Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 366 (sequence 8)
- Language
- German
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366 moralischen sagt, um wie viel mehr gilt es von ceremoniellen. Diese Gleichstellung aber ist, die talmudische Voraussetzung zugegeben, nicht nur logisch konsequent, sondern auch psychologisch begründet; denn sind einmal alle Satzungen zu Geboten Gottes gemacht, dann kommt es nur darauf an, den Gehorsa m gegen ihn zu bethätigen, und das kann man in der That bei der geringfügigsten Vorschrift ebenso wie bei der heiligsten. Daß der Talmud einen Hauptwerth auf diesen Gehorsam legt, geht am deutlichsten aus folgendem Grundsatz hervor: „Höher steht Derjenige, dergeheißen ein Gebot erfüllt, als Derjenige, der es ungeheißen erfüllt" (Kid 31 a u. ö.) Dieser Satz ist zwar das absolute Widerspiel der moralischen Autonomie, aber talmudisch sehr begreiflich und konsequent. Denn der ans göttlichen Befehl Handelnde steht darum höher, weil er in jedem Thun und Lassen ein» doppelte Pflicht erfüllt; denn jede Handlung schließt dann zugleich den Gehorsam gegen Gott in sich. Aber auch diese Anschauung reicht nicht aus zur Erklärung des Eifers, mit dem unsere Altvorderen auch die größten ceremoniellen Erschwerungen ans sich genommen. Dieses Psychologische Näthsel läßt sich nur daraus erklären, daß andere, mächtigere, nur allzumenschliche und allzuverstündliche Triebkräfte mit im Spiele waren, die Hoffnung nämlich auf dereinstige Belohnung, sei es in der irdischen Zukunft, sei es in der zukünftigen Welt. Gott wollte Israel dafür würdig machen, darum hat er ihm so viele Gebote gegeben, lautet ja ein bekannter talmudischer Ausspruch (Mac. 23 b); an anderer Stelle heißt es ausdrücklich: „Wenn Israel auch nur zwei Sabbathe vorschriftsmäßig feierte, würde es erlöst werden." Die Hoffnung auf jenseitige Belohnung kommt besonders im zweiten Buch der Makkabäer zum Ausdruck: „Der König der Welt wird uns, die wir für seine Gesetze sterben, zum ewigen Leben erwecken." (K. 7 V. 9.) Heute aber, wo dies eschatologische Moment, wenn auch nicht als Hoffnung, so doch als Motivationskraft wegfällt, wo wir mehr und mehr dahin gelangen, die Pflicht und das Gute um ihrer selbst willen zu lieben und in ihrer Erfüllung selbst den Lohn zu finden, wo wir vor allen Dingen nicht in allen Satzungen, am allerwenigsten in den äußeren, gleich Gebote Gottes erblicken, sondern höchstens nur in den moralischen Vorschriften, und wo wir endlich einsehen, daß das Judenthum auch ohne Ceremonialgesetz genug des Unterscheidenden hat, um sich als Religion erhalten und behaupten zu können — hat es doch sogar ohne Tempel und Opferdienst sich erhalten, und wenn dieses Kultische auch einen Ersatz fand gerade in dem Ceremoniellen, so kann ja dieses wiederum ersetzt werden durch das heutzutage noch stärker bindende und erhaltende und zu betonende Ideelle, d.h. Wesentliche — da meine ich, ist keine andere Konsequenz möglich, als das Ceremonialgesetz, sofern man nicht aus Gewohnheit oder Pietät daran festhält, für unverbindlich zu erklären. Erklärt man es aber im Ganzen für uuaushebbar, wie die Orthodoxie, dann muß man auch alle Einzelheiten erfüllen; aber auch die Strengsten sind nicht im Stande, alle Folgerungen und Forderungen dieser Gesetzesstrenge zu verwirklichen, einfach weil hier auch beim besten Willen und bei der größten Krastanstrengung immer noch mehr des Unerfüllbaren als des Erfüllten bleibt, von den mosaischen, durch die Geschichte unerfüllbar gemachten Vorschriften schon ganz abgesehen. Im Uebrigen wird es hierin bei uns immer so bleiben, daß der Eine dies, der Andere jenes, der Dritte keines der äußeren Satzungen bevorzugt und befolgt, und daß alle Dr->» r wenn auch nicht immer sich gegenseitig, so doch sich selber cuW t treue Inden anerkennen und empfinden und bewähren. I s Es liegt uns absolut fern, den ceremoniellen Standpui k» an und für sich zu bekämpfen; Wohl will es uns scheinen, du» s er die Freiheit und Frömmigkeit und, was ni ch t m indc r» i wichtig, das soziale Zusammenleben mehr» > stört als fördert, aber andererseits erkennen wir gern» i au, daß die Gesetzesstrenge Opfer anferlegt, die nicht Jeder z»> > bringen im Stande ist, wenn wir auch nicht einsehen, weiiil! eigentlich mit solchen Opfern gedient sein kann, und fern >»! geben wir zu, daß von so manchen Satzungen und Bräuchen! , auf so Manche, die sie beobachten, ein Hauch der Poesie, d:r! Pietät, der Erhebung und Weihe ausströmt. Nur dagegen»! wollten wir Stellung nehmen, daß mau — vielfach ans jü-I , bischer und zumeist auf christlicher Seite — das Ceremonicu-N gesetz für das Wesen und Spezifische des Judenthums ausgiebi» Die zweite Partei, der jene obige Frage keine Verlegen-» heit, sondern vermeintliche Rechtfertigung bereitet, ist de» zionistische, denn sie erblickt das Wesen des Judenthun -» nicht in der Religion, sondern in der Nationalität; damit aber» tritt sie in Widerspruch sowohl zu der biblischen Auffassung» wie zu der geschichtlichen Entwickelung. Wir brauchen wob» nicht erst all die zahllosen Bibelstellen anzuführen, in denen I von Israels ausschließlich religiöser Bestimmung die Rede in I statt vieler nur eine; den Deute ro-Jesaia wird man doch I wohl als rechten, und zwar national gesinntenJnterPreten seine: I Volksthums gelten lassen, was aber sagt er in Kapitel 4n,» Vers 6, wo er Gott zum Volke sprechen läßt: „Für deinen! gottesdienstlichen Beruf ist es viel zu gering, daß du nur di l Stämme Jakobs aufrichtest und den Rest Israels zurückführs! I vielmehr mache ich dich zum Lichte der Völker, daß mein Hei' I bis ans Ende der Welt reiche." Deutlicher kann man sich I nicht über die religiöse, Welt- und heilsgeschichtliche Bestimmung I Israels aussprechen, das nationale Moment wird zwar «ich I verneint, aber gering geschätzt; die eigentliche Verneinung wa! der Geschichte Vorbehalten. (Schluß folgt.)! W Einiges von den römischen Inden. I Von Dr. M. Marasse. I (7^ n Rom hat man mit dem Bau einer neuen Synagog I begonnen. Es scheint, daß die nicht sehr reiche Ge-! (^5 meinde ihr Haus gut bestellt; der Tempel entfaltet sieb » prachtvoll, würdig der Siebenhügelstadt, dem klassischen Boden, I auf dem die Kunst allzeit so gut gedieh. I Aber bedauerlich bleibt es doch, daß man die alte Syngoge I des früheren Ghetto abzureißen gedenkt. So unscheinbar der I Tempel — er vereinigt in verschiedenen Sälen fünf Schulen - I von außen auch erscheint, so beachtenswerth, malerisch, fremd- I artig sind die Räume im Inneren. Farbenschimmer an den I gemalten Decken, golddurchwirkte Teppiche, leuchtend gestickte I Vorhänge, die die solide Herrlichkeit vergangener Zeiten in! hellstes Licht stellen, ein zerbröckelter Fries mit Reliefs in I Stuck, seltsame Fenster, Holzschnitzereien im Chor und am Pult,! silberne Tempelgefäße zieren die Säle, und nicht all diese Er- » innerungen verklungener Jahre werden dem neuen Bau an- » zupassen sein. — Gerade in der Stadt des Papstes reißen so I