Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 357 (sequence 11)
- Language
- German
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357 . Perle des Neuen Testaments zollen, darf uns nicht ungerecht machen gegen unseren eigenen Schatz; es ist keine Uebertreibung, wenn wirsagen, daß sich nicht ein Ge danke und nicht ein Ausspruch darin findet, der sich nicht wörtlich oder inhaltlich mit biblischen, talmudischen, midraschischen Sentenzen deckt. Wir wollen wenigstens einige Parallelen anführen: Mtth. 5,7 heißt es: Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren; fast wörtlich im Talmud (8sstst. 151 st): „Wer sich der Geschöpfe erbarmt, dessen erbarmt sich auch der Schöpfer"; M. 5, 10: „Selig die um Gerechtigkeit Verfolgten, denn ihr ist das Reich der Himmel", vergl. dazu 8. kam. 93a: „Stets gehöre der Mensch lieber zu den Verfolgten als zu den Verfolgern", und sinnig fügt er hinzu: „Unter den Vögeln wird niemand mehr verfolgt als die Turteltauben und die jungen Tauben, und dennoch hat gerade sie die Schrift als ein Gott wohlgefälliges Opfer bevorzugt", an anderer Stelle bemerkt der Talmud, daß diejenigen Thiere, die zu den verfolgenden gehören, nicht auf den Opferaltar gebracht werde»! durften. M. 5, 13: Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz fade wird, womit soll man es salzen? Dieselbe Redensart findet sich in Leest. 8st: 'X22 8'"12 '2 8N^>'2 'N^2 „Wenn das Salz dumm wird, womit soll man es salzen"; auch die Redensart: „nicht ein Jota von» Gesetze soll vergehen" findet sich sehr häufig in der rabbinischen Litteratnr, die das „Jod" auch wählt, um eine Geringfügigkeit zu bezeichnen. Vgl. Ex. r. C. 6 Ans. (ähnlich j. Sanh. 20 e) „Salomo und Tausende seinesgleichen werden untergehen ^>L22 12'8 NU ^>12 121^1 „aber nicht ein Strichelchen vom Jod wird er vernichten können." M. 5, 28: „Jeder, der nach einem Weibe sieht in Lüsternheit, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen", vgl. dazu Hiob 31, 1: „Eine Verpflichtung legte ich ineinen Augen auf, nimmer auf eine Jungfrau zu schauen"; noch mehr übereinstimmend ist die Stelle im Tr. Kallah I 7W82 ^27122N ^7212 82 1^82 7111122 „Jeder, der eine verheirathete Frau mit Begehrlichkeit ansieht, ist als Ehebrecher zu betrachten"; ähnliche Ansichten finden sich noch z. B. Ber. 24 s, Ab. sar 20 s, Ber. 61s; — M. 5, 36: „Du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen", vgl. dazu Levit r. C. 19: „Auch »venu alle Menschen der Erde sich zusammenthäten, um einen Rabenflügel weiß zu machen, sie vermöchten es nicht." Ja selbst zu M. 5, 39 finden wir Parallelen, zum Beispiel Jes. 50, 5 und 6: „Ich aber widerstrebte nicht, wich nicht zurück; ineinen Rücken bot ich Denen, die mich schlugen, und meine Wangen Denen, die mich rauften, verbarg nicht »nein Antlitz vor Beschimpfungen"; noch drastischer ist die Parallele, auf die unseres Erachtens bisher noch nicht genügend hingewiesen worden, in II. Makk. 7, 10: „Nach diesen! wurde der Dritte (der sieben Brüder und Märtyrer) gepeinigt, und da man ihm die Zunge abforderte, so reichte er sie schnell hin und streckte auch die Hände willig entgegen." Zu M. 5, 37 vgl. Rut r. C. 3, 18: „R. Huna sagte: „der Frommen Ja ist ja und ihr Nein ist nein"; zu M. 5, 45 vgl. Taan. 7s: „Der Tag des Regens ist werthvoller als der Tag der Auferstehung; denn dieser kommt nur den Frommen zu gute, jener aber den Frommen und Bösen." ZuM. 6,1—4 vgl. Chag. 5s: „Wer öffentlich Almosen spendet, der thut etlvas Gutes und Böses zugleich" (vgl. auch B. batr. 10 st); zu M. C. 6. V. 7 vgl. Koh. 5,1. „Deiner Worte seien wenige" (vor Gott), dasselbe Ber. 61 s; — zu dein „Vater unser" vgl. Ber. 40 b, Sanh. 28 st, Ber. 29 st: „Wie lautet ein kurzes Gebet?" N. Elieser sagte: „Dein Wille geschehe im Himmel, und Herzensfrieden werde Denen zu Theil, die auf Erden dich fürchten" und Ber. 60 d: „Führe mich weder in Sünde noch in Versuchung"; zu M. 6, 16—18 vgl. Ber. r. 74, wo zwar nicht vom Fasten, aber vom Trauern die Rede ist; da heißt es vom Patriarchen Jakob: „In seiner Kammer weinte er (um den vermeintlichen Tod Josephs); begab er sich aber unter die Leute, so wusch und salbte er sich und genoß Speise und Trank." Zu einer der gemüth- und poesievollsten Stellen der Bergpredigt M. 6, 26—30 vgl. Kidusch. 4. 14: „Hast du je ein Thier des Feldes oder einen Vogel arbeiten gesehen, und dennoch ernähren sie sich ohne Mühe, und sie sind doch nur zu des Menschen Nutzen geschaffen; um wie vielmehr müßte der Mensch, der doch zum Diener Gottes bestimmt ist, sich ohne Noth ernähren können! Aber durch die Sünde hat er sich den Lebensunterhalt erschwert"; ähnlich Kid. 82 st und j. Kid. Ende: „Niemals habe ich einen Hirsch als Feigentrockner, einen Löwen als Lastträger, einen Fuchs als Krämer, einen Wolf als Verkäufer thätig gesehen, und dennoch ernähren sie sich mühelos, um wie viel mehr müßte es der Mensch, wenn er nicht sündigte." Ja, auch das absolute Gottvertrauen der Bergpredigt (6, 30—34) kommt in ähnlichen Wendungen jüdischer Lehre um Ausdruck, vgl. z. B. Mech. zu Ex. 16, 4: 21' 8"I2V '2 17121^2- „Der den Tag schuf, hat auch die tägliche Nahrung bereitet; wer also fragt, wovon werde ich morgen leben, dein fehlt der Glaube" (ähnlich Lots 48 st). „Jeder Tag hat genug an seiner Plage" findet sich wörtlich in Lei-. 91» (7112^ N'N 71717N22), und der Satz (6, 33): „Trachtet aber zuerst nach seiner»! Reich und Recht, so wird euch dies alles zugelegt werden," erinnert an das Gebet Salomos, der von Gott nur Weisheit und Einsicht erflehte und dafür auch noch die irdischen Güter erhielt. Zu M. 7, 1—2 vrgl. ^stot I., 6 und Laust. 100s: „Mit den» Maße, nach dem Jemand nrtheilt, wird auch er gerichtet"; 7, 5 findet sich wörtlich in 8. ststr. löst: „Dem, der da sagt: Zieh' den Splitter aus deinem Auge, antwortet man: schaffe du den Balken aus deinem Auge." Eine ähnliche Mahnung wie: „Werfet eure Perlen nicht vor die Säue", findet sich in Lsr. 63 s V12 2'1I22N 71V1221 112 s'2'12271 712V2- „Zur Zeit, wenn man Lehre annimmt, streue aus, wenn inan sie verwirft, halte zurück"; V. 12 ist das bekannte Hillelsche: „Was dir mißfällt, thue auch deinem Nächsten nicht an." (Last. 31 s.) Auch das an und für sich gewiß herrliche Gebot der Feindesliebe findet sich schon in der jüdischen Religion oft und mannigfach ausgesprochen (vrgl. II. B. M. 23, 4 und 5; Spr. 24, 17; 25, 21). Idealer kann man nicht empfinden als der Talmud in dem Satze: N1L2 f1v2^> 821121;f7112^ 2N18 7l8rf12^> '"12 7121122- „Wer die Wahl hat, entweder dem Freunde oder dem Feinde behilflich zu sein, der muß dem Feinde helfen, damit er Selbstüberwindung lerne." (L. wer. 32st.) Wir könnten die Parallelen und Analogien noch unendlich vermehren, aber ich glaube, daß das Angeführte genügen wird, um die Bergpredigt, den Glanz und Inbegriff der christlichen Moral, als altbiblisches, altrabbinisches, echt jüdisches Spruchgut erkennen zu lassen; natürlich verliert sie dadurch nichts von ihrem originellen Werth; denn dieser besteht, wie wir gesehen,