Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 358 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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S58 nicht im Inhalt, sondern in der Form, und diese allein ist es wohl, die den Anschein und Eindruck der Ueberlegenheit über ihre Quellen erweckt. Der Ton macht auch hier die Musik, wenn ich so sagen darf, und es läßt sich nicht leuguen, daß der Ton es ist, der der Bergpredigt den Reiz des Eigenartigen verleiht, und der natürlich in abstrakten Sentenzen, wenn sie auch dasselbe besagen, unmöglich sich finden kann. In dieser Hinsicht aber darf man sie nicht vergleichen mit der in der That zuweilen dürren Art rabbinischer Lehrweise, sondern mit dem Schwung und Pathos der Propheten, aus dem eine ebenso lebendige und erhabene Seele spricht wie diejenige, die wir noch jetzt aus den Sätzen der Bergpredigt zu hören glauben. Also auch mit ihrer Form kann es das Judenthum, wenn auch nicht immer das rabbinische, so doch das prophetische aufnehmen. Ein Zweites kommt hinzu, was den Schein ihrer Ueberlegenheit erweckt: sie ist nämlich eine Perlenschnur, auf der Perle an Perle anfgereiht ist, während die Perlen der jüdischen Moral sozusagen über alle Blätter verstreut sind und oft, um ein talinudisches Bild zu gebrauchen, unter Schutt und Scherben vergraben. Aber der Talmud sagt mit Recht: Der Edelstein bleibt Edelstein, auch wenn er verschüttet ist. Wir haben zwar auch ganze Perlenschnüre ethischer Lehren, z. B. in den Sprüchen Salomonis, Sirachs, der Väter; aber selbst diese repräsentiren noch nicht das Ganze und Höchste der jüdischen Moral; es giebt in unserer Litteratur so manche zerstreute Perlen, die eine ganze Schnur auswiegen, die durch ihren Glanz und ihre Feinheit uns in Erstaunen und Entzücken versetzen und es zum mindesten aufnehmen mit allem, was die neutestamentliche Moral voraus zu haben glaubt. Jedenfalls, wo solche Perlen in Fülle sich finden, da darf ihr Inhaber wähnen, den Gipfel sittlicher Anschauung erklommen zu haben, und wenn auch das Judenthum, wie, übrigens jede andere, auch die christliche Religion „leider sehr viel Anderes daneben" hatte, so wird doch seine Morallehre an und für sich dadurch nicht tangirt und bleibt, wie Harnack selber sagt, eine nicht zu überbietende. Es ist daher grundfalsch, christliche und jüdische Ethik im Ganzen zu unterscheiden oder entgegenzusetzen. Der Hauptwesensunterschied liegt nicht in der Moral, sondern einzig und allein, wie bereits angedeutet, in dem Gottesbegriff, oder noch richtiger in dem Begriff des Gottmenscheu oder Gottsvhnes, also aus rein theologisch-methaphysischem Gebiet, mit anderen Worten: das Judenthum erkennt in der christlichen Moral im Wesentlichen Geist von seinem Geist, während es in den christlichen Dogmen etwas ihm Wesensfremdes, weil der Grundvoraussetzung seiner Religion Widerstreitendes erblickt. (Schluß folgt.) Aavid Kaufmann und SeLigrnann Heller. (Mit ungedruckten Briefen Hellers.) VI. Gruft, an Zion. HU enkst, Zion, du der armen Kinder nicht, Des kargen Rests, der immer von dir spricht? Ost, West und Nord und Süd — allüberall, Wie drängen sich die Friedensgrüße dicht! Mein Gruß auch, Sehusuchsthranen, Hermous Thau, O weint ich sie in deiner Berge Sicht! Mich Schakal deines Leids macht Hoffnungstraum Zur Hars' im ew'gen Iubelsestgedicht. Wie seufz' ich, anzusehen jeden Ort, Wo deines Dieners ward ein Gott gesicht. Dort war er nahe dir, der Gnadenthron, Dein Thor dem Himmelsthor im Angesicht. Und Stern' und Sonn' und Mond, was waren sie, Da Gottes Herrlichkeit allein dein Licht? Die Seel' ergoss' ich, wo sich Gottes Geist Ergoß auf die Erwählten groß und schlicht. Du Königsburg, du Gottessitz, es hat Jetzt deinen Herscherstnhl ein Knecht, ein Wicht! O schweift' ich dort, wo Seher kündeten Der Gottes-Offenbarung Heilbericht! Zu deiner Berge Klüften flog' ich hin, Da hier das Herz, zerklüftet, mir zerbricht. Den Boden küßt ich, herzte jeden Stein, Den Staub, der mehr als Goldespracht besticht. Und übt' ich auf der Väter Gräber erst, Aus Hebrons Grüften fromm der Andacht Pflicht, Den Wald durchzög' ich. Karmel. Gilead, Auf Abarim verklärt das Angesicht. Herr. Abarim — dort losch das Luft Ihr, theurer Lehrer, wo ihr einst erblicht. O Leben ist die Luft, die dich umwallt, Die Ströme Seim, Gewürz des Staubes Schicht. Barfuß auf deinen Trümmern wallt' ich gern, Da Tempelschimmer aus den Trümmern bricht. Wo Cherubim im Aller-Heiligsten, Die Lade, die zum Heil uns jetzt gebricht. Fort. Glanz! und Fluch dir, Zeit, stets zu eutweihn Geweihtes in der Fremde Land erpicht! Seh ich wie Hunde, deine Leu'n geschleift. Ha, wie es tief mir in der Seele sticht! Und backen dabei deine Adler todt, Auf Speis' und Trank und Sein thu ich Verzicht. Genug, du Leidenskelch, du Bitterniß, Die ihr ins Mark mit Gallengift mir schlicht. Denk' Ohlahs ich und Oblibahs, dann ist Vollendet meines Elends Unterricht. Du, schönes Zion, knüpfst der Liebe Band. Das deine Leidgenossen all' umflicht. Sie freut dein Glück, und sie durchzuckt dein Schmerz, Wenn deine letzte Kraft zusammenbricht. Gefangen, bücken sie voll Sehnsucht sich Vorm Osten, wo einst stand dein Tempel licht. Ihr Heerden, nie vergaßt die Hürd ihr doch, Wie ihr zerstreut die Berge rings durchstricht. Sie fassen deinen Saum, sie streben hin, Wo in den Aether deine Palme sticht. Was hätten Nil und Euphrat Großes auch? Was hätt' ihr Wahn, das Urims Kraft entspricht? Gesalbte, Dichter und Levit, Prophet — Was hätte neben Diesen noch Gewicht? O deine Kronen wahren ew'gen Glanz, Wenn über Götzen flammt einst das Gericht. Gott selbst sehnt sich nach dir -- Heil, Menschen euch, Die nimmer ihr aus Zions Nähe wicht. Heil ihm, der noch erharrt die Zeit, Wo sich durch Nacht dein Morgen strahlend ficht, Wenn die Erlej'nen jauchzen auf in Lust, Der Jugend Goldkranz dir ins Haar sich flicht. Lieber Freund! Als 119. Stück, nach so vielen und hartnäckigen Vorübungen, bei denen ich immer wie die Katze um den heißen Brei herumging, glaubte ich endlich das Ziel meiner Uebersetzungskunst, das unübertreffliche Liz'ou Kalo tiseftuLI versuchen zu dürfen. Es war ein harter Kampf, ich habe mit dem Gewaltigen Brust an Brust gerungen, und es fällt mir im Traum nicht ein, ihn bezwungen zu haben; ich bin zufrieden, wenn wir uns gegenseitig nicht ein Bein verstaucht haben. Erst wollte ich die Kassidenform nicht und versuchte die einzelnen Katim-Strophen aufzulösen — das ging gar leicht; aber die Erinnerung an die wunderbare Ein-