Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 359 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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359 Innigkeit, wie ichs meist am beavv gesungen, bestimmte mich, e' ganz genau zu verdeutschen. Rasch kam ich in die Halste — da , el mir plötzlich das Herz in die Hosen. Ich glaubte, der Reim gehe i.nr aus. ich überlas das Fertige, es schien mir gottsjämmerlich. Die sanze Nacht wälzte ich mich schlaflos hin und her; die verdammten sceime auf —icht neckten mich im Halbschlaf, und beim Erwachen, i mren sie wieder fort. Den anderen Tag begann ich die Arbeit von i enem, diesmal in Trochäen mit einem neuen Reim (—age), hatte schon ein gutes Stück gearbeitet. Es gefiel mir wieder nicht; ich zerriß es und kehrte zum alten zurück. Aber abgespannt von der lrbeit des Tages und der entsetzlichen Nacht, war mir das Hirn wie erödet. Ich schlief einen köstlichen Schlaf, konnte den ganzen Tag s ie Abendstunde nicht erwarten. Und endlich heute war die Flamme er Begeisterung gewaltig geworden; ich schwelgte in Jehudahs Versen. Neulich schickte mir Berliner zwei Brochuren. darunter auch die ,egen L. Sie gefiel mir insofern, als er osten und ehrlich gestand, nch persönlich zu vertheidigen. Auch das war gut, daß er ihm einen eigenen Stil vorrückte. Dagegen zu verschweigen, daß hierin :uch Zunz es an der Hauptsache fehlen läßt, schien mir verfehlt. Das lies Hab ich ihm geschrieben. Leben Sie wohl. Arnold empfiehlt sich. Wien. 1887. Ul. 23. S. Heller. Lieber Freund! Ihr Brief traf mich in einem ganzen unsagbaren Katzenjammer. Es fiel mir ein, doch ein wenig zu revidiren. was ich wr zwei Zähren aus Ihre und Lazarus' Anregung aus dem Jehuda -ersucht hatte, um auch dieses in mein deutsches Machsor einzutragen. Da fällt mein erster Blick unseliger Weise aus das Gedicht „Dem Tadler" em epistolarischen Doppelgänger des Zionsliedes. Ich stehe wie verachtet. Denn auch da ist der Reim — nicht, der mir Heuer so viel lrbeit gekostet. — in einer langen Kasside angewandt. Ich glaube neinen Augen nicht, wie ich lese: „Propheten sprachen groß ind schlicht." Sie werden es sogleich erkennen, wenn ich Ihnen ine Stelle citire. die Sie in Ihrem ersten Werke (Attribnten-Lehre berifalls aufgeführt: Erwäg' es. Freund! dem Schlingen nur Gelegt ein falscher Unterricht, Den Griechenweisheit irrgeführt, Die Frucht nicht hat, nur Kränze flicht; Sie schlägt die Hand, die schuf das All Und spannt das Himmelszelt, mit Lust. Wie haben Sie sich seinerzeit über diese Lust, die mir noch heute ganz wohl gefällt, geärgert! Ich war in Verzweiflung und wollte eben daran gehen, entweder das eine oder das andere Gedicht in?inen anderen Reim umzuarbeiten, als Ihr Bries kam. Ich wagte zar nicht, ihn zu öffnen. Denn meine Uebertragung widerte mich so ul, daß ich's auch jedem anderen zumuthete und von Ihnen mit aller Bestimmtheit ein Tadelsvotnm In optima forma erwartete. Nun, meine Erwartung ist zu Schanden geworden, aber noch heute kann lch mich über dieses Sichselbstzumbestenhaben. über diesen Streich, den ch mir selbst gespielt, nicht trösten. Ich werde eben alt, und vergesse von heute auf gestern Namen, Jahreszahlen, Thatsachen, Mensch, mich ind alles! Ihre Anstände treffen leider sehr oft zu. Im ersten Laz'it stört Wohl lur das prosaische: „der immer von dir spricht"; wenn ichs in „der stets von dir nur spricht" verwandle, gehts wohl an. Besser könnts wohl sein, könnte alles fein, aber wer wills und kanns machen? Zunz nennt allüberall ein Dreckwort, Bürger singt in der Leonore: .Und überall, allüberall, aus Wegen und auf Stegen"; also Zunz und ein Dreck lder klassische, soeuuckum Delitzsch) in Ehren, aver auch Bürger und sein Gold in Ehren. Uebrigens kann, wenn Sie wollen die Zeile auch lauten: Voll Ost, West, Süd und Nord, von überall wie drängen sich der Sehnsucht Grübe dicht! Daran schlösse sich jetzt: Auch werden, Thränen. reich wie Hermons Thau u. s. w. Die 4. Zeile nennen Sie grandios, mich hätte sie bald furios gemacht, an zehn verschiedene Uebersetzungen habe ich an dem eigensinnigsten aller Verse versucht. Jetzt scheint er mir aber auch gelungen und nicht das Geringste ungedeutet: „Dein Leid zu beweinen, bin ich Schakal, und wenn ich die Rückkehr deiner Gefangenen träume, bin ich Harfe für deine Lieder." Bei mir: Harf' im ew'gen Jubelsestgedicht. das ist doch alles im Sinn und Geist Jehuda's. „Heilbrunst" hat Pro(k)tomedicns gleich beanstandet; aber auch Ihre Beanstandung Hab' ich vorausgesehen. Ja, der Ausdruck ist christlich; aber daZ verschlägt mir so wenig, daß ich selbst Heiland ganz saus §6ne ot Foule brauche. Die innere Thatsache der Erlösungsbedürftigkeit ist im Mittelalter bei Jud' und Christ gleich, der Ausdruck soll und darfs auch sein. Nun kommt das ärgste: „der mehr als Goldespracht besticht." Hat meinem Sohn sehr gefallen; mir gar nicht, obwohl es unter vier oder fünf Uebersetzungen noch die erträglichste ist. Das schlimme daran ist, sie hängt ganz in der Luft. Mit Verlaub: sticht und sticht mögen philologisch dasselbe sein, es sticht (gleichsam) in die Seele, und die Palme sticht (gleichsam) in den Aether. Das Gedicht ist aber für die natürliche, nicht die philologische Auffassung, und da bedeutet es das erstemal: schmerzen und das zweitemal: hervorragen. Lassen Sie mich gelegentlich wissen, ob Sie mit diesen Aenderungen, oder mit welcher Sie einverstanden sind. Ich muß noch einmal darauf zurückkommen: Es war mir theils durch das böse Wetter, theils durch Zeitmangel einfach unmöglich, bisher zum Photographen zu gehen. Sie glauben nicht, mit welch wahnsinnigen Leidenschaft ich all diesen dummen Uebersetzungen arbeite. Jetzt sind 120 fix und fertig und füllen kaum ein Fünftel des dicken Buches, wo alles sein säuberlich eingetragen ist. Es ist sehr spät geworden und morgen Hab' ich sehr viel zu thun. Arnold empfiehlt sich. Wien 1887 Ul. 29. (eig. 30.) S. Heller. ewn.n'ron Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. VI. >Ä^uten Tag, Lea!" klang eine freundliche alte Stimme mitten in ihre Träume hinein, s) „Guten Tag!" Fremd und kühl kam es von Leas Lippen. Sie sah die alte Frau mit der schwarzen Seidenkapotte, altmodischen Mäntelchen und dem riesigen Pelzmuff, in den sie beide Hände tief vergraben hatte, kaum an und strebte weiter. „Mir scheint, Lea, Du kennst die Tante Blümchen gar nicht mehr, bei der du als Kind so gern gespielt hast!" . . . sagte die Alte lächelnd. „Freilich, — lange genug haben wir uns nicht gesehen . . . Sind Deine Eltern zu Haus?" „Ja!" sagte Lea kurz und schritt weiter. Die Schamröthe war ihr ins Gesicht gestiegen; — ivas sollte Graf Winterfeld von ihrer Familie denken, wenn Jene sich als Verwandte geberdete? Sie war es freilich . . . Nun, — zu ihrer Hochzeit durfte die Alte nicht erscheinen! — Des Grafen hochadelige Verwandte, und — Tante Blümchen!- „Schade um den Aufenthalt," sagte Lea im Weitergehen. „Es wird so schnell dunkel, — und jede Minute ist kostbar! — Gehen wir ein bischen schneller!-Die mußte mir auch gerade in den Weg kommen. . . . „Sah komisch aus," meinte Graf Winterfeld, mit dem Riesenmuff aus Olims Zeiten! — Wer war denn das?" Auch ihm kam der unbehagliche Gedanke einer familiären Begegnung dieser alten Judenfrau mit seiner adeligen Sippschaft . . . Lea zuckte die Achseln. „Eine entfernte Verwandte von Papa, — eine alte Lehrerfrau; — ich nannte sie nach Kinderart „Tante" und spielte manchmal in ihrem Stübchen . .