Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 351 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seine verblüffenden Aufreizungen zu Gewaltthaten gegen die Juden sind von den überwachenden Polizeibeamten sowohl in den Versammlungen selbst als nicht ernst gemeint behandelt als auch vor Gericht, wenn diese Beamten als Zeugen vernommen wurden, als scherzhafte oder bildliche Wendungen bezeichnet worden. Erst später hat sich die Auffassung der Polizei und Gerichte geändert. Graf Pückler ist mehrfach verurtheilt worden, und es stehen ihm noch weitere Anklagen mit voraussichtlichen Verurtheilungen bevor. Die Langmuth, die gegen diesen antisemitischen Brandredner geübt worden ist, selbst die höfliche Behandlung, die er im Gegensatz zu anderen Angeklagten vor Gericht erfuhr, waren sogar auffällig. Vielleicht galten sie dem Grafen, vielleicht aber hat man auch schon früher erkannt, was erst in dem Glvgauer Prozeß durch die Vernehmung eines medizinischen Sachverständigen offenkundig geworden ist, daß man es mit einem wahrscheinlich Bedauernswerthen zu thun hat, der wirklich nicht ernst zu nehmen und für seine leidenschaftlichen Ergüsse nicht voll verantwortlich ist. Unsere Zeit vergißt schnell. Die Ansänge der antisemitischen Bewegung haben mehrere ähnliche Erscheinungen wie diesen Pückler hervorgebracht. Es waren nur zufällig keine Grafen. Die Henrici, Förster, Ruppel, Pickenbach haben Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre ganz ähnliche Brandreden gehalten. Wer spricht noch von ihnen? Wo sind sie hingerathen? Wie haben sie geendet? Herr Ahlwardt war ein viel gefährlicherer Hetzer als Graf Pückler, mit dem er im Uebrigen einige Aehnlichkeit hat. Was hat der mit seinen Judenflinten und seinem Aktenmaterial gegen Miguel inner- und außerhalb des Reichstages für Lärm gemacht! Der hat selbst Gutgläubige bethört, die ihn ernst nahmen. Längst thut's kein Mensch mehr. Wer spricht noch davon? Wahrscheinlich wissen die Meisten nicht, daß dieser Herr Ahlwardt noch im Reichstage sitzt, in dem er allerdings fast nie zu sehen ist. Ein stiller Mann! Die ihm einst glaubten und ihn benutzten, werden nicht gern mehr daran erinnert. Ausreden lassen! Austoben lassen! 2. Juli hindere rr Fol In Brüssel tagt der armenische Kongreß, und von verschiedenen Seiten hat man es versucht, auf die Herren auch zu Gunsten der versolgten rumänischen Juden einzuwirken. So hat Dr. Joses Bloch in Wien ihnen das ganze Aktenmaterial über die Frage in dankenswerther Weise zugesteüt. Der österreichische „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" sandte nach Brüssel folgendes Schreiben: n allen ftbarstei « ander-: n, aus- Wien. 15. Juli 1902. Herr Präsident! In meiner Eigenschaft als Präsident des „Oesterreichischen Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" erlaube ich mir, diese Zeilen an Sie zu richten, um Sie zu bitten, die Aufmerksamkeit des Kongresses aus die Judenfrage in Rumänien zu lenken und den Wunsch auszusprechen. daß die europäischen Mächte sich an den Artikel 44 des Berliner Vertrages erinnern, in welchem sie den rumänischen Juden ihre volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung garantirt haben. Parallel mit dem Vorgehen der Türken gegen die Armenier beliebt es der rumänischen Regierung ganz Europa ins Gesicht zu schlage», ohne sich um seine eigenen bündigsten Versprechungen zu kümmern, durch welche es sich im Berliner Vertrage feierlich verpflichtet hat. Genehmigen Sie, Herr Präsident, mit den beste» Wünschen für Ihren Kongreß die Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung Für den österreichischen Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Präsident: A. G. Baron de Suttner. Und auch der Wiener „Politische Volksverein" (Vorsitzende die Advokaten Dr. H. Fialla und Dr. M. Hoffmann) hat an den Kongreß einen warmempfundenen Appell zu Gunsten der rumänischen Juden gerichtet, in welchem es zuin Schluffe heißt: Hoher Kongreß! Wenn Sie Schutz und Beistand gewähren den armenischen Christen gegen die Türken, so spenden Sie auch Ihr Wohlwollen und Ihre Hilfe den rumänischen Juden gegen deren eigenes, sie verleugnende Vaterland. Wir haben aber noch nichts davon gehört, daß die Armenierfreunde sich auch über die Verfolgungen ausgesprochen hätten, die die rumänischen Juden zu erdulden haben. 4 Man spricht von einem Handelsvertrag zwischen Italien und Rußland. Hoffentlich werden die italienischen Staatsmänner vorsichtig genug sein, bei dieser Gelegenheit auch die Rechte ihrer jüdischen Bürger zu währen. Ein Vorfall, der sich bei der letzten Reise des Königs von Italien nach Petersburg zugetragen, giebt ihnen dazu alle Veranlassung. Man berichtet darüber Folgendes: „Im Gefolge des Königs war auch der bekannte Journalist und Abgeordnete Eduard Arbib, der zwar nicht zu den Personen der Umgebung des Königs zählt. Als Berichterstatter mehrerer Zeitungen sür die Petersburger Reise König Victor Emanuels III. erhielt Arbib auf seine Anzeige vom Hausminister sosort die Antwort, daß seine Person „willkommen" sei! Da erhob jedoch die russische Botschaft in Nom Einsprache und verweigerte die Visirung des Passes. Der Jude erschien dem Zarenreich offenbar sehr gefährlich, obwohl er als einer der gemäßigsieu Politiker gilt. Aber dem russischen Botschafter mochte wohl die jüdische Religion Arbibs als das „Gefährliche" erscheinen. Allein Italien ist glücklicherweise nicht Rußland. Der Minister Prinetti verwandte sich persönlich beim russischen Botschafter, und als dieser Schritt nicht augenblicklichen Erfolg hatte, erschien General Prizio-Vaglia, der Hansminister, »m mitzuthcilen, daß Herr Arbib im politisch en Gefolge des Königs die russische Grenze überschreiten werde. Eine Stunde später erhielt der Jude Arbib seinen visirten Paß mit einem höflichen Schreiben der russischen Botschaft zugestellt!" * Der in Paris tagende Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels giebt natürlich den Antisemiten willkommenen Anlaß, wieder einmal über die Juden herznfallen. Als wenn jenes schmachvolle Gewerbe ein Monopol der Inden in Polen oder Galizien wäre. Wer die- Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, wird darüber anderer Ansicht sein. In einem antisemitischen Blatte heißt es: „Wenn die Pariser Konferenz erfolgreiche Arbeit liefern will, so wird sie hauptsächlich auch dis Frage Prüfen müssen, wie weit das internationale Judenthum an dem Mädchenhandel betheiligt