Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 368 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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368 so oft sie wollen, hocken bis die Sonne untergeht vor den Häusern der Winkelgassen und sortiren ihre Fetzen. Die Masse der jüdischen Bevölkerung lebt eben in Bettelarmuth und trägt den Kampf mit dein Leben in beinahe philosophischer Abgeschlossenheit. Nur Wenige haben Bildung, wie der mich begleitende Schriftgelehrte zu berichten wußte, daß schon zur Zeit des Augustus in eben demselben Judenviertel Hausirer, die hauptsächlich mit Schwefelfäden handelten, umherliefen. Nicht weit davon ist der Tiberhafeu, und dies war wohl der Grund, so meint Gregorovius, daß sich im Alterthum hier Juden und Syrer niederließen. Doch waren sie zur Kaiserzeit in ihren Wohnorten nicht gar so beschränkt. Die Engelsbrücke, die in das päpstliche Lager, das Herz der katholischen Christenheit, führt, hieß im Buch der Mirabilien I'ons .Imlsoorum, weil im ganzen Mittelalter die Juden auf der Tiberbrücke in Buden ihre Maaren feil hielten; denselben Namen aus demselben Grunde trägt zuweilen die Brücke Quattro Capi, di« nach dem Ghetto führt. So elend die eben beschriebenen Behausungen sind, so wundervoll liegt der Friedhof, l'Orto cteZIi Ldrei, den wir gegen Sonnenuntergang betraten. Unsere Ueberraschnngen waren vielseitig und groß. Fielen uns erst die Traditionen jüdischer Gebräuche in der katholischen Christenheit anschaulich in die Augen, so war hier der Einfluß italienischer Kirchhofssitten unverkennbar. Auf klassischer Stelle, in einem Theil des antiken Cirkus maximns, ruhen die Todten; die Reste der Cäsarenpaläste vom Palatin blicken herüber, in der Ferne ragt die Kuppel der größten Kirche der Christenheit in den rothen Abendhimmel. Alterthum und Mittelalter zahlen den armen Verstoßenen vom freien, frischen Genuß am Tisch des Lebens ein Sühnegeld durch ihre Schönheit, und all die Ruinen, Thürme und Hügel die Pinien und Chpressen weben in geisterhafter Dämmerung ein schwermüthiges Stimmungsbild. Die letzten Sonnenstrahlen flimmern aber nicht auf einfachen Leichensteinen, auf blumengeschmückten Grabhügeln, wie wir solches von jüdischen Friedhöfen gewohnt sind, sondern sie bestrahlen Kapellen, Mausoleen, Sarkophage aus Marmor mit den Büsten der Verstorbenen, symbolisch sinnliche Verzierungen, prunkende Wunderbauten, kurz alle die Dinge, die den charakteristischen Hauptreiz italienischer Kirchhöfe bilden. Die Inschriften sind nur selten hebräisch, sondern italienisch, lateinisch, zuweilen sogar griechisch, wie in den jüdischen Katakomben auf der appischen Straße; die Namen haben für uns keinen jüdischen Klang, sie heißen wie die Städte: Fauo, Varese, Treviso, Senigallice u. s. w.; so fehlt ihnen wenigstens jedes komische Element. In einer besonderen Abtheilung ruhen die Rabbiner in Ehrengräbern. Es sind darunter uralte Leichensteine, die uns unwillkürlich mit Ehrfurcht erfüllen. Einige der Grabstätten, besonders diejenige des Rabbiners Lazzarv Ottolenghi, erinnern an etruskische Todteukulte. Die ärmlichsten Denkmäler stehen auf weiter Wiese unter Gras und Schierling und wogendem Schilf. Sie sind sehr vernachlässigt, und das war unsere zweite Ueberraschung. Geht doch die aufopfernde Humanität der Juden sonst über den Tod hinaus. Wer im Leben das schlimme Loos der Armuth kostete, weiß, daß pietätvolle Hände seinem Grabe einen Schein von Schönheit erhalten werden. Aber unvergeßlich war der wundersame Anblick der dem unfaßbaren Tode geweihten Stätte. Schwalben mit blitzenden Schwingen kreisten in der Luft, und der Duft all der wilden Blumen, die ungepflanzt und ungewünscht auch die Gräber der Aermsten umwuchern, sang sein Lied von der Güte de* ewigen Natur, die sich nicht zurückdrängen läßt. Das mittelalterliche Buch der Mirabilien versichert — siehe Gregorovius — in der Mauer des Forums des Augustus sei einst eine Tafel aus Erz befestigt gewesen, worauf in griechischen und lateinischen Lettern von Gold die Freundschaft geschrieben stand, welche einst die Römer mit Judas Maccabäus geschlossen hatten. Solches bestätigt die Bibel: 1. Buch der Maccabäer Vers 21 bis 23. „Das gefiel den Römern. Und ließen den Bund auf messingene Tafeln schreiben, welche sie gen Jerusalem schickten, zu einem Gedächtniß des aufgerichteten Friedens und Bundes. Und lautete also: „Gott gebe den Römern und den Juden Glück und Frieden zu Land und zu Wasser, und behüte sie vor Krieg und Feinden ewiglich!" — Mit einem besseren Wunsche vermögen wir nicht zu schließen. Shakespeare in Galizien. Von Oberlehrer Dr. Phil. Aroastei». or einigen Wochen erfuhr ich, daß in dem nahegelegeneu galizischen Flecken Oswe<fim eine jüdische Schauspielertruppe Vorstellungen gebe. Ein dortiger Fabrikant brachte folgenden Theaterzettel in unser Grenzstädtchen: Samstag, den 20. April 1901, im Saale des Hotel Herz in Oswe«;im gelangt zur Aufführung die sechste deutsch-jüdische amatorische Vorstellung unter dem Titel Der jüdischer König Lear. Berühmtes Lebensbild in 4 Akten von Gordon. Personen: Duwet Mojscheles, ein Kaufmann Charis, Mann von Etele, Cham Leie, seine Frau Mojsch Chusid, Giteles Mann, Etele I Schamoi, deren Diener Gitele s ihre Kinder Jaffa, ein Lehrer, dann Doktor Tabele ' Diener bei Jaffa rc. rc. Um zahlreichen Besuch bittet . . . ., Leiter der Amatore. Dieser Theaterzettel bestimmte mich, mich einer Gesellschaft anzuschließen, die die fast einstündige Bahnfahrt nicht scheute, um sich diesen Kunstgenuß zu verschaffen. Um '/z8 Uhr kamen wir auf dem Bahnhofe von Oswe^im an und fuhren von dort aus die schmutzige Landstraße entlang in das eine halbe Meile entfernte Städtchen, wo am „Ring" das Hotel Herz lag, in dem die „Amatore" ihre Kunst zu zeigen versprachen. Für je 80" Kreuzer erstanden wir einen Platz in der ersten Reihe des Saales, der sich erst sehr langsam füllte, obgleich der Anfang der Vorstellung für „Präzise 8V2 Uhr" angesetzt war. Aber das Publikum wußte besser, was es hiervon zu halten habe und begann erst gegen 9 Uhr den Raum bis zum Stehplatz zu füllen. Es bestand meist aus polnischen Juden, Männern und Knaben in Kaftan und Wangenlöckchen, dicken geputzten Frauen und Mädchen und blassen, schwarzen Kindern, die andächtig