Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 365 (sequence 7)
- Language
- German
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865 c, Altew Art erdankens jüdische» Existen, dürfen: :uch ge^ em man eser Anchaaren. besitzen auch - Kinde! in Rech! verwaist >erz und idiot > ule fü> dagogen r Päda >en, für orgt ist e zweck ls nock wart zn urch dir Willens eigenen iveranl- Spuren ste aller e. Und n nicht es zum ze nicht rer mit leise best! Besetzen fltigung geschickt auriges m und Derer, vürdige nachen, so laßt Aas Wesen des Judenthums. Von Dr. Jelski-Berlin. HI». il den beiden bisher behandelten Elementen unserer Religion muß unbedingt noch ein drittes hiuzutreteil; denn es ist klar, daß jene schon darum nicht das ganze Wesen des Judenthums erschöpfen, »veil man zu ihnen auch auf anderen» als jüdisch-religiösen» Wege gelangen kann, nämlich zu dem Monotheismus auf den» Wege philosophischer R e -;lexion und zu der Moral ans den» Wege ethischer t ultur; schoi» darum können die beiden allein nicht, und nvar nicht mehr das Spezifische des Jndenthnms aus- »lachen. Der Talmud konnte noch die schölle und weitherzige ,'leußerung thun: „Jeder, der sich zur Einzigkeit Gottes betenut, ist als Jude zu betrachten" und an anderer Stelle: Der Inbegriff der Thora ist die Nächstenliebe." Aber »vir mrfeu nicht vergessen, daß derartige Aeußerungen ans einer seit stammen, wo das Heidenthmn mit seiner Vielgötterei und Miller theilweiseu Barbarei noch das numerische Uebergewicht »atte. Heute aber, »vo die monvtheistische und moralische Anchauung unserer Religion weit über die Schranken unseres Stammes, theoretisch wenigstens, ausgebreitet und Allgemeingut geworden, kann sie allein schon darum nicht das spezifische und Ganze des Judenthums mehr bilden. Denn es könnte ja mit Recht uns Jemand fragen: Wodurch unterscheidet Ihr Euch von Denen, die, ohne Juden zu sein, durch Philosophie und ethische Kultur solche Lehren und Grundsätze gewonnen haben und bekennen, die mit denen der jüdischen Religion sich völlig decken? Nur zwei Parteien bereitet diese Frage keine Verlegenheit, oildern ist scheinbar im Gegentheil eine Bekräftigung ihres Standpunktes. Die Orthodoxen werden ausrufen: Seht zhr, also ist doch nichts anderes als das Ceremonialgesetz >as Unterscheidende und darum das Entscheidende und Wesentliche des Judenthums! Doch wir halten diese Schlußfolgerung aus einem doppelten Grunde für falsch. Zunächst cber bemerken wir, daß »vir natürlich nicht jene Ceremonien, m Auge haben, die bloße Sinnbilder religiöser Ideen thischer Gebote, historischer Erinnerungeil sind und also yauptsächlich für den Kultus in Betracht kommen und in hin sogar einen integrirenden und bedeutsamen Bestandtheil mlden können, sondern wir verstehen hier darunter alle cne Satzungen, die das ganze persönliche Leben auf Schritt und Tritt reguliren, die »ran durch oft willkürliche, spitzfindige und gewaltsame Deutung aus dem Buchstaben ver Thora herausgepreßt hat, und die heute keine andere Rechtfertigung haben als die furchtbare Macht der Gewohnheit. In dieser Hinsicht ist das Ceremonialgesetz so wenig das Wesen des Judenthums,daß es vielmehr einem wesentlichen Theil desselben schnurstracks zuwiderläuft, nämlich der prophetisch-p s al m isti s ch e n Innerlichkeit, die ausdrücklich alles Cereinonielle, selbst das so tief wurzelnde Opferwesen, »vo sie eS nicht direkt verwirft, doch für absolut unwesentlich erklärt; denn sie fühlte mit Recht, daß die Last äußerlicher Gesetze mit der Zeit nicht nur die Freiheit, sondern auch die Frömmigkeit erdrücken muß, daß sie eine ungeheure Knechtung der persönlichen Selbstbestimmung bedeutet und zugleich eine Zerstörung der religiösen Unmittelbarkeit. Wenn man auf Schritt und Tritt bedacht sein muß, nicht mit irgend einem der zahllosen rabbinischen Ge- oder Verbote in Konflikt zu kominen, dann ist es niit dem höchsten Gute des Lebens, der Persönlichen Freiheit, vorbei; wenn man Gott nicht anders dienen kann als auf dem U mweg komplizirtester Gesetzeserfüllung, dann ist es mit dem eigentlich religiösen Gefühl vorbei, dann sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht. In den» einen wie in dem anderen Falle ist mau »licht mehr Herr seiner selbst und nicht ein Diener Gottes, sondern ein Sklave der äußeren Satzung. Aber auch aus einem anderen Grunde kann sie nicht zum Wesen des Judenthums gehören, »veil sie nämlich in» Gegensatz zu deil nur auf das Mögliche bedachten moralischen Vorschriften, unserer Religion, in ihrer ganzen Strenge und Buchstäblichkeit in ihrem ganzen Umfang und Inhalt etwas unmöglich zu Erfüllendes ist. Schon das Prinzip des der Umzäunung, der ceremonielleil Prophylaxis ist seiner Natur nach grenzenlos; denn wer kann sich gegen all die unendlichen Eventualitäten sicher stellen, die zur Uebertretung eines „Gebotes" führen könnten? Darum ist, genau genommeu, kein Mensch im Staude, das Gesetz in der talmudisch-rabbinischen Auflassung und Erweiterung zu erfüllen; es krankt an einem inneren Widerspruch: es verlangt Erfüllung und i st unerfüllbar; auch der Orthodoxeste verletzt so manches „Gebot". Deshalb ist es kein Wunder, daß die Wirklichkeit gerade hierin die mannigfachsten Schattiruugen auflveist; Jeder sucht sich aus der ungeheuren Fülle des Cereinoniellen das heraus, was ihm an» besten paßt und nennt zuweilen den, der anderes oder weniger erfüllt, schon nicht mehr fromm. Aber im Grunde erfüllt Keiner das Ganze, und auch Diejenigen, die gar nichts davon erfüllen. habe»» sich oft genug als treue Juden erwiesen. Darum darf auf keinem Gebiete weniger als auf diesem der Eine über den Anderen zu Gericht sitzen denn nirgends herrscht weniger Einheit und Uebereiustimmung als hier; Niemand vermöchte anzugebeu, welche Satzungen allgemein-verbindlich und wesentlich sind und welche nicht. Der Eine hält die Speisegesetze, der andere die Sabbathgebote, ein Dritter die Festgebräuche, ein Vierter das Fasten, ein Fünfter die Beschneidung, ein Sechster die Bar-mizwah, ein Siebenter das regel- und vorschriftsmäßige hebräische Gebet, ein Achter die rituelle Trauung u. s. w. für oonckitio 8ino gun non, für unbedingte Bedingung der jüdischen Religion; aber er vergißt, daß es Tausende von Israeliten giebt, die irgend eines dieser Gebote und Gebräuche, oft sogar alle übertreten oder wenigstens nicht streng und ständig und ganz vorschriftsgemäß erfüllen und sich dennoch mit Stolz und Liebe und Hingebung zum Judeuthllin bekennen und hingezogen und in ihm festgehälten fühlen. Wie es unmöglich ist, das ganze Ceremonialgesetz buchstäblich zu erfüllen, so ist es unmöglich, aus der ungeheuerlichen Fülle desselben etwas Allgemeingiltiges herauszusuchcn, schon darum, weil eine solche Auslese seinem innersten Prinzip widerspricht; denn ist ei »»mal seine allgemeine Verbindlichkeit zugegeben, daun ist die eine Vorschrift so ver bi üblich wie die andere. Darum ist der Talmud von seinem Standpunkt aus vollkommen im Recht, wenn er sagt: N12» 21N2N N1VN 711-I12NN sü NN1L2N „Die Schrift stellt (wenigstens nach rabbinischer Deutung) das geringste der Gebote dem gewichtigsten derselben gleich" (j. Kid. 61 b), und wenn er das schon von