Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ist." Die Pariser Konferenz hat den Antisemiten diesen Gefallen nicht gethan, weil sie sich nicht lächerlich machen wollte. Dagegen hat sie wohl Akt genommen, von den Schritten und Vorkehrungen, die jüdische Komitees in Deutschland wie in England gegen die Mädchenhändler unternommen und sie hat das Vorgehen dieser Komitees nach jeder Richtung hin gebilligt. Vom deutschen Nabbinerverdand. Zweiter Sitznngstag: Dienstag, den 8. Juli, u Beginn referirt Rabbiner Dr. Esche lbacher-Berliu. „Was ist für die religiös-sittliche Erziehung der schulentlassenen Jugend zu thun?" Referent knüpft an die früheren Verhandlungen über den obligatorischen Religionsunterricht an den höheren Schulen an. Es sei das nicht blos eine Rechts-, sondern mehr noch eine Unterrichts¬ und Erziehungsfrage. Bis zum 14. Jahre sei der Unterricht mehr elementarer Art. Die tiefere Einweihung in die religiösen Wahrheiten könne erst später beginnen, wenn das eigene Urtheil sich zu bilden beginnt. Man lernt die Verbindung der Religion mit den höheren Bildungselementen kennen. Der jüdische Gymnasiast bleibt aber zurück. Er lernt vielleicht im Elementarunterricht einige hebräische Vokabeln, die biblische Geschichte kennen, aber die eigentliche Heilsgeschichte des Judenthums bleibt ihm verborgen. Deshalb haben so Viele mit ihrer Religion abgeschlossen, giebt es"Studenten, welche die Zugehörigkeit zum Judenthum als Unglück betrachten. Weite Kreise der Gebildeten stehen dem Judenthum fremd gegenüber. Auch Diejenigen, welche eine gute jüdische Erziehung genossen haben, verlieren draußen im Leben den Zusammenhang mit ihrer Religion. Die Einflüsse der Großstadt machen sich geltend, die Erinnerungen bleiben zunächst, aber es fehlt ihnen die Kräftigung, so daß sie schließlich gänzlich erblassen. Das volle Interesse für die Religion beschränkt sich auf einen verhältnißmäßig kleinen Kreis. Die Uebrigen werden nur von den Angriffen berührt. Dem ist zunächst zu steuern durch weiteren Unterricht. Hier können die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur einen großen Einfluß ausüben. Aber sie bieten nur Anregungen, die für den Augenblick wirken, doch nicht weiter verbreitet werden können. Sie haben darum zu günstigen und bequem gelegenen Zeiten Unterrichtskurse eingerichtet. Aber die Vorlesungen fanden oft nur geringen Besuch. Die Schuld liegt hauptsächlich daran, daß die meisten jungen Leute heute so wenig gelernt haben, daß sie gar nicht ahnen, wieviel noch vor ihnen liegt, wie viel sie noch zu lerneu haben. Ueberhaupt aber ist die Macht des Wissens nicht stark genug, die Herzen zu gewinnen. Man snchte daher auf dem Wege der Vereinsbildung die jungen Leute herauznziehen, nach dem Vorgänge der christlichen Kreise. Man will sich der Tausende einsamer und verlassener junger Männer in den Großstädten annehmen. Da können wir von den christlichen Religionsgemeinschaften lernen. Wir haben uns zu sehr auf die bloße Armenpflege beschränkt und die andern hilfsbedürftigen Kreise nicht bemerkt. Zuerst wurden in Amerika die 8uu(la^ seßools eingerichtet. Man nahm nicht berufsmäßige Lehrer, sondern benutzte die freie Vereinsthätigkeit der Gemeindemitglieder. Man fand junge Damen und junge Herren, welche sich in den Dienst dieser Ideen stellten. 1869 fanden diese Bestrebungen in Deutschland Eingang. Jünglings-, Gesellen-, Lehrlingsvereine. Herbergen zur Heimath und dergl. werden gegründet. Die alleinstehenden jungen Leute haben eine Heimath. Hilfe, geistige Anregung gefunden. In gleicher Weise wirkte die katholische Kirche. Sie ging über das religiöse Ziel hinaus, vereinigte die jungen Leute nach ihren Ständen, und zugleich mit dem Berufs- und Standesinteresse wurde das religiöse gefördert. Wir Juden konnten Anfangs an solche Vereinsgründungen nicht denken, weil die Juden meistens in ihrer liberalen Gesinnung sich nicht für sich absondern, die religiösen Unterschiede nicht hervorheben wollten. Sie traten in die allgemeinen Vereine ein. Erst die Noth schuf hier Wandel. Seit 20 Jahren, unter der Einwirkung des Antisemitismus, begann man auch bei uns solche Vereine zu gründen. Der erste Verein dieser Art war der Montefioreverein in Berlin. Er entstand aus rein religiösen Bedürfnissen heraus. Junge Leute thaten sich zusammen, um gemeinsam Raschi und den Talmud zu studiren. Sie wollten dann aber gleichzeitig auch die Geselligkeit pflegen. An den Freitag Abenden, an den geselligen Vereinigungen wurde viel mehr Antheil genommen als an den Lehrkursen, was menschlich sehr begreiflich ist. Den gemüthlichen Freitag Abend des Elternhauses vermißten die jungen Leute am meisten, und den fanden sie hier wieder. Sie gründeten sich ein Heim, wenn auch bescheiden aus wenigen Zimmern bestehend. Das war sehr wohlthätig sür die Erhaltung der sittlichen Reinheit, welche in den Großstädten so außerordentlichen Gefahren ausgesetzt ist. Das beste Mittel dagegen ist der Zusammenschluß treuer, reingesinnter Elemente. Den guten Weg, den der Mann einschlagen soll, findet er nach dem Ausspruche eines Schülers des Rabbi Johann b. Sakkai durch einen guten Frennd. Das hat sich hier bewährt. Eine Bibliothek wurde gegründet. Vorträge veranstaltet, eine eifrige Thätigkeit entfaltet. Der Verein besteht bereits seit 18 Jahren in segensreicher Wirksamkeit. Das in Berlin Begonnene pflanzte sich weiter, meist in den größeren Städten. Zuerst in Stuttgart, dann in Frankfurt seit 1894. Dieser hat sich am kräftigsten entwickelt und hat es arff über 600 Mitglieder gebracht. Er hat ein Vereinsorgan geschaffen, das einen innigeren Zusammenhang der Mitglieder unter einander Herstellen will. Das hat dann anregend auch auf weitere Städte gewirkt, Hamburg, Halberstadt Aschaffenburg u. a. Aber auch die Studenten, welche dem Judenthum am stärkstell entfremdet waren, traten zusammen. Man lernte siel besser kennen und legte die Vorurtheile ab, die man gegen seim Religion hegte. Man lernte seine Religion kennen unlieben. Solche Vereine bildeten sich in Berlin. Breslau, München, Leipzig. Bonn und anderen Städten. Sie regten ihre Mitglieder an, selbst Vorträge zu halten und verlangten ein tüchtiges jüdisches Wissen. Sie haben eiu Fuchsenexamen eingerichtet, in welchem die jungen Leute eine gewisse Summe jüdischer Kenntnisse aufweisen müssen. Wohl sind diese Vereine vielfach von zionistischen Gesinnungen erfüllt, aber diese) Zionismus ist nur ein anderes Wort für unser gutes altes Juden thum. Sie treten kräftig hervor in studentischen Angelegenheiten, bei sozialen Hilfswerken. Sie traten den in dem Berliner Asyl für jü dische Arbeiter Aufgenommeuen hilfreich zur Seite. Sie Helsen den rumänischen Auswanderern. Es ist ein gesunder, vielversprechender Trieb am alten Baum des Judenthums. Man klagt vielfach, daß der Rabbiner nicht die rechte Wirksamkeit entfalten könne. Das hat darin seinen Grund, weil wir Juden zu selbstständig sind, uns nicht gern, am wenigsten in religiösen Dingen etwas sagen lassen. Wenn wir deshalb in diesen Kreisen etwas Wirker wollen, so müssen wir nicht eine Führerrolle spielen wollen, sondern müssen uns begnügen, ein Freund, ein Berather, ein Gleicher und Gleicher zu sein. Dafür wird man uns herzlichen Dank wissen. In solchen ungezwungenen Verkehr wirkt man mehr als von der Kanzel und von Katheder herab. Das gilt insbesondere von den Studentenvereinen Sie sind zwar in erster Linie national, aber sie wissen die Religior zu schätzen. Treten wir unter sie. wenn wir sie sür unsere Sache ge Winnen wollen. Wir müssen die jüdischen Vereine fördern und sü ihre Verbreitung wirken, daß es keinen Ort mehr gebe, wo die jüdisch Jugend nicht zusammengetreten ist zu vereinter Arbeit. Redner faß zum Schluß seinen Vortrag in folgender These zusammen: Zur Erhaltung des religiösen Sinnes der Jugend und zu Förderung des jüdischen Wissens ist zur Gründung von Jünglings und Mädcheuvereinen nach dem Vorbilde der bereits bestehenden zr schreiten. Sie sollen edle Geselligkeit und freundschaftlichen Verkehr der Mitglieder pflegen, den jungen Leuten ein Heim bieten, durcl Unterricht und Vorlesungen ihr jüdisches Wissen mehren und die Lieln zur angestammten Religion stärken. An den Vortrag schließt sich eine kurze Diskussion. HöroVit bittet, von einer Diskussion abzusehen und sich mit der These des Redners einverstanden zu erklären, wenn auch nicht mit dem ganzer Vortrage. Frank-Köln fürchtet, eine Debatte könne den Frieder stören. Saalfeld-Mainz ist nicht dieser Meinung und möchte dn Gelegenheit benutzen, um pädagogische Erfahrungen auszutauscheu Jakob-Göttingen beklagt sich, daß der Versammlung stets die Dis knssion verwehrt werde. Horovitz vertheidigt das Präsidium gegen diesen Vorwurf. R os en th a l-Köln will diskutiren mit Ausschluß der Frage der jüdischen Studentenvereine. Vogelstein schließt sick ihm an. Es findet eine Abstimmung statt, 36 sind sür, 22 gegen Schluß der Debatte. Letztere ist also angenommen.