Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-25 · Heft 30 (25.7.1902) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
Seite 360 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228504--58868-3295343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

360 Wir kommen jetzt gar nicht mehr zusammen ... ich wundere mich, wozu sie Papa aufsuchen will. . . . Aber wollen wir uns nicht beeilen?" „Sehnen Sie sich so sehr nach dem Schwarm Ihrer Verehrer, die ja sofort auf Sie losstürzen, sobald Sie die Eisbahn betreten?! — Gönnen Sie mir doch noch ein paar Minuten das Glück, mit Ihnen allein zu sein!" sprach er. Das war deutlich ... Es ward Lea beklommen zu Muthe ... Stumm schritt sie neben ihm her durch die winterliche Baumallee, aus der ihnen nur selten ein Fußgänger begegnete. . . . Lea ging mit gesenkten Blicken, aber der Weg, auf den sie niedersah, verschwamm vor ihren Augen, es schien alles vor ihr zu tanzen, der schnurgerade Weg mit dem festgestampsten Schnee darauf, die kahlen Bäume, die beschneiten Felder und der untergehende Sonnenball, der einen gluthrothen Schimmer über das Ganze warf. Sie sah die Rutschbahn nicht, die Kinderfüße glattgeschliffen hatten, und wäre bald auf der glatten Stelle gefallen, hätte er nicht schnell ihren Arm ergriffen und durch den seinen gezogen. So gingen sie jetzt Arm in Arm „wie ein Brautpaar", dachte Lea; sie merkte nicht, daß er den Hauptweg verließ und iu einen Seitenpfad einbog, der ganz menschenleer war. „Himmel — hier ist es ja entsetzlich glatt!" rief sie, und in diesem Augenblick glitt sie wieder aus. Er schlang blitzschnell den freien linken Arm um sie, sie vor dem Falle bewahrend. Er hielt sie fest umschlungen; sie ruhte an seiner Brust. . . . „Jetzt — Jetzt!" dachte sie mit rasendem Herzklopfen .... „Leonie!" flüsterte er; — sie hob, wie von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, den Kopf und sah seine Blicke verzehrend auf ihr Antlitz geheftet. Ein Gemisch von Furcht und Wonne erfüllte sie und machte sie schwindeln . . . Und plötzlich brannten seine heißen Küsse auf ihren zitternden Lippen . . . Tante Blümchen war wohl eine Viertelstunde auf demselben Fleck stehen geblieben und hatte dem Paare nachgesehen. Da bemerkte sie kaum, wie sie fror; mechanisch trippelte sie von einem Fuß auf den anderen und schlang in dem großen Muff die Hände in einander. Leicht seufzend ging sie endlich weiter. . . Also doch! Hat er doch nicht zu schwarz gesehen, der Rechtsanwalt? Hat ihm die Eifersucht nicht die Sinne verblendet? — Ist's doch kein leeres Gerede, das in der Gemeinde umgeht? Freilich, sie reden schnell über einen. Sie sind froh, wenn sie einen Klatschstoff erhaschen. . . Gleichviel! — vielleicht ist's noch nicht zu spät. . . Vielleicht vermag sie, die alte Tante Blümchen, doch noch einen kleinen Einfluß auf den Mann auszuüben, wie sie einen großen einst auf den Knaben ausgeübt. . . . Ein Diener öffnete auf ihr Klingeln. „Wo ein Diener die Thür öffnet und mit hochmüthiger Miene den Ankömmling mustert, dachte sie, da ist's aus mit der Einfachheit der Sitten, — mit der alten jüdischen Fainilienzusammengehörigkeit. Und richtig! Sie spähte an dem Thürpfosten empor; — da fehlt auch die Mesuse! . . Es paßt ihm nicht vor seinen vornehmen christlichen Gästen schon von außen sich als den Juden kenntlich zu machen. . . . .... „Der Herr Kommerzienrath sind nicht zu Hause!" sagte der Diener, die schlichte Erscheinung der Frau musternd. „Ach — fragen Sie doch noch einmal nach!" meinte si lächelnd, „vielleicht irren Sie sich nur; — vielleicht ist er doch zu Hause! — Ich, seine Verwandte, habe Wichtiges mit ihn, zu sprechen!" Der Diener ging achselzuckend und kam dann wieder. „De, Herr Kommerzienrath lassen bitten." . . . Sie trat in das Arbeitszimmer. Der Kommerzienrath an seinem Schreibtische sitzend, wandte lässig den Kopf nach der Thür. „Du, — Tante Blümchen? — Ich habe Dich lange nich gesehen. . . Findest Dil auch mal den Weg zu uns?" „Ich glaube, es ist Euch angenehmer, wenn ich nich komme!" sagte Tante Blümchen ruhig. „Die höflichen Phrase,! kannst Du Dir sparen. . . Ich wäre nicht zu Euch gekommen denn ich passe nicht zu Euch. . . Ihr seid vornehme Leute, - und ich bin eine alte einfache Jndenfrau.... Aber es handelt sich um wichtigere Dinge als eine gewöhnliche verwandtschaftliche Plauderei, — und ich danke Dir, daß Du mich doch noch vorgelassen hast, nachdem der Diener mir sagte, Du seiest nich, zu Hause." . . . „Verzeih'!" sagte er, „Zeit ist Geld!" Er wies auf de, Spruch über der Thür. . . Und Zeit ist bei mir knapper als Geld!" Er lachte wohlgefällig. . . „Und ich habe den Diener ein für allemal angewiesen, dafür zu sorgen, daß ich nicht gestört werde. . . Du bist natürlich ausgenommen. . . Viel Zeit habe ich aber leider auch für Dich nicht. . . . Was führt Dich her?"- Sie hatte auf seine Einladung auf einen Sessel Platz genommen. Nun überlegte sie, wie sie das, was sie ihm zu sagen hatte, am besten Vorbringen konnte ohne ausdringlich zu erscheinen. ... „Was mich herführt, — das ist schwer zu sagen. Zu Hause Hab' ich mir's ganz leicht gedacht; — ich bin ja Deine alte Tante, die es immer gut mit Dir und Deiner Familie gemeint hat, und zu der Du auch immer Vertrauen gehabt hast . . . Aber hier . . . Wie das alte jüdische Sprichwort heißt: „Uuerbetene „Towos" (Gefälligkeiten) soll man Niemanden, erweisen." . . . Man soll Keinem rathen wolle», der nicht um Rath gefragt hat, und noch dazu in einer Angelegenheit, die vielleicht schon entschieden ist." „Komm' zur Sache!" sagte er ungeduldig. „Ich ahne beinahe." „So machst Du mir's leichter, Moritz!-Sag' mir daß es nicht wahr ist, was man spricht, Du wollest Deine Tochter dem Offizier zur Frau geben." „Ah — spricht man das? — Und wenn ich's thäte?" „Wenn Du es thätest! — Aber Du wirst es nicht thun.. Du bist ein praktischer Mann, ein Geschäftsmann . . . Was hättest Du davon? — Nicht einmal den bunten Rock! — Den müßte er ja ausziehen, sobald er die Jüdin heirathete." „Müßte er? — Vielleicht doch nicht . . „Vielleicht nicht, — wenn Du es zugiebst, daß Dein Kind den Glauben seiner Väter verläßt." Er war ausgestanden und ging im Zimmer auf und ab, antwortete aber nichts. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.