Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 354 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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354 nur drei: Zu Z 6 der Centralculsschuß ernennt einen Ehrenrath, der in geeigneten Füllen zur Entscheidung Zusammentritt, zu 8 8, betreffend die Kooptirung von fünf Mitgliedern zum Centralausschuß, und zu 8 10, betreffend die Ergänzung des Vorstandes durch zwei Stellvertreter, werden als dringlich sofort angenommen, die übrigen Punkte werden einer Kommission überwiesen. Guttmanu schlägt hierauf vor, Un ge r leider- Berlin und den ältesten deutschen Rabbiner, Bra nn-Schneidemühl, zu Ehrenmitgliedern zu ernennen, was die einmüthige Zustimmung der Versammlung findet. Damit sind die Verhandlungen beendet und Dr. Horovitz dankt zum Schluß der Versammlung dafür, daß sie ihm die Führung der Geschäfte so sehr erleichtert habe. Unsere diesmalige Tagung gereicht unserem ganzen Stande zur Ehre. ES haben in Frankfurt schon in alten Zeiten viele Nabbinerversammlungen stattgefunden, so gerade auch vor etwa 300 Jahren, im Jahre 1603. Damals seien Beschlüsse gefaßt worden, die manche Aehnlichkeit mit den heute gefaßten hätten, so der Bann gegen alle Töchter Israels, welche unzüchtig seien und sich wie Königstöchter kleideten. Man solle jeden Chillul Haschem vermeiden, Ermahnung zur Einfachheit der Sitten. Nur drei Rabbiner hätten das Recht, gemeinsam eine Hatorat Horaah zu ertheilen, und sie sollen am liebsten Schuloberhäupter sein. Auch die Ethik und Bedeutung des Judenthums wurde in einzelnen Beschlüssen jener Versammlung hervorgehoben, das Gesetz und seine Bedeutung, alles dies wurde dort in der einfachsten Weise betont. Ja das Gesetz, das man uns früher so häufig zum Vorwurf machte, es wird von den Einsichtigen unter den Nichtjuden selbst wieder hervorgesucht, so in den strengen Forderungen der Sonntagsruhe. Man hat in alten Zeiten bei der Entstehung der Tochterreligion das Ceremonialgesetz abgeschafft, um die Heiden zu gewinnen. Mail schafft jetzt die Dogmen ab, um die Juden zu bekommen. Denn in den Dogmen hatte man ja auch Gesetze, nur solche, die den Geist in Fesseln schlagen, während das Judenthum durch sein Ceremonialgesetz das Fleisch zu zügeln suchte. Diese Fesseln des Geistes könne man bei einen: der edelsten Vertreter der Theologie. Franz Delitzsch, ausweisen, der Hillel mit dem Stifter des Christeuthums nicht in Parallele stellen wollte, da er gewiß unter den Menschen der Edelste gewesen, aber als Mensch an Gesetze gebunden sei, eine Begrenzung, über welche der Stifter des ChristenthumS erhaben gewesen sei. Heute glaube man allerdings jedes Verdienst Hillels verschweigen zu dürsen. Er schließe mit dem Wunsche, daß das Judenthum nicht nöthig haben möge, sich zu verteidigen. Wenn es aber nöthig ist, dann sollen Männer aller Parteirichtungen einmüthig für seine Ehre eintreten. Wir lesen in dieser Woche das Brunnenlied in der heiligen Schrift. Der Brunnen, aus dem wir immer von neuern Verjüngung schöpfen, ist unser erhabenes Judenthum. Von einem anderen Brunnen wird erzählt, daß die Führer dreier Heerden sich erst sammeln mußten, um ihn zu beseitigen, Wir haben drei verschiedene Richtungen in unserer Mitte. Wenn es aber gilt, einen Stein hinwegzuwälzen, der uns hindert auf den: Wege zum Heil, da vereinigen sich alle drei zu einmüthigem und einhelligem Wirken. Mit einem vor: Frank-Köln ausgesprochenen Dank an das Präsidium für die kluge und taktvolle Leitung der Versammlung schließt die ergebnißreiche zweite Tagung des deutschen Rabbinerverbandes. Brief aus Oesterreich. Anfang Juli 1902. ir haben jetzt bei uns Schulschluß. Tiefer Friede ist eingekehrt in die Räume des Parlaments, ebensolche Ruhe soll nun bald herrschen in den Räumen der Schule, Die jungen Leute ziehen, nachdem sie die Kümmernisse und Arbeiten der Gymnasien und Realschulen ertragen, hinaus in die Welt, manchmal noch zu jung, um den ganzen Ernst des Lebens zu erkennen und zu erfassen, wenn sie auch das Zeugnis; der Reife in der Tasche haben. Oft ist dieses nur eine leere Form, um ihnen den Zutritt zur Hochschule zu gewähren, keineswegs der Ausdruck jener wahren geistigen Reife, die nothwendig ist an der Schwelle eines neuen Lebens mit seinen schweren Kämpfen und mannigfaltigen Wirrnissen. — Daß dem Juden diese Kämpfe schwerer gemacht werden als unseren „andersgläubigen Mitbürgern", wer wagte dies zu leugnen? Eine ganze Reihe von Stellungen wird ihnen verrammelt, so beim Gericht, beim Militär u. s. w. Der Gleichberechtigungsparagraph ist so schön, so ideal, aber es ist eine papierne Schönheit, ein unerreichbares Ideal. Und nun fragen wir, haben unsere jungen Leute auch die Festigkeit des Charakters, um alle diese sich ihnen entgegenbäumenden Schwierigkeiten zu überwinden, ohne das Opfer des Intellekts darzubringen, ohne sahnenflüchtig den Glauben der Väter abzuschwören? Da sind wir zu einem Kapitel gelangt, das mit furchtbarem Ernst und gewaltiger Wucht uns jetzt beschäftigen muß, denn wir übertreiben wohl nicht, wenn wir sagen, dieses Kapitel leitet den letzten Theil unserer Geschichte ein. „Biegen oder brechen", auch wir Juden stehen vor dieser großen Frage des Lebens, der Zukunft. Täuschen wir uns nicht, der Abfall reißt große Lücken in unsere Reihen, und es sind gerade die Schaaren der Intelligenz, die uns untren werden. Da gilt es nun, auf Mittel und Wege bedacht zu sein, um dem immer reißender werdenden Strome der Abtrünnigkeit Einhalt zu thun. Mittel und Wege, leichter gesagt als ausgeführt. Gestehen wir es uns nur, die religiöse Kraft, der ideale Glaube allein vermögen in unseren Tagen der Utilität, des praktischen Strebens, des Kampfes bis aufs Messer die jungen Heute nicht mehr aufrecht zu erhalten. Was unsere Voreltern begeisterte, wird verlacht, was sie ermuthigte, verhöhnt; die Vergangenheit, was ist sie diesem in der Gegenwart lebenden, der Zukunft nachstrebenden Geschlechte? Man hat daran gedacht, Religion und Nationalität im Judenthum mehr zu vereinigen, ja die letztere an Stelle der ersteren zu setzen, und welches ist das Resultat dieser Vertauschung der Faktoren? Eine leere Täuschung, die aus einer ganz falschen Voraussetzung entstehen mußte, als wäre es denkbar, diese beiden, das Judenthum kennzeichnenden Begriffe überhaupt von einander zu scheiden. Wer im Judenthum die Nationalität allein betont sehen will, der steuert einem bornirten Nihilismus zu, welcher alles, nur kein Judenthum ist. Es ist ein gewaltiger Fehlgriff, den Nationalismus, der nun einmal das Kennzeichen unserer Zeit ist, auch dem Judenthum aufzudrängen, das nur ein nationales Produkt hervorgebracht hat, d. i. seine Religion. Und so meinen ivir, es sei vor altem Pflicht der Schule, immer und immer wieder unsere jungen Leute auf die vitale Kraft des Judenthums hinzuweisen, d. i. auf unsere Religion. Aber nur um alles in der Welt bewege man sich nicht in Abstraktionen. Aus der hebräischen Sprache, aus der Bibel, aus unserer Geschichte heraus muß der religiöse Gedanke erwachsen. Vor allem ist es der Religionsunterricht, der heute eine heiligere Aufgabe denn je zu übernehmen hat, wenn es gilt, unsere junge Welt dem Judenthum zu erhalten. Sie muß erkenne», daß dies Judenthum ein kostbares Erbe ist, Werth erhalten zu werden für alle Zukunft. Was ein tüchtiger Unterricht vermag, wissen wir es nicht an uns selbst? Zehren wir nicht noch heute an dem Gute, das uns die jüdische Schule ins Herz gepflanzt? Es mag ja sein, daß mancher jüdische Jüngling, mancher jüdische Mann mit Betrübniß und Schmerz erfüllt wirff», wenn er sieht, wie ihm in manchen Aemtern und Berufszweigen, trotz seiner Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit, ein Anderer vorgezogen wird, der zufälligerweise in