Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-25 · Heft 30 (25.7.1902) · p. Seite 355

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
Seite 355 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228504--58863-3295338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S55 einem anderen Bekenntnisse geboren wurde, aber gerade diese chmerzliche Wahrnehmung soll zum Ansporn werden, nicht nur u ertragen, sondern auch kräftig sich zu mühen, um auch das als unüberwindlich erscheinende Hinderniß zu überbrücken. Kein geistiges Proletariat, sondern eine geistige Aristokratie gehe aus dem Judenthum hervor, starke Charaktere, gestählt im Kampfe für ihr Judenthum. Und wer wollte behaupten, daß s an solchen Charakteren von Mark und Eisen in unserer Nitte fehlt! Hätte sich das Judenthum behaupten können, ohne aiese Riesen an Geisteskräften, ohne diese Besten durch ihre Herzenseigenschaften? Wir stehen nicht an, die Behauptung auszustellen: Der wahrhaft Tüchtige wird sich Bahn brechen, wird sich die Anerkennung erzwingen, und geschieht es auch etwas später, der Lohn ist ein um so größerer. Wir haben gerade in Oesterreich jetzt ein sehr lehrreiches Beispiel für unsre Behauptungen. Vor 25 Jahren konnte es ein Jude auf dem Gebiet« des Nittelschullehrfaches, und wäre er der Tüchtigste gewesen, zu keiner Anstellung bringen, heute haben wir nicht nur an allen '«deutenden Gymnasien und Realschulen jüdische Lehrer, sie ind auch in höheren Rangklassen; wir haben jüdische Lehrer der siebenten Rangklasse, welche der der Direktoren gleichsteht. Auch der antisemitische Landesschulrath Niederösterreichs sah ich zum Beispiel genöthigt, in diesem Jahre vor einigen Wochen wieder einen Juden auzusteüen, obwohl sich für dessen Posten natürlich auch viele Bewerber der herrschenden Konesston fanden. Darum aushalten, das ist das Losungswort des Tages. — Die Schule, sagten wir, der Religionsunterricht ,at hier eine heilige Aufgabe zu erfüllen, eine noch heiligere das Haus. Dieses muß wieder ein jüdisches werden, und die Eltern müssen mit gutem Beispiele ihren Kindern vorangehen, beider wird man, insonderheit in großen Städten, wenige jüdische Häuser finden, in denen nicht der Abfall vorn Jndenhum eine starke Zersetzung hervorgebracht hätte. Eine Zeretzung sagen wir, eine Fäulniß, welche, immer weiter fressend, ne größten Verheerungen in unserer Mitte anrichtet. Das ist in erhebendes Beispiel für Kinder, wenn sie sehen, wie die mzelnen Familienmitglieder den verschiedensten Bekenntnissen angehören. Brüder, welche nach den mannigfachsten Fa^ons elig werden sollen, sind heute nichts seltenes. Der eine Sohn agt noch das Kaddischgebet für verstorbene Eltern, der andere sieht sich in diesem weihevollen Augenblicke verschämt zurück. Lr könnte höchstens eine Messe lesen lassen für Vater oder Nutter, wären diese nicht im Glauben Abrahams verschieden, sia, sie treibt gar wunderliche Blüthen, diese herrliche Zeit. Da hat ein jüdisches Mädchen ein Liebesverhältniß mit einem Andersgläubigen", der läßt sie sitzen, — das alles soll vor» ommen, — sie nimmt Gift und bittet vor ihrem Tode, in den schoß der alleinseligmachenden Kirche ausgenommen zu werden, der ihr ungetreuer Liebhaber angehörte. Ist dies licht Romantik? Aber wir sind der Ansicht, daß solche Romantik uns mehr schaden kann als der wüthendste Antie,nitismus. Die Zerstörung hat in uns selbst ihre Wurzelnlins fehlt es heute an jenem gesunden Konservatismus, der >u erhalten trachtet, der stark ist im Bewahren, ein Zug von Charakterschwäche läßt uns unsere Positionen aufgeben, ehe wir den Versuch gemacht haben, sie zu vertheidigen. — Wenn wir also unsere jungen Leute mit dem Zeugnisse der Reife hinausschicken in die Welt, begnügen wir uns nicht damit, für ihr körperliches Wohl zu sorgen, statten wir si« vielmehr mit dem aus, was in den schweren Kämpfen des Tages das Wichtigste ist, mit der Kraft, stets als Charaktere den reißenden Fluthen der Zeit entgegenzutreten. Gerade das Judenthum hat es in der Hand, Charaktere zu bilden. Stellt es doch an seine Angehörigen die große Forderung: Kämpfe, um zu leben; es ist der alte Satz des großen Dichters: „Nur der verdient sich Freiheit und das Leben, der täglich sie erringen muß," den uns daS Judenthum verkörpert. Die Feigen, sie mögen wie dürres Gezweigs von dem alten Stamme fallen; wir denken aber, der Stamm ist gesund, suchen wir ihn in seiner Kraft zu erhalten, indem wir alles vermeiden, wodurch wir ihm gesunde Säfte entziehen könnten. Schule, Haus, Leben, das sind die Gebiete, auf denen sich alle Kulturarbeit entwickelt, hier muß das Judenthum einsetzen, wenn es sich nicht selbst aufgeben will. Ivvr>. Das Wesen -es Iu-enthums. Bon Dr. Jelski-Berlin. II. as zweite Wesensmoment des Judenthums ist die Moral. Man hat zwar nicht mit Unrecht gesagt, daß gerade in der Moral die Religionen sich am wenigsten unterscheiden, aber das ist nur zum Theil richtig; denn wenn es wahr ist — und di, Geschichte bestätigt es — daß ursprünglich alle Moral aus der Religion entsprungen ist, so müssen natürlich die Sittenlehren so verschieden sein wie die religiösen und auch das finden wir bestätigt; aber auch ohne Bestätigung würden wir beides a priori erschließen können. Der primitive Mensch kann gar keine andere Moral haben als diejenige, die ihm durch den Götterkultus eingepflanzt oder vermittelt wird; denn dieser ist bei Beginn der Kultur die allein und alles beherrschende und bestimmende Macht und andererseits wird sich je nach den Vorstellungen, die er von den Göttern hat, auch die Vor» stellung seiner Pflichten bemessen und bestimmen. Man wäre versucht, auf diese Wechselbeziehung von Religion und Moral die Worte anznwenden, die der König David in seinem Gebete spricht: iZti) ^»1 ^^-'2 «Von dir kommt alles, und ans deiner Hand haben wir dir es gegeben." (I. Chr. 29, 14.) Damit will ec jedes Opfer als überflüssig hinstellen, weil wir Gott nichts geben können, was er nicht schon längst besitzt. Aehnlich, wenn auch in umgekehrtem Sinne, verhält es sich mit Moral und Religion: wir übertragen das Beste, was in uns lebt, auf Gott und empfangen es aus seiner Hand oderfeinem Munde als ein Gebot zurück; die Sittengesetze, sofern sie auf ihn bezogen werden, sind das Echo, das aus den Höhen des Himmels uns die eigene Stimme des Gewissens zurückträgt. In dieser Hinsi cht sind die Morallehren aller Religionen einander gleich; sie sind nicht, wie der bekannte Terminus lautet, autonom, sondern het eronom und können es gar nicht anders sein in der Religion, die ja den höchsten Gesetzgeber der Weltordnung auch zu einem solche» der sittlichen macht. Wie der philosophisch Ungebildete in seinen Sinneswahrnehmungen das Ding an sich zu erfassen glaubt, so glaubt der noch nicht zur wahren Freiheit und Selbständigkeit Gelangte in den ethischen Pflichten göttliche Befehle zu haben; aber wie auch der metaphysisch oder physikalisch Aufgeklärte den Eindruck der Farben als objektiver Eigenschaften nicht los wird, so kann auch der religiös und moralisch Aufgeklärte sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.