Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 356 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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356 nicht von der Empfindung losmachen, daß die Sittengesetze in ihm auch „droben hangen, unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst", und es ist dies wahrlich eine sehr schöne und erhebende Empfindung, die auch dem Starkgeistigen und ethisch Selbstherrlichen ein Hebel der Vervollkommnung sein kann. Wenn also, wie gesagt, alle Religionen darin, d. h. in der Heteronomie der Sittengesetze, übereinstimmen, was ist das Charakteristische der jüdischen Moral? Ich meine dasjenige, was Aristoteles für daS Kennzeichen aller Tugenden erklärt hat, daß sie nämlich von Extremen sich fern halten, daß sie die gerade Mitte sind zwischen entgegengesetzten Eigenschaften, und das ist sicherlich der wesentlichste Vorzug der jüdischen Moral überhaupt, die dadurch dem wenigstens von dem griechischen Denker gegebenen und zweifellos, wenn auch nicht erschöpfenden, so doch eine Hauptseite treffenden Tugendbegriff am nächsten kommt. Das vor allem hatte wohl auch Mose im Auge, als er die Gesetze Israels als solche pries, die aller Welt Bewunderung und das Geständniß abnöthigen würden: Wahrlich, nur ein weises und verständiges Volk kann solche Gebote haben (Dt. 4, 6). Sie fordern nichts lieber- und Widernatürliches, nichts Un¬ oder Uebermenschliches, nicht zu Hohes und nicht zu Fernes, sondern das ganz Nahe, das beim Unverdorbenen und Unverbildeten von selber im Munde und Herzen Lebende, in Wort und That sich Offenbarende. (Vgl. Dt. 30, 10—14.) Sie sind frei voll Extremen, von Verstiegenheit und Ueberspanntheit ebenso wie von kalter Berechnung und Nüchternheit, von trockener Verständigkeit ebenso wie von Gesühlsüberschwang, von weichlicher Sentimentalität und von hartem „Herrenthurn", von flacherHausbackenheit und utopistischer Schwärmerei, von weltverneinender Askese und von genußsüchtiger Weltlichkeit mit andern Worten: von der Einseitigkeit des Diesseits ebenso frei wie von der Ausschließlichkeit des Jenseits. Sie machen einerseits die Gewalt nicht zum Recht oder das Recht des Stärkeren zur Tugend, und andererseits verurtheilen sie nicht den Kampf ums Recht, sondern billigen, ja fordern ihn: INN nrr s'NN 21,7>' „Das Recht durchbohre den Berg" sagt der Talmud (Jeb. 92 a) ähnlich wie die Römer: llatjustitia, peraat mrmckus, das heißt: Recht bleibe Recht, auch wenn die Welt zu Grunde geht, auch wenn Berge von Hindernissen sich aufthürmen. In diesem Punkte unterscheidet sich die jüdische von der christlichen Moral; jene erhebt den Kampf ums Recht zu einer sittlichen Forderung, diese hält das Unrechtleiden für das Gott Wohlgefälligere. Daß das Unrechtleiden besser ist als das Unrechtthun, hat keine Ethik, auch die heidnische nicht, z. B. die griechische, geschweige die jüdische, je bezweifelt, sondern sogar vielfach ausgeführt und betont. Aber daraus folgt doch nicht, daß das Unrschtleiden an und für sich ein Gut sei, das man wie das Christenthum fordert, durch Steigerung des Leidens noch vergrößern könne und solle; vielmehr kann ein solches Verhalten, abgesehen davon, daß es in der Wirklichkeit nicht, vorkommt, und wenn, nur Kopfschütteln erregen würde, leicht selber zu einem Unrechtthun werden, indem man dadurch, wie schon öfters hervorgehoben, den Uebelthäter in seinem ungerechten Thun bestärkt und ermuthigt und einen Grundstein der gesellschaftlichen Ordnung lockert. Man soll nicht Rache nehmen, man soll den Nächsten lieben wie sich selbst, auch den Fremdling, ja sogar in der Noth dem Feinde beistehen, das alles kennt und gebietet schon unsere Lehre, aber über dies« natürliche Grenz« geht sie nicht hinaus; der Hillelsche Spruch behält für sie auch in der Umkehrung seine voll« Wahrheit: Was du nicht willst, daß dem Anderen geschehe, dar brauchst und darfst du auch nicht dir selber zufügen lassen. In den von Gott gesandten Leiden, da allerdings ist geduldiger Schweigen und schweigendes Erdulden am Platze, da, aber um da sollen wir jenem Gottesknechte nacheifern, der als ein Ge plagter und Geschlagener den Mund nicht aufthat und wie ein zur Schlachtbank geführtes Lamm vor seinen Scherern verstummte (Jes. K. 53 V. 7). Aber dem menschlichen Unrech: gegenüber sollen wir die Waffen des Rechts gebrauchen, da iß Schweigen nicht am Platze, nicht Tugend, sondern Sünde wenn irgend einer, so ist der Kampf ums Recht ein heiliger, ein sittlicher, ein NIN'^ ein Gvtteskampf, wie ihn die Thora für alle Geschlechter gebietet. Mit anderen Worten, u n sere Religion treibt den sittlichen Altruismus nich so weit, daß dabei jedes Selbstgefühl und jede Selbstbehauptung, die erste Bedingung und Grund läge all er Tu genden, in die Brüche geht. Aber wenn Man einwendet, daß damit dem Judenthun jedes sittliche Ideal abgehe, insofern der Werth desselben gerade in der als ewiger Sporn wirkenden Unerfüllbarkeit bestehe, so antworten wir: es ist gewiß wahr, daß auch unerreichbare Forderungen eine, weil rastlos vorwärts treibende, darum aml versittlichende Kraft besitzen, aber es ist nicht minder wahr daß schon der Mosaismus ebenfalls eine solche Forderung aufstellt, und zwar in dem allbekannten Gebote: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." (III. B M. 19,18). Oder glaubt Jemand, daß dies Gebot so leicht zu erfüllen wie auszusprechen sei? Auch die Besten erreichen es nu> annäherungsweise, weil ja der Egoismus allzutief in der Natur der Dinge und der Menschen wurzelt. Schon daraus also folgt, daß es auch dem Judenthum nicht an solchen nie gan zu erreichenden und dennoch oder zum Theil gerade dadurch werthvollen Idealen gebricht. Auf die Frage aber, wer in jenem Gebote unter de»' Nächsten zu verstehen sei, »vollen wir hier nicht weite, eingehen; die ist bis zum Uebermaß und Ueberdruß erörtert ich möchte sagen zu Tode gehetzt worden. Den Böswilligen werden wir durch noch so schlagende Beweise nicht wider legen, und dem Unbefangenen, der die jüdische Litteratu kennt, nichts Neues sagen mit der Behauptung, daß Bibel und Talmud überfließen von Sprüchen, die gar keine. Zweifel lassen, daß schon dar Judenthum, ja sogar zuers sich zu der Höhe absoluter allgemeiner Menschenliebe au geschwungen, und, was noch wichtiger, es hat diese unter schiedslose Nächstenliebe auch Praktisch bethätigt, zu weilen mehr als Diejenigen, die es von dem Gipfel der christ lichen Liebe aus als niedrigere Religionsstuse ansehen und bo handeln zu können glaubten. Doch wir wollen ja nicht das Leben, sondern nur di« Lehre vergleichen, um so mehr, als ja auch nicht alle Jsraeliteu nach ihrer Lehre leben; bleiben wir also bei dieser. Wir gebeu zu, daß z. B. die Bergpredigt zu den herrlichsten und erhabensten Partieen religiöser Ethik überhaupt gehört. Welcher Vorurtheilslose könnte sich verschließen gegen den Herzenstou der Menschenliebe und Gottinnigkeit, der mit seiner frohen Selbstgewißheit auch dem Ungläubigen und Andersgläubige!, ins Herz dringt? Aber die Bewunderung, die auch wir dieser