß sein. Auf einem Zettel zur Seite der Bühne wurden wir belehrt, daß „vom 1. bis zum 2. Akt ein Zeitraum von 6 Monate" lag und „vom 2. bis zum 3. und 4. Akte eine Zeitraum von fünf Jahre", sowie daß der Ort der Handlung „Wilnv in Rusland" war. Ueber dieser Bekanntmachung hing ein großer gelber Theaterzettel, der uns mittheilte, daß am folgenden Tage „die siebte amatorische Vorstellung" stattfinden würde unter dem Titel „Alexander, Kronprinz von Jerusalem. Hochcomische Opperette in 5 Acten." Inzwischen war es 9'/i Uhr geworden, und jetzt endlich wurde verkündet, daß die Vorstellung bald beginnen würde, da die Schauspieler inzwischen von Krakau angelangt wären. In der That begann es hinter dem Vorhang von rothem Kattun, der den Durchblick für die vorn Sitzenden leicht gestattete, lebendig zu werden. Der Souffleur, der zugleich Direktor war, schlüpfte mit großer Gewandtheit in seinen Pappdeckelkasten hinein, allerdings erst, nachdem er sich vorher eines Rockes entledigt hatte, und der Vorhang ging in die Höhe. Vor uns erstrahlte die Bühne in reichem Kerzenglanze. Ein Tisch war gedeckt mit Früchten,' Wein und Festtagsbrod, und an demselben saßen zwei Ehepaare, die Männer im Kaftan, die Frauen im festtäglichen Putz. Es waren die beiden ältesten Töchter des „König Lear" mit ihren Ehegatten. Au einem Seitentische saß die jüngste Tabele-Cordelia mit ihrem Bräutigam, der sich schon durch seine westeuropäische Tracht von den Uebrigen unterschied. Es wurde Purim gefeiert, aber die Freude über den Sturz des bösen Haman schien durch Uneinigkeit getrübt, denn die verschiedenen Paare zankten sich recht lebhaft, allerdings in einem Jargon, von dem ich nur wenig verstand. Inzwischen vertrat der Diener Schamai die Komik, eine derbe Komik, die sich in eifrigem Essen und Trinken und Verspottung der Uebrigen kundgab. Dann erschien der Hausherr, begrüßte die Anwesenden und brachte seinen dre Töchtern Schmncksachen mit, die von den beiden ältesten mit großer Freude und tiefem Dank entgegengenommen wurden, wahrend die jüngste sich weniger beglückt zeigte. Darauf begann die Festceremvnie, wobei der Kaufmann als orthodoxer Jude mit dem „ausklärerischen" Bräutigam seiner jüngsten Tochter, der den Hut nicht aussetzte und auch sonst seiner Mißachtung der alten Gebräuche Ausdruck gab, hart an einander geräth. Der Erundton des Ganzen ist hierdurch schon gegeben: Der Gegensatz zwischen Altem und Neuem, zwischen altjüdischem Abschließen gegen die Außenwelt und dem Streben nach Vereinigung mit und Aufgehen in dem großen Ganzen. Zunächst aber folgten noch komische Szenen, das Auftreten der Purimmasken unter Gesang und Tanz. Angeregt durch die allgemeine Freude verkündet jetzt der Kaufmann seine Absicht, sein Geld — er ist ein reicher Mann — unter seine drei Töchter zu theilen und behält sich und seiner Frau nur eine anständige Behandlung vor. Die beiden ältesten Töchter geben ihrer Freude osten Ausdruck und überbieteu sich in Betheuerungen der Liebe; die jüngste aber mißbilligt den Schritt des Vaters, der sie in seinem Zorne verstößt. Sie geht in Begleitung ihres Bräutigams, der den verblendeten Alten iu einer pathetischen Ansprache einen „jüdischen König Lear" nennt. Im zweiten Akte zeigen sich schon die bösen Folgen dieses Schrittes. Die alten Leute sammt dem Diener sehen sich im eigenen Hause als Eindringlinge behandelt, schlecht genährt und mit Füßen getreten von Denen, die zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet wären. Jetzt bejammert der alte Kaufmann seine „Narrischkeit" und denkt oft unter bitteren Selbstanklagen an seine jüngste Tochter, die zugleich mit ihrem Bräutigam nach Petersburg gegangen ist, wo sie beide Medizin studiren. Sieht er doch neben der Hartherzigkeit seiner ältesten Tochter und ihres Mannes das Unglück seiner zweiten vor sich, deren Gatte zum Gewohuheitssüufer geworden ist. Fünf Jahre sind inzwischen vergangen. Die alten Leute und ihr Diener und Hofnarr sind immer mehr verwahrlost. „Duwet" ist erblindet, zerlumpt, im tiefsten Elend. Sein Schwiegersohn läßt ihn und seine Frau verhungern, studirt aber desto eisriger im Talmud, wodurch wohl bewiesen werden soll, daß sich strengste Orthodoxie und schlechte Gesinnung gut vertragen. Da kommt Tabele-Cordelia nach Hause. Sie ist inzwischen Dr. med. geworden, selbstständig, frei von den alten Fesseln und ist entrüstet über die Herzlosigkeit der Verwandten. Sie nimmt die Mutter gleich zu sich. Den Vater sucht sie vergebens, er hat mit seinem treuen Schamai das Haus verlassen, um betteln zu gehen. Der vierte Akt bringt die Schlußszene Wieder ist Purim. Die edle Tochter und ihr Bräutigam, der inzwischen auch Doktor geworden ist, feiern Hochzeit. Doch noch fehlt der Vater. Da kommt er als alter, blinder Bettlerin das Haus seiner Tochter. Ein rührendes Wiedersehen findet statt und — zum Unterschiede von dem Shakespeareschen Vorbilde — eine allgemeine Versöhnung. Der Dichter kennt offenbar sein Publikum. Es ist weichherzig und kann starke Seeleuerschütterungen nicht vertragen, vor allem will es kein Blut fließen sehen. In dieser gedrückten, dumpfen Atmosphäre werden die Konflikte nicht rein ansgetragen, sondern so gut oder schlecht es geht, verkleistert. Aber bei aller Unvollkommenheit, bei allem Schiefen und und fast Lächerlichen birgt dieses Stück doch einen tieferen Sinn, ist der unwillkürliche Ausdruck einer Volksseele. Es verkörpert das Streben dieser polnischen Juden nach Befreiung, nach Loslösung von den alten Fesseln der Tradition, ihr sehnsüchtiges Verlangen herauszukommen aus dem geistigen Ghetto und das allgemeine große Leben der Kulturmenschheit mitzuleben. Die Aufgeklärten, Vorurtheilsfreien sind zugleich die Edlen und Rechtschaffenen, die Orthodoxen, die Fanatiker, sind die Verblendeten, die Schurken und Heuchler. So versteht es auch das Publikum. Eine Sentenz wie „die Deitscher sind weiß besser als die Chassidim (Frommen)" erweckt allgemeine beifällige Zustimmung unter den Zuschauern. Bezeichnend ist, daß dieses Stück und ähnliche, wie mir der Leiter der Gesellschaft mittheilte, in Amerika versaßt sind