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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-01 · Heft 31 (1.8.1902) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
Seite 367 (sequence 9)
Language
German
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Auch die leider fort und fort bestehende Tradition, die wundervollen römischen Kirchen an hohen Festtagen durch das Bekleiden der Wände mit rothen und goldenen Stoffen zu verunstalten, ist orientalischen Ursprungs, vielleicht bis auf den Tempel Salomos, von dem — so will es die Ueberlieferung — eine gewundene Säule in der Capallkr äellu?ietü im St. Peter steht, zurückzusühren. In dem größten Saal, der durch seine KnPPelform mehr den Eindruck der Kirche macht, wie die anderen, befindet sich eine Orgel, was uns bei dem streng konservativen Charakter der römischen Inden fast erstaunte. Die jetzige Synagoge ist übrigens nicht die älteste, welche die Juden in Rom bauten. Man zeigt noch heute den Ort, wo das erste Bethans der Juden, es soll 300 Jahrs älter gewesen sein wie der St. Peter, gestanden hat. Schon die heidnischen Schriftsteller erzählen von dem prächtigen Tempel des Moses, der sänlengeschmückt, mit prächtigen Teppichen ausgelegt, mit allerlei goldenem Bildschmuck verziert gewesen sei. Darin habe ein Abbild des von Titus zerstörten Tempels gestanden, und die Frommen versammelten sich am Sabbath bei dem Lichte eines siebenarmigen Leuchters, der dem noch bestehenden, mit anderen heiligen Gefäßen nach Nom entführten aus dem Tempel Salomonis genau nachgeahmt ward. Von all dem ist nichts geblieben; was Gothen und Vandalen in ihrer Raublust verschonten, zerstörten später römische Christen in religiösem Fanatismus. Ein weiser und nachdenklicher Mann — wie es schien, ein Schriftgelehrter — war mir ein Führer, dem ich gern und mit sichtlichem Interesse zuhörte. Dennoch konnte ich zwischen reichlich gespendetem Lob einige Bemerkungen über schlechte Lüftung und mangelhafte Sauberkeit, besonders auf der üblen, engen und steilen Treppe, nicht unterdrücken. Ich meinte, offenbar ohne jede Bosheit, daß die Christen, auch in Italien, ihre Kirchen weit gründlicher reinigten. i Der Mann fuhr mich wüthend an, er hielt mich für gei tauft: „Wer seinem Herrn entläuft, ist ein Ausreißer. Der i Herr ist das Gesetz; wer also der Befolgung des Gesetzes sich entzieht, ist ein Ausreißer." Diese Worte entstammen zwar dem heidnischen Kaiser- Mark Aurel, der sie sicher in anderein Sinn gemeint hat, aber mein Schriftgelehrter sagte genau dasselbe. So wenig berechtigt der Wuthausbruch auch war, mich freute die muthvoll ausgesprochene Meinung Ich versöhnte den Mann mit der Bitte, mich nach dem alten jüdischen Friedhof zu führen. Auf dem Wege dorthin sprach er mir von dem gelehrten spanischen Rabbi Benjamin von Tudela, der im 12. Jahrhundert Nom besuchte und hebräisch beschrieb.! Ich habe seither gefunden, daß Gregorovins in seiner Geschichte der Stadt Nom den weitgereisten Juden und sein Werk erwähnt. Gregorovius war kein Philosemit, aber ersuchte die Weltgeschichte mit parteilosem und gerechtem Auge : zu durchforschen; so schützt er „den einzigen Reisebericht über! Rom, den wir aus dieser ganzeil bisherigen Epoche des Mittelalters haben". Auch wir entnehmen des Rabbis Beschreibung einige originelle Stellen: „Rom besteht aus zwei Theilen, die der Tiberfluß so durchfließt, daß der eine von hier, der andere von dort erblickt wird. Im ersten steht der grüßest« Tempel, der auf römisch S. Petrus heißt.- Außerhalb Rom ist der Palast des Titus, den die 300 Senatoren deshalb nicht aufnehmen wollten, weil er ihrem Befehle nicht gehorcht hatte; denn anstatt in zwei Jahren, eroberte er erst nach dem dritten Jahre Jerusalem. — — In der Kirche S. Stephan bei seinem Bilde im Heiligthum sind zwei eherne Säulen, ein Werk des Königs Salomo, der in Frieden schläft. Auf jeder Säule steht eingeschrieben: Salomo des David Sohn. Mir erzählten die dortigen Juden, daß jedes Jahr am 9. Juli aus ihnen es wie Wasser träuft. Da ist auch die Spelunke, wo Titus, der Sohn Vespasians, die heiligen Tempelgefäße niederlegte, die er aus Jerusalem gebracht halte. Es ist noch eine andere Grotte im Bereich am Tiberfluß, wo die zehn Gerechten (ihr Andenken sei gelobt!) ruhen, die unter dem Tyranueuregiinent getödtet wurden. Ferner: vordem Tempel des laleranischen Bildes ist Samson dargestellt, den steinernen Globus in der Hand; daun Absalon, der Sohn des David." Gregorovius findet es natürlich, daß der Rabbi die Weltstadt nur mit jüdischem Auge sah, er bedauert es aber doch, daß Benjamin „nur flüchtig in Rom verweilt, und flüchtiger von seinen Anschauungen erzählt hat". Erwähnen möchten wir noch einige statistische Zahlen aus dem Reisebericht des Gelehrten. Er fand in Marseille 300, in Neapel 500, Salerno 600, Messina 200, Palermo 1500, Byzanz 2000 Juden. In Nom zählte er nur 200 Männer, während unter Tiberins bereits 50 000 jüdische Nnterthanen am Tiberansässig waren, aber unter dieser geringen Zahl von Glaubensgenossen waren viel weise, geachtete, einflußreiche Leute, die er auch nennt, darunter den Rabbi Nathan, der 1101 ein talmndisches Wörterbuch verfaßt hatte, und dessen Vater Jechiel, der liturgische Dichtungen schrieb. Heutzutage liegen die Verhältnisse ganz anders als dazumal, da der gelehrte spanische Rabbi sich durch Trastevere geleiten ließ. Die Ghettostraßen bestehen wohl noch, aber Mauern und Thore sind niedergerissen, kein Zwinger sperrt die römischen Juden in ein trauriges Quartier, der vorige Papst, Pius IX., hat die Schranken aufgegeben, den Hebräern gestattet, jedes Handwerk, jedes Gewerbe zu treiben. Es ist bekannt, daß den italienischen Juden auch die Armee- und die Staatskarriere offensteht. Jedoch die armen und strenggläubigen Israeliten hängen mit Zähigkeit an den elenden Wohnungen ihrer Väter; sie verlassen die tiefen, ungesunden Gassen am Tiber nicht gern. Eng zusammengedrängt in kleiner Flächenausdehnung, wohnen dort unverhältnißmüßig viel Menschen, die meistens mit der Noch kämpfen und sich durch den Handel mit alten Kleidern, allerhand Plunder und Lappen mühsam ernähren. Die ganze Atmosphäre ist mit Staub und Schmutz erfüllt; selbst im Oktober-leidet man dort noch von unerträglicher Hitze; die emsig arbeitenden Frauen und Kinder, die gerade in Rom die immcrblühenden Mnndergürten besuchen könnten, wann und

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