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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-01 · Heft 31 (1.8.1902) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
Seite 363 (sequence 5)
Language
German
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368 Es hat sich nachträglich herausgestellt, daß der von dem Generaloberst v. Los so sehr gelobte Husar Moses Bier das eiserne Kreuz nicht besitzt. Angesichts der irrtümlichen Behauptung des Generalobersten v. Loö ist nun die antisemitische 'Presse ganzaus dem Häuschen. Sie thut so, als ob das Eint eten des Freiherrn v. LoL für die jüdischen Soldaten sich zu einer Blamage für ihn gestaltet habe, und ergeht sich l.i erneuten Schmähungen gegen die Soldaten jüdischen Glaubens und ihren hochherzigen Anwalt. Die Antisemiten würden vielleicht im Rechte sein, sich zu ereifern, wenn es nur vereinzelte jüdische Ritter des Eisernen Kreuzes gäbe. In riirklichkeit aber — und das wird von den ehrlichen Antisliniten natürlich unterschlagen — ist die Zahl der jüdischen 8 itter des Eisernen Kreuzes eine recht stattliche. Die vor sieben Jahren von dem „Komitee zur Abwehr antisemit scher Angriffe" herausgegebene Schrift „Die Juden als Sol» taten" brachte eine Liste von Juden, welche das Eiserne Kreuz oder die entsprechenden Dekorationen der anderen deutschen S undesstaaten erhalten haben. Diese Liste mit ihren Nacht ägeu enthält 363 Namen. Nun vergegenwärtige man sich, daß diese Liste ans dem Wege einer rein privaten, durchaus unzureichenden Enquöte zusammengestellt wurde, daß somit die F eststellungen nicht entfernt erschöpfend sind. Man vergegenwärtige sich ferner, daß die Zahl der dekorirten Offiziere weit g ößer ist als die der Mannschaften, und daß innerhalb des i ffizierkorps, die Militärärzte abgerechnet, die Juden fast gar i lcht vertreten waren. Nun konnten aus Grund des lückenl aften, fragmentarischen Materials nur 4700 jüdische Soldaten w uirt werden, welche an dem Feldzüge theilnahmen; ihre that- 'ächliche Ziffer war weit größer. Legt man aber auch nur die k listatirte Zahl der Kombattanten und der Dekorirten zu Grunde, so ergiebt sich die bedeutsame Thatsache, daß von 4700 jüdischen Soldaten 363, also von 13 immer einer, während in der ganzen Armee nur der vierzigste Soldat ausgezeichnet wurde, daß somit die Zahl der Juden, welche 1870/1871 das E iserne Kreuz sich erworben haben, im Verhültniß zur Gesammtb völkerung nicht nur nicht kleiner, sondern größer ist als die d>r Nichtjuden! Und angesichts dieser ziffernmäßigen Festsü'llnng — welche sich, wie immer wieder betont sei, mit Hilse l ner wirklich erschöpfenden Enquvte noch wesentlich günstiger Gestalten würde — erdreistet man sich, die jüdischen Soldaten zu verlästern! Auch aus anderen Ländern kommen in einem fort Berichte über die Auszeichnung tapferer jüdischer Soldaten. Der Aerger d r Antisemiten ist deshalb begreiflich. So erhalten wir jetzt aus Holland die folgenden Mittheilungen: Mit dem Dampsschiff „König Willem I", das voraussichtlich am 0 n. M. aus Indien zurückkehrt, kommt auch M. Cohen, Wacht- »eister der Kavallerie, geb. iu Goes (Provinz Zeeland) wieder nach i r Heimath. Dieser wackere Unteroffizier war etwa sechs Jahre in indischem Dienst. Er wurde mit königlichem Beschluß vom 6. März 1899 wr seine muthige Aufführung in Lombok als Kavallerist ehrenvoll c wähnt. Als Korporal wurde er am 13. Juli I960 zum Nitter des Militär Willemsordens" IV. Klasse ernannt, wegen seines tapferen > >d taktvollen Benehmens bei der Ueberwältignng der feindlichen Giellnng auf dem Tjot Kala (Atjehs am 14. November 1899, bei welchem Gefecht er einen verwundeten europäischen Wachtmeister, der vom Pferde gefallen, und dadurch zurückgeblieben, unter heftigem / ei,erregen und in einem Hagel von Steinen auf sein eigenes Pferd lwb und dasselbe, zu Fuß daneben gehend, mit großem Geschick zu G'r Hauptmacht führte, wodurch dem Wachtmeister das Leben gerettet wurde. Dieser tüchtige Nute,oififier wird zu Nmucden von den« Kapitän-Kommissär der heinikehrenden Truppen begrüßt werden, während mau hier am „Handelskade" einen feierlichen Empfang für ihn vorbereitet. 4 Dem Kulturkampf iu Frankreich sieht „das hinter den Kulissen stehende Judenthum", wie die „Kreiszeitung" genau weiß, mit großer Freude zu. Demgegenüber dürfte das Urtheil eines Mannes, den jenes Blatt doch sicher als „Oberjuden" betrachtet, von Interesse sein. Mar Nordau macht wegen der jüngsten Ereignisse der französischen Regierung heftige Vorwürfe. Er schreibt: „War die Negierung früher beschämend unterwürfig, so ist sie jetzt unnöthig schroff und rauh. Sie fordert die Schließung der Ordensschulen binnen acht Tagen. Warum? Noch 10 Tage, und das Schuljahr ist ohnehin überall ordnungsmäßig zu Ende, es folgen zwei Monate Schulferien, man konnte den Schulen also mindestens bis zum 1. Oktober Frist gewähren, ohne daß dies die Abhaltung auch nur einer einzigen Schulstunde mehr bedeutete. Eine Frist von zwei bis drittehalb Monaten hätte der Regierungsmaßregel jeden Anschein von Härte genommen. ohne sie in Wirklichkeit abzuschwächen. Noch einen anderen Vorwurf kann mau der Regierung nicht ersparen. Sie hat mit der Schließung der Schulen gerade in Gegenden begonnen, wo man sie zur Zeit am wenigsten entbehren kann, weil der Staat — gewiß nicht ohne Absicht — es unterlassen hat, dort für weltlichen Unterricht zu sorgen. Dies gilt hauptsächlich von der Vendüe, der Bretagne und dem Anjou. Die geistlichen Schulen werden geschlossen, weltliche giebt es nicht oder in lächerlich ungenügendem Maße, und so werden Hunderttausende von Kindern beim Beginn des nächsten Schuljahrs ganz ohne Unterricht bleiben. Das ist bedauerlich. Es wäre klüger und zweckmäßiger gewesen, zuerst allenthalben ausreichend für weltliche Schulen zu sorgen und erst dann die geistlichen Schulen zu schließen. Mit bloßen Gewaltstreichen schafft man nur Erbitterung, doch keinen gesunden, dauernden Fortschritt." So denkt das „hinter den Kulissen stehende Judenthum!" Der New Yorker Kongreßdeputirte Goldvogle hat, begleitet von dem muthigeu Kämpfer für das Recht der Juden/ Simon Wolf, den amerikanischen Präsidenten Roosevelt in der letzten Woche besucht, um ihn um seinen Beistand zu bitten bei den Bemühungen, Rußland zu veranlassen, daß es den amerikanischen Juden freien Zutritt gewähre, vorausgesetzt, daß sie mit einem eigenen Paß versehen sind. Es ist lange bekannt, daß trotz der guten Absichten der Staatsbehörden — Absichten, deren Ernst Niemand bezweifelt — nichts im Stande ist, diese Agitation zu fördern, als die direkte Intervention des Präsidenten selbst. Der Präsident versprach die Angelegenheit mit dem Staatssekretär Hay zu erörtern. Die Haltung der amerikanischen Regierung war bisher eine ziemlich schwankende. Daß Rußland sich niemals zu irgendwelchen Konzessionen bereit finden lassen wird, wenn es nicht durch ständige Intervention hierzu gezwungen wird, ist sonnenklar. Andernfalls wären aber Repressivmaßregeln am Platze, in der Art, wie der frühere Secretary Gage sie in dem Rechtsstreit mit Rußland wegen der Zuckerprämien anwendete. Es giebt viele Wege, etwas zu erreichen, wenn man ernstlich dazu die Absicht hat, und die geniale Begabung des Mannes, dessen Pflicht es ist, dies zu thun, kann sicher einen Weg finden, wenn er ihn suchen will. Ein amerikanisches Blatt sagt mit Recht: Es bedarf nicht der Antwort, daß die Juden aller anderen Länder unter denselben Maßregeln leiden. Wir können es wagen, für die wahre amerikanische Lehre eiuzutreteu. daß die Negierung der Ver-

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