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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-25 · Heft 30 (25.7.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Oesterreich-Ungarn. ln Wien, 21. Juli. Den Christlich-Sozialen sind in letzterer Zeit mehrere Mißerfolge passirt — nicht bei uns in Wien, da herrschen sie noch ans allen Linien — aber in einzelnen Städtchen beginnt sich allgemach ein Geist des Unwillens zu regen, und wenn dann zufällig ein paar antisemitische Agitatoren dazu kommen, werden sie nicht allzu freundlich empfangen, wie in dem mährischen Orte Höderitz, wo die Gründer einer christlich-sozialen Gruppe des „Südmährischen Bauernbundes" von mehr als 300 Bauern energisch zurückgewiesen wurden, oder in Trautenau, wo das Ergebniß der diesmaligen Gemeindewahlen den gänzlichen Zusammenbruch des antisemitischen Regimes in dieser Stadt bedeutet; dagegen beherrschen sie wieder einmal den Gerichts? aal. Da ist vor allem ein Schuhmacher und Armenrath von Ottakring, der wegen Ankaufes gestohlener (selbstverständlich viel billigerer) Waare vcrurtheilt wurde, ferner der Kassirer einer bekannt antisemitischen Kaffeefirma, der wegen Unterschlagung von 50 000 Kronen, die er in leichtsinniger Gesellschaft vergeudete, dem Gerichte eingeliefert wurde, und Andere mehr. Am 19. d. M. wurde im großen Festsaal der Universität ein Fräulein Margarete Furcht, die Tochter des Börsensensals Ignatz Furcht, die einstimmig mit Auszeichnung approbirt wurde, zum Doktor der Philosophie promovirt; Dr. Margarete Furcht ist Chemikerin. — Der Kaiser hat dem Großindustriellen Moritz Doktor den Titel eines kaiserlichen Rathes, und dem Großgrundbesitzer, Generalrath der Oesterreichisch-Ungarischen Bank in Budapest, Alexander Deutsch den ungarischen Adelstand mit dem Prädikate „de Halom" verliehen. — Im Alter voll 87 Jahren ist hier Frau Julie Schlesinger, gewesene Ehrenpräsidentin des israelitischen Taubstummeninstitutes und Besitzerin des goldenen Verdienstkreuzes, gestorben. — Seitens der Statthalterei ist eine Zuschrift all den Kultusvorstand eingelangt, daß der verstorbene Privatier Julius Joachim Fränkel letztwillig ein Kapital von sechshullderttausend Gulden, von welchem seiner Gattin lebenslänglich der Fruchtgenuß zustehen soll, zur Errichtung von Stipendien im Betrage voll 200 bis 500 ft. für arme Studirende israelitischer Konfession an der Wiener Universität, ohne Unterschied der Nationalität, gewidmet habe. — Bekanntlich hieß der Großvater der Fran von Georg Schönerer — Schmul Leb Kohn; dieser Bluteinschlag scheint doch nicht ohne Einfluß in dem Hanse derer von Schönerer gewesen zu sein. Denn die Tochter Schönerers verliebte sich in einen jüdischen Oberleutnant B. des in Krems liegenden Infanterieregimentes. Als dieses Verhältniß publik wurde und das Fräulein Schönerer zur Hochzeit drängte, hielt der Offizier um ihre Hand an. Ritter Georg versagte seine Zustimmung und zeigte wnthschnaubend den Oberleutnant beim Negimente an, das jedoch das Vorgehen des Offiziers billigte. Fräulein Schönerer hat das Elternhaus verlassen und klagt ihren Vater auf Herausgabe ihres Erbtheils an. So hat also eine Sprossin Schmul Leb Kohns wieder den Weg zu den Ihrigen gefunden. Frankreich. Paris, 20. Juli. In einem Wagen 1. Klasse eines von Paris nach Versailles fahrenden Eisenbahnzuges wurde am 15. d. M. an dem allgemein geachteten hiesigen Arzt Dr. Ordenstein ein Mord begangen. Ein anständig gekleideter junger Mann brachte ihm mehrere Messerstiche in den Leib bei. Dem Ueberfallenen gelang es, das Nothzeichen zu geben, und der Thäter wurde verhaftet, weigerte sich aber seinen Namen anzugeben. Der Verwundete wurde in ein Krankenhaus gebracht und ist am 17. d. M. dort gestorben. Dr. Ordenstein war ein in der hiesigen deutschen Kolonie sehr angesehener Arzt und aus Worms gebürtig. Der Mörder heißt Firmin Chabaneix und ist ein seit vier Monaten entlassener ehemaliger Postbeamter. Er stammt aus Champagnac (Dep. Haute-Vienne). Eine in seiner Wohnung vorgenommene Haussuchung hat nichts ergeben, was auf das Verbrechen Bezug haben könnte, aber es ist jetzt völlig klar, daß der Mörder in der Absicht gehandelt hat, den alten Arzt zu berauben. Der Ermordete wurde heute beerdigt. Am Grabe sprachen der Rabbiner, in Vertretung des abwesenden deutschen Botschafters der bayerische Gesandte Freiherr v. d. Tann und Dr. Pfeiffer, ein Kollege Ordensteins. Der Hilfsverein sandte einen Kranz. Auch die deutsche Botschaft legte im Aufträge der deutschen Negierung aus dem Sarge einen Kranz mit der Aufschrift: „Dem Andenken des Patrioten und Menschenfreundes. Die deutsche Negierung" nieder. Der deutsche Botschafter Fürst Radolin als Ehrenpräsident des deutschen Hilfsvereins und der bayerische Geschäftsträger Freiherr v. d. Tann als dessen Präsident sprachen den Verwandten des Ermordeten, der sich seit 25 Jahren in opferwilligster Weise als Arzt und Ehrenmitglied dieser Vereinigung bethätigt hatte, die tiefste Theilnahme aUs. Von Nah und Fern. ----- Gegen den Grasen Pückler sollte am 19. d. M. vor der neunten Strafkammer des Landgerichts 1 verhandelt werden. Doch der Termin mußte in letzter Stunde ausgehoben werden, weil ein Berichterstatter, auf dessen Behauptungen hin die Anklage erhoben ist. nicht erscheinen konnte. — Als vor einigen Tagen eine Versammlung aufgelöst wurde, in der Graf Pückler seine geistvollen Tiraden losdonnerte, kommandirte der Vorsitzende, nachdem schon der überwachende Polizeioffizier die Räumung des Saales befohlen hatte, die Absingung des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles". Es ist nun ein polizeiliches Verfahren nachgekommen, da in dem Verhalten eine Zuwiderhandlung gegen ein polizeiliches Verbot vorliegt. — Eine Stiftung von hunderttausend Mark vermachte Frau Franka Hirschland aus Berlin der Stadtgemeinde in Essen. Für diesen Betrag soll ein Pavillon für Augenkranke im Essener städtischen Krankenhause errichtet werden. — In Kiel sind zwei jüdische Deckoffiziere (Feldwebel, die Offiziersdienste leisten). Durch Kommandanturbefehl sind sämmtliche Mannschaften jüdischer Konfession, vorausgesetzt daß die Kriegsschiffe im Hafen liegen, an allen jüdischen Festtagen vom Dienste dispensirt. Es bedarf nur einer jedesmaligen Mittheilung an das Kommando. — In Kaiserslautern feierte das allgemein geachtete Ehepaar Becker das Fest der goldenen Hochzeit unter allgemeiner Theilnahme. — Den ersten Preis bei dem Wettbewerb um den besten Münchener Roman hat die Schriftstellerin Leo nie Meyerhof ans Bildeck bei Frankfurt a. M. für ihre Arbeit „Töchter der Zeit" erhalten. Sie schreibt unter dem Namen Leo Hildeck. — Der Erfinder der Korrespondenzkarte, Ministerialrat!) Professor Dr. Emanuel Herr mann, der im Alter von 63 Jahren in Wien gestorben, war kein Jude, wie mehrere Blätter angenommen haben. — Alexander Pollak wurde zum königlich serbischen Konsul inBudapest ernannt. — Generaldirektor Sigmond Nyitrai erhielt das Ritterkreuz des „Franz-Joses"-Ordens, der Physikus der Stadt Gynlafehervair (Ungarn) Dr. Bernhard Nathan das goldene Verdienstkreuz mit der Krone. — Jsaac Molchs Pascha. Excelleuz. hat seine Demission als Präsident des israelitischen Konsistoriums der Türkei gegeben. Dr. de Castro Bey, Exzellenz, der Vizepräsident dieses Konsistoriums, hat den Großkordon des Osmauieordens erhalten. — Bei dem jüngsten Avancement wurden in Frankreich drei jüdische Obersten, ein Oberstleutnant, ein Major ernannt. — In Antwerpen ist der jüdische Maler M arcu si, ein geborener Berliner, im 85. Lebensjahre gestorben. — Der Zar hat der Familie Antokolskis telegraphisch sein Beileid ausgedrückt und den Wunsch geäußert, daß der Künstler in Rußland beerdigt werde. — Nach einer neuen Verordnung des ru ssi sch en Kultusministeriums hat die Aufnahme von Juden in das polytechnische Institut von Petersburg eine neue, bedeutende Beschränkung erfahren. Die Zahl der neueintretenden Juden darf drei Prozent der Gesammtzahl der christlichen Hörer des Polytechnikums nicht übersteigen; bis jetzt aber war dieser Prozentsatz mit zehn festgesetzt. — Die Aufnahme von Juden in das Gymnasium zu Libau wurde Heuer, wie amtlich bekanntgegeben wird, völlig eingestellt. In den letzten zwei Jahren wurde die Zahl der neuaufgenommenen Juden äußerst beschränkt, durch die nunmehr erlassene Verordnung aber den Juden der Zutritt in das Gymnasium gänzlich versperrt. — Die Handelsakademie zu Odessa giebt, wie die „Odesskija Nowosti" melden, bekannt, daß sie den absolvirten Akademikern mosaischer Konfession keine Anstellung verschaffen kann, weil die meisten Forderungen nach Handelsakademikern aus Gegenden stammen, wo den Juden der Aufenthalt nicht gestattet ist. — Bei der im Aufträge der National 66ograptn'6 Soeiet^ in Washington unternommenen Expedition nach Martinique gelang es nur dem bekannten Forscher Professor Hilprin die Höhe des Mont Peläe zu erreichen und inmitten des furchtbaren vulkanischen Aufruhrs seine Studien durchzuführen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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