Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 364 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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364 einigten Staaten auf dem Recht besteht, daß ihre Bürger kommen und bleiben können in jedem Lande, mit welchem wir Frieden haben, so lange als sie sich sriedlich und anständig betragen. Die Israeliten in Persien schmachten noch immer unterwahrhaft unerträglichem Druck. Das Centralkomitee der 17." empfing von einem seiner Berichterstatter in Persien folgende Mittheilung darüber: Teheran, den 30. Mai 1902. Sehr ernste Neuigkeiten haben wir diese Woche aus Schiraz erhalten. Der religiöse Fanatismus ist plötzlich in dieser Stadt erwacht. Die Menge hat sich auf Anstiften des Said Ali Mohamed, Sohn des bekannten Said Ali Akhar, der vor mehreren Jahren wegen seines Ungestüms aus Schiraz entfernt worden ist, auf unsere armen Glaubensgenossen gestürzt. Ohne Sinn und Verstand wurden sie auf das Schändlichste gedehmüthigt. Festgehalten auf der Straße, schnitt mail ihnen in sitzender Stellung das Haar kahl ab, schnitt ihnen den Bart, nahm ihnen hierauf ihren Kola ab, eine nationale Kopfbedeckung, welche gewöhnlich aus schwarzem Filz und von runder Form ist, und machte drei scharfe Schnitte hinein,: eitlen in die Mitte auf die Stirn fallend und die zwei übrigen an jede Seite. Nie hat ein entehrender Flecken so schlecht ausgesehen, und unsere unglücklichen Glaubellsgenossen von Schiraz wurden ob dieser unwürdigen Behandlung in elne wahre Trauer versetzt. Nachdem ich diese traurigen Nachrichten erfahren hatte, beeilte ich mich, beim Minister der äußeren Angelegenheiten gegen diese barbarischen Handlungen zu protestireu. Es wurde mir die Antwort, daß die Saids die Zeit vom Abgang des Gouverneurs mißbrauchten, um sich diesen ungerechten Handlungen hinzugeben, aber sein Nachfolger müßte jetzt schon seine Funktionen übernommen haben. Das Gouvernement, welches ebenfalls unmittelbar durch die Israeliten von Schiraz voll der Sache in Kenutniß gesetzt worden war, versprach unter anderem, am selben Tage dem neuen Beamten telegraphische Befehle zu senden, daß unsere Glaubensgenossen nicht mehr gequält würden, und daß die Abzeichen, die man sie gezwungen hat zu tragen, sofort beseitigt werden sollteil. Die kleine Stadt Bidjara ist ebenfalls der Schauplatz sehr bedauernswerther Ereignisse geworden. Wie Sie wissen, sind die Behörden in dieser Jahreszeit nicht in der Stadt. Ich mußte mich also ohne Zögern auf das Land begeben, um den Minister der äußeren Angelegenheiten von diesen ernsten Ereignissen in Keuntniß zu setzen. Seine Exzellenz Mouchir ed Douleh empfing mich selbst, und nachdem er Kenutniß von der an mich gerichteten Depesche genommen hatte, sagte er mir: „Beruhigen Sie sich; ich werde sofort telegraphische Befehle ertheilen, daß die Unruhen aufhören, und daß ihre Glaubensgenossen in Frieden ihren Geschäften nachgehen können." Das Uecht der Untergehenden. Von Waisenhausdirektor Katz-Rybnik. ir widmen uns immer mehr der Aufgabe, Anstalten zu errichten. Und wenn auch zwischendurch Stimmen für die Einzel-, das heißt die Familienerziehung und Familienpflege sich erheben, Stimmen Derer, die die Schattenseiten des Lebens nur vom Hörensagen kennen — wir werden dennoch weiterhin Denkmäler unseres Kulturstandes, künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung, errichten für die an Leib oder Seele oder an Leib und Seele der Hilfe Bedürftigen. Für die Kategorie der letzteren will ich heute mein Wort einlegen, meinen Mund öffnen für das Recht der Untergehenden. (Spr. 36, 8.) Wie viel hat die Menschheit, die Judenheit in den letzten Jahrhunderten an Werken der Nächstenliebe geschaffen I Es sind Waisen- und Erziehungsanstalten, Krankenhäuser, Altennnd Siechenheime und Heilstätten der mannigfachsten Art erstanden. Und vor Kurzem ist in diesen Blättern die dankens werthe Anregung zur Schaffung einer spezifisch jüdischen Irrenanstalt gegeben. Die Nothwendigkeit ihrer Existen, wurde so überzeugend nachgewiesen, daß wir gewiß sein dürfen: der Mahnruf wird nicht im Winde verhallen. Noch einige Jahre — und der so viel in Anspruch genommene „Deutsch-Israelitische Gemeindebund", von dem man ja fast alles Mögliche erwartet, er wird auch in dieser Angelegenheit die Fahne aufrollen und alle Kräfte lim sich schaareu. die Herz und Sinn und den nöthigen iwrv»8 roruni besitzen um ein solches Werk ins Leben zu rufen. Und wenn man der Irren gedenkt, möge man auch - der Zusammenhang liegt so nahe — der „idioten" Kinde; nicht vergessen. Mehr noch als Verwaiste haben sie ein Rech! auf Schutz und Hilfe, denn nicht der ist in der Welt verwaist dessen Vater und Mutter gestorben, sondern der für Herz und Geist keine Liebe und kein Wissen erworben. Würde man der Irrenanstalt eine Abtheilung für idiot. Kinder angliedern und sie nach Art einer Hilfsschule fü> Schwachsinnige gestalten, dann wirkten Arzt und Pädagogen gemeinsam, so gerecht werdend den Anforderungen der Päda Logischen Pathologie im Interesse dieser Untergehenden, für die bisher von der Allgemeinheit in keiner Weise gesorgt ist die aber weder in der Familie noch in der Volksschule zweck mäßige Ansblildung erfahren können. Weder Haus noch Schule haben Zeit noch Fähigkeit, idiote Kinder derart zn leiten, daß der Mangel eines oder mehrerer Sinne durch die Entwickelung irgend einer Seite der Gemüths- »der Willens bildung entsprechend ersetzt werden könnte. Ich habe es erlebt, wie ein idiotes Kind von der eigenen Mutter, einer Jüdin, körperlich und geistig aufs Unverantwortlichste vernachlässigt wurde, wie selbst die geringen Spuren geistiger Regsamkeit unterdrückt wurden, wie das ärmste aller Geschöpfe — bar jedes Tropfens Liebe — dahinvegetirte. Und auch in der Schule, wo es mit den normalen Genossen nicht Schritt halten konnte, also Zurückbleiben mußte, erfuhr es zmn Schaden den Spott bis zur Neige. Bestehen im Orte Hilfsschulen für Schwachsinnige nicht und sie sind noch recht selten, dann kann sich der Lehrer mit dem anormalen Kinde nicht in wünschenswerther Weise beschäftigen. und es wird der Schule und sich ein Ballast! Nur regelmäßige, in besonderen Anstalten nach Gesetzeil der Pädagogik und der Pathologie geleitete Beschäftigung vermag Idiote für mancherlei Arbeiten einigermaßen geschickt zu machen. Dadurch schaffen wir ihnen Lichtblicke in ihr trauriges Dasein, bewahren die Menschheit vor gewissen Schäden und sie selbst vor Spott und unfreundlicher Behandlung Derer, denen sie eine Bürde sind. Auch der Untergehende hat ein Recht auf menschenwürdige Behandlung, und wir mögen es zu unserer Pflicht machen, ihm endlich sein Recht zu gewähren: „Gott schuf ihn, also laßt ihn für einen Menschen gelten."