Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 vertretende Vorsitzende, Jakob Steinberg in Münster i. W., ist am 20. April d. I. gestorben. Nicht nur im Verbandsausschusse, sondern in weiten Kreisen der westfälischen Jndenheit, die den Verstorbenen auf den verschiedenen Gemeindetagen kennen zu lernen Gelegenheit hatten, erfreute sich der jugendfrische Greis einer seltenen Werth» Schätzung. Der Tod des wackeren Mannes bedeutet für den Verband einen schmerzlichen Verlust. — Ueber die Vermögensverhältnisse und die Entwickelung des am 17. Juni 1900 im Anschluß au den zehnten Gemeindetag in Witten gegründeten Vereins „Israelitisches Altersheim in Westfalen" wird demnächst ein ausführlicher Rechenschaftsbericht erscheinen. Das Vereinsvermögen beläuft sich auf 122 223,19 Mark. Die Beamten-Pensionskasse des Verbandes hat sich auch im verflossenen Geschäftsjahre erfreulich entwickelt. Der Vermögensstand beläuft sich aus 20 000 Mark in Effekten, wozu noch ein Kassabestand von >11,20 Mark kommt. — Dazu kommen noch die regelmäßigen Jahresbeiträge der ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder. — Ueber den Stand der Lese buchs rage wird berichtet: „Für die Genehmigung von Nolksschullesebüchern sind vom Kultusministerium vor Kurzem neue Grundsätze aufgestellt worden. Infolge dessen sollen alle Lesebücher, auch die bereits eingesührten, einer erneuten Prüfung unterzogen werden; auch die unserm Lesebuch bereits ertheilte Genehmigung ist aus diesem Grunde zurückgehalten worden. Doch theilt in diesem Falle unser Lesebuch das Schicksal aller gleichartigen Bücher, and auch kein anderes Lesebuch hat Aussicht, zur Einführung genehmigt -u werden." Doch unterliegt es keinem Zweifel, daß das tatsächlich bereits genehmigte Lesebuch Ostern 1903 zur Einführung gelangen wird, da bis zu diesem Termin alle neuen Lesebücher eingeführt werden sollen. Die seitens der Schulkommission des Verbandes neu bearbeiteten Lehrpläne sür den Religionsunterricht an den Volksschulen liegen schon seit mehr denn Jahresfrist druckfertig vor. Doch wurde bis jetzt von ihrer Veröffentlichung abgesehen, weil gleichzeitig mit denselben die Pläne sür den Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten veröffentlicht werden sollten. Indessen hat sich die endgiltige Fertigstellung der letzteren verzögert. Doch soll die Arbeit unmittelbar nach dem Gemeindetage wieder ausgenommen und zu Ende geführt werden. Die Drucklegung sämmtlicher Pläne wird alsdann sofort erfolgen. Die Inspektion des Religionsunterrichts erfolgte wie seither in zahlreichen Verbandsgemeinden durch die von der Verbandsleitung in Uebereinstimmung mit den betreffenden Gemeinden und Lehrern bestimmten Inspektoren. Die Zahl der seitens des Verbandes im verflossenen Geschäftsjahre behufs Ermöglichung eines geordneten Religionsunterrichts unterstützten Gemeinden ist die gleiche geblieben, so daß gegenwärtig sechs Gemeinden subventionirt werden. Der Unterricht steht auch hier unter der Aussicht der vom Ausschuß ernannten Inspektoren. In der Leitung der Schulkommission ist insoweit eine Aendernng eingetreten, als der frühere stellvertretende Vorsitzende, Prediger Rothschild-Dortmund, der seit dem Ausscheiden des Herrn Rektor Dr. Gutmann in Berlin den Vorsitz führte, von demselben zurückgetreten ist. Als erster Vorsitzender wurde Seminardirektor Dr. Spanier-Münster neugewählt. Auf dringenden Wunsch des Ausschusses erklärte sich Herr Rothschild bereit, das Amt eines zweiten Vorsitzenden auch weiterhin beizubehalteu. Mit Genugthuung wird hervorgehoben, daß der Absatz der Gebetbücher ein wesentlich größerer geworden sei. Es hat sich bei dem Absatz der Bücher eine gewisse Gleichmäßigkeit herausgebildet, die zu dem Schlüsse berechtigt, daß dieselben sich in den westfälischen Gemeinden immer mehr einbürgern und den Mitgliedern der Gemeinden lieb und werth geworden sind. Der Bericht schließt mit dem Wunsche: Mögen auch in dem neuen Geschäftsjahre die Bestrebungen des Verbandes durch die rege Theilnahme der Gemeinden gefördert werden zum Heile der westfälischen Jndenheit und damit zugleich zum Segen des Judenthums überhaupt. ----- Frankfurt a. M., 18. Juli. Eine sehr charakteristische Auffassung, wie man sie in solcher Rückständigkeit kaum noch sür möglich halten sollte, trat in einem dieser Tage auf dem hiesigen Landgerichte verhandelten Civilprozeß zu Tage. Ein junger Kaufmann klagte auf Ausstellung eines der Wahrheit entsprechenden Zeugnisses sowie auf sein Salair vom Tage des Austritts bis zum Ablauf der Kündigungsfrist. Der Kläger hatte ein Zeugniß nur über seine mit gut bezeichnten Leistungen erhalten, während ihm über seine Führung keines ausgestellt wurde. Die Beweisaufnahme fiel jedoch ganz zu Gunsten des jungen Menschen, eines Italieners, aus, wobei auch zu Tage kam, daß er Israelit sei. Der Beklagte behauptete, er sei , „belogen" worden (dieser Ausdruck wurde ihm verwiesen), er habe den Kommis als Christ eugagirt. Der Vorsitzende fragte: „Waren Sie mit dessen Leistungen zufrieden?" Antwort: „Ja!" „Und mit seiner Führung?" „Er hat mir verheimlicht, daß er Jude sei!" „Die Religion," sagte darauf der Vorsitzende, „hat mit der ganzen Sache nichts zu thun. Sie haben die Leistungen sür gut befunden. Niemand ist ohne spezielles Befragen verpflichtet, seine Religion anzugeben." Der Gerichtshof brachte einen Vergleich zu Stande, nach welchem der Kläger ein neues Zeugniß erhält, worin nach den guten Leistungen eingeführt werden soll „ebenso mit der Führung". Der Kläger erhält 200 Mark. Der Beklagte trägt die gerichtlichen Kosten, die außergerichtlichen werden verglichen. — Frankfurt a. M., im Juli. Der 14. Bericht des Vereins „Leman Zion" (Palästinischer Hilfsverein) zeigt, daß auch im abgelaufenen Jahre nach Kräften den Gesuchen um Hilfe und Unterstützung entsprochen und manche Thräne getrocknet, manche Existenz aufrechtgehalten, manches Leben gerettet wurde. Einen großen Theil der Vereinsmittel nahm abermals die Fürsorge für arme kranke Handwerker und Gewerbetreibende in Anspruch. Die Gesammtausgaben für diesen Zweig seiner Thätigkeit betrugen diesmal 8500 Francs gegen 7600 Francs im Vorjahr. Die sür diesen Zweck uns zugewandten Spenden betrugen 443 Mark. Für ärztliche Hilfe in Safed wurden 250 Mark, für den Arzt in Hebron 115 Mark bewilligt. In den Sprechstunden wurden 19451 Kranke behandelt. Gratisbesuche wurden 1648 gemacht, Besuche zu II/4 I*. (19 Pf.) 6773. Für den arabischen Unterricht in Jerusalem und Hebroll u. s. w., für die Abendschule und den Lehrlingsunterricht wurden 1552 Francs, für den Lehrer und Schächter, das Bad und die Synagoge in Namleh 1010 Franks verausgabt. An Darlehen wurden in Jerusalem 963 Francs gegeben, wogegen 749 Francs zurückgezahlt wurden. Die Unterstützungen in Jerusalem, die sich auf 881 Francs belaufen, bestanden meistens in Brillen, Bruchbändern und dergleichen. Auch von Frankfurt aus wurden verschiedene Unterstützungen und Darlehen gewährt. Für Lehrgelder an 38 Lehrlinge wurden 910 Francs aufgewandt. Die Einnahmen des Vereins betrugen Mark 31549.46, die Ausgaben Mark 27421.76. Der geschäftsführende Ausschuß besteht aus den Herren: Rabbiner Dr. M. Horovitz. Vorsitzender; Professor Dr. Jos. Werner, stellvertretender Vorsitzender, Lismann Fürth. Kassirer; Alfred Geiger, Schriftführer; Hermann Cramer, Sally Goldschmidt, E. I. Michael, Wilhelm Posen, Bezirksrabbiner Dr. Salvendi, Dürkheim a. H. Der Verwaltungsrath besteht aus den Herren : Hermann S. Cramer, Fürth i. B.; Siegmund Fränkel München; Moses Goldberg, Karlsruhe i. B.; Hermann Gnmpertz, Hamburg; Benjamin Hirsch, Halberstadt; Dr. Hirsch Hildesheimer, Berlin; Th. Oschinsky, Breslau; Emanuel Baumgarten, Wien; Sir Samuel Montagu, Bart. London; Distriktsrabbiner Dr. A. Cohn. Jchenhausen; H. A. Franklin. London; Distriktsrabbiner Dr.P. Kohn. Ansbach; George Marx, Königsberg i. P.; Distriktsrabbiner Dr. Stein. Schweinfurt. — Stuttgart, 21. Juli. Die israelitische Waisen an st alt Eßlingen („Wilhelmspflege") versendet soeben ihren 71. Bericht (per 1. April 1901/02). Der Vorstand bezeichnet das abgelaufene Jahr als ein befriedigendes; der geordnete Gang der Dinge in Haus und Schule war durch nichts gestört, der Gesundheitszustand durchaus befriedigend. Der Unterricht im Zeichnen und in Handfertigkeit (für die Knaben) hat beachtenswerthe Verbesserung erfahren. Die Zahl der Zöglinge betrug 20 (im vorigen Jahre 21). Doch ist auch in diesem Jahre ein „wesentliches Nachlassen" der Spenden und freien Beiträge zu verzeichnen, während der Rechenschaftsbericht nur eine unerhebliche Mindereinnahme gegen voriges Jahr in diesem Posten aufweist. — Die in den letzten Jahren erfolgte Gründung mehrerer neuer Wohl- Lhätigkeitsvereine im Lande hat dem Waisenhause Abbruch gethan; doch ist diese Erscheinung gewiß nicht bedenklich angesichts der Thatsache, daß das Gesammtvermögen der Anstalt in diesem Jahre dennoch eine Zunahme von etwa 9000 Mark erfahren hat. Nach den revidirten Statuten können in die „Wilhelmspflege" ausgenommen werden : „Kinder deutscher Staatsangehöriger, welche in Württemberg weder Heimathrecht noch Uuterstützungswohnsitz haben, wenn nur der Vater oder die Mutter dieser Kinder in Württemberg geboren und die Kinder selbst deutsche Staatsangehörige sind." Der Vorstand selbst wünscht, daß die Kenntniß dieser Neuerung möglichst weiten Kreisen zugänglich gemacht und von der Erleichterung bezüglich der Ausnahme recht reichlich Gebrauch gemacht wird.