Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228504--58858-3295333- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
SSO ersten Mädchenschule durch die Allianz bisher geradeso oder vielmehr ebensowenig erzogen wie die Mohammedanerin. Es lernte einfach gar nichts, höchstens etwas hebräisch (bezw. etwas arabisch) lesen, kaum verstehen; es wuchs in Armuth und Unwissenheit auf, wurde mit 12 Jahren an einen ihr ganz fremden Menschen verheirathet und vegetirte dann, mehr Sklavin wie Gattin ihres Mannes, in der Geistesmacht der Mellah weiter bis zu ihrem Tode. „Durch die Allianzschuleu werden — nach Professor Joest — die marokkanischen Jüdinnen befähigt, ihrem Gatten eine wirkliche Lebensgefährtin und ihren Kindern dereinst nicht nur Mutter, sondern auch Erzieherin zu sein." Der genannte Forschungsreisende sagt über die zwölf Schüler, welche die Allianz in Konstantinopel erhält, und unter denen sich eine für beide Geschlechter bestimmte deutsche Schule in Galata befindet: „Die sogenannte deutsch« Judengemeinde in Konstantinopel mag heute 3000 Seelen zählen, die größtentheils so arm sind, daß kaum zehn Prozent der Besucher der deutschen Schule im Stande sind, ein wenn auch noch so geringes Schulgeld zu bezahlen," und Joest erzählt, daß die betreffende deutsche Schule sich der besonderen Gunst des deutschen Botschafters und dessen Gemahlin erfreut. „Diese bereiten in dem herrlichen Garten der deutschen Botschaft den armen Kindern jährlich ein Fest, auf welches dieselben sich das ganze Jahr hindurch freuen." Ebenfalls 3000 Seelen zählt die israelitische Gemeinde in Brussa, die sich seit 1885 einer Allianzschule erfreut, „deren günstiger Einfluß auf di« Moral, das Familienleben, die Erwerbsthätigkeit und auch aus das Aeußere der Heranwachsenden Jugend heute von Europäern, Türken und Juden rückhaltlos anerkannt wird". (W. Joest) „Wir nennen die Juden zuletzt, weil gerade sie es waren, die den Bestrebungen der Allianz Anfangs Mißtrauen, ja bösen Willen entgegenbrachten." Heute sind auch sie, denen die zähe Energie der marokkanischen Juden zu fehlen scheint, damit zufrieden, daß ihre fürchterlich« Armuth und Unwissenheit durch einen Lichtstrahl der Humanität erleuchtet wird. Der Reisende besuchte auch die Allianzschule in Smyrna, die unter Leitung des in Tetuan geborenen Herrn Pariente steht. In der Selekta lasen, sprachen und schrieben die jungen Leute im Alter von 15 bis 18 Jahren außer ihrer jüdischspanischen Muttersprache reines Castilianisch, Französisch, Hebräisch, Griechisch und Türkisch. Der mit einem Empfehlungsbrief von Herrn Dr. Frank-Köln eingeführte, aber durchaus unparteiische scharse Beobachter hätte sein günstiges Urtheil über die Allianzschulen, das auch von anderen Europäern dort getheilt wird, noch erweitern können, wenn er auch das die Schule ergänzende Lehrlingswerk der Allianz ins Auge gefaßt hätte, dem wir jetzt nach den neuesten Berichten des Centralkomitees unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Fast an allen Orten, wo eine Schule besteht, hat die Allianz das Handwerk der verschiedenen Gewerbe für die Knaben und Mädchen organisirt. DieorientalischenJsraelitenbetriebenseitJahrhunderten handwerkliche Gewerbe, aber ihre Wahl erstreckt« sich fast ausschließlich aus die leichten Gewerbe, wie Schneider, Schuster, Blechschläger, Friseure u. s. w. Die Allianz hat diese leichten Handwerke abgeschafft; ihre Zöglinge lernen nur lohnende Handwerke, welche auch die Muskelkraft der Lehrlinge entfalten, wie Schreiner, Wagner, Schlosser, Schmied, Ofensetzer, Maurer u. s. w. In einigen Städten, wie in Adrianopel, Sofia, Smyrna, Tunis und Damaskus, hat das Lehrlingswerk sehr befriedigende Resultate geliefert, in anderen sind die Ergebnisse weniger gut, weil dort die Bewohner infolge ihrer Armuth nur sehr bescheidene Bedürfnisse habe» In kleineren Städten müssen manchmal die geschickteste» Meister lange feiern. — Der Sittenzustand im Orient gestattet, nicht, für die jungen Mädchen dieselbe Methode der Unterbri» gung (bei Handwerksmeistern) wie für die Knaben anzuwende» Man mußte im Schullokal oder in der Nähe selbst Lehr lingswerke für Mädchen einrichten. Die Beschäftigungen welche gelehrt werden, sind: Schneiderei, Konfektion und Weißnäherei. Andererseits hat das Lentralkomitee eine Zahl junger jüdischer aus der Türkei stammender Mädchen nach Ungarn geschickt, um dort die mechanische Fabrikation vo» Strümpfen, Kravatten und Korsetten zu lernen. Andere hat enach Venedig gebracht, um dort die spezielle Stickerei und das Spitzenmachen zu erlernen. Hierdurch werden neue Be schäftigungszweige in die arme jüdische Bevölkerung der Türkceingeführt. Der Direktor der Gewerbeschule von Jerusale» hat seinerseits in dieser Stadt eine große Werkstätte für di Spitzenfabrikation errichtet; zwei in Belgien zu diesemZwec ausgebildete Arbeiterinnen sind beauftragt, das neue Gewerb zu lehren, welches eine ziemlich große Anzahl von Frauen und Mädchen beschäftigen wird. Die Allianz hat ferner in Jerusale» Werkstätten der Schreinerei, der Maschinenschmiede, der Kessel schmiede, der Bildhauerkunst und der Kunstschreinerei. Di, jungen Lehrlinge kommen zum Theil aus den Orientstädte» besonders aus denjenigen, denen ein guter Meister fehlt, ode, wo sie bei christlichen und muselmännischen vorurtheilsvollei Meistern ihr Handwerk nicht gründlich in ihrer Stadt lerne, können. Großmüthige Wohlthäter aus London und Pari- und die llevvisl, Kolonisation Association tragen zur Unter Haltung dieser Musteranstalt bei. — Die von der Allianz für die zahlreichen Lehrer der Allianzschulen zum gegenseitige» Gedankenaustausch geschaffene „Pädagogische Revue" (licvm äes Lcolos; man abonnirt bei dem Sekretariat der Allianz hat schon interessante Artikel aus dem Leben und der Gc schichte der Juden in Afrika und im Orient gebracht, Material das sonst der Wissenschaft verloren gegangen wäre. Das erst seit April 1901 bestehende Unternehmen soll fortgesetzt werde, und sich auch der Organisation von Vereinen ehemalige, Schüler widmen. Sehr wichtig für die gesammte Kultur de Orients ist es, daß auch das Werk der Regeneration dürr!: Ackerbau, ferner Gesundheitspflege und die im Orient s > wichtige Antisepsis, ebenso die antialkoholische Propaganda durch die Schule auf dem Programm stehen. Uns will es fn de,, Anfang etwas zu viel auf einmal erscheinen, nach de» Pädagogischen Satze: „non inultn, sock mul tum". Jedenfalls aber sprechen wir dem Kulturwerk der Allianz, di die reichste Unterstützung verdient, unsere volle Sympathie am Me Woche. b, Berlin, 22. Juli Pückler spricht „unentwegt" und ungehindert weiter. In seiner letzten Rede wagte er sogar Fol s) gendes zu behaupten: „Ein berühmter Arzt, der hat einmal gesagt, daß von allen Sterbebetten, an denen er gestanden, die jüdischen die furchtbarsten und schrecklichsten seien; und fürwahr, wie könnte eS auch ander: .sein; diese Leute habe» ihre Mitmenschen gequält, geschunden, aus