Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Berlin» 25. Juli 1902 66. Jahrgang. Ur. 3V. Allgemeine eitung des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Phittppson-Vonn Verlags-Expedition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhütt. Leitartikel: Ein Kulturwerk. — Die Woche. — Vom deutschen abbinerverbarid. — Brief aus Oesterreich. — Das Wesen des Judenthums. 2on Dr. Jelski. II. — David Kaufmann und Seligmann Heller. (Mit imgedruckten Briefen Hellers.) — Feuilletonr Jrrthümer. Eine Erzählung r>n B. Ginsberg. VI. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Leipzig, Fürth. München, Burgprepvach, Dortmund, Frankfurt a. M., Ltuttgart, Wien, Paris. — Von Nah und Fern. — Sprechsaal. — Misllen. — Geschäftliche Notizen. Gin Kultur werk. s Berlin, 22. Juli. Mi^ls vor 40 Jahren die ersten Gründer der Allianz zur 'ÄÄU' Generalversammlung am 10. April 1862 in Paris mit 0^ den Allianzmitgliedern zusammenkamen, hatte die Allianz eine einzige Schule, zu Tetuan in Marokko, der sie «ne Beihilfe gewährte. Im Jahre 1874 zählte man 17 Allianzichnlen, im Jahre 1884 hob sich ihre Zahl auf 42, im Jahre 1894 > uf 59 mit einem wirklichen Schulbesuch von 12 000 Schülern; i n Jahre 1900 auf 95 mit 24 000 Schülern, endlich im Jahre 902 auf 109 mit 29 000 Kindern. Sicherlich ist eins der besten Mttel, die traurige Lage unserer Brüder im Orient zu mildern, die Verbreitung des Unterrichts unter ihnen, damit sie sich dbenso wie ihre abendländischen Brüder einst zu einem höheren Dasein emporarbeiten. Jedes Scherflein, das der Allianz für diese Kulturarbeit zngewendet wird, ist ein Saatkorn einer lesseren Zukunft des Gesammtjudenthums. Eine vierzigjährige Erfahrung unterstützt heute das Centralkmnitee bei der Einrichtung seiner Schulen, die den besonderen > nrthschaftlichen Verhältnissen und Bedürfnissen der Gegenden nngepaßt werden. So ist denn auch der vor etwa 15 Jahren diimal in hervorragenden politischen Blättern ausgestreute! ndenziöse Vorwurf, daß die Allianz nur die französische kprache in ihren Schulen bevorzuge, längst durch die Thatwchen widerlegt. In dem von Herrn Rabbiner Dr. Frank n s Mitglied des Centralkomitees herausgegebenen Schriftchen ,DieKulturarbeitder^lliane6i8iaö1ii6 universelle" werden über die Schulsprache der Allianz folgende Thatsachen witgetheilt. Als vor vier Jahren die bulgarische Negierung in >)re Schulen einen regelrechten Lehrplan einführte, nahm das Zentralkomitee der Allianz die neuen Reglements an und führte auch das Bulgarische statt des Französischen als Unterrichtssprache ein und ränmle dem Hebräischen und dem Heligionsnnterricht eine wichtige Stelle ein. In der Türkei wird die türkische Sprache an alle» Orten, wo man gute -ehrer des Türkischen findet, gelehrt. Die englische Sprache wird natürlich in allere Schulen Aegyptens gelehrt; ebenso irr Bagdad, Smyrna, Saloniki, Tanger, Jerusalem und Damaskus. Das Deutsche wird gelehrt zu Saloniki, zu Adrianopel und den vier bedeutendsten Schulen K o n - stantinopels, ohne die Schule Goldschmidt mitzuzählen, wo der Unterricht in deutscher Sprache ertheilt wird, ferner in Rustfchuk und Jerusalem. Das Italienische wird zu Saloniki, Tripolis und Tunis gelehrt. Das Spanische wird in den meisten Schulen Marokkos gelehrt, da die hier entlassenen Schüler diese Sprache in Südamerika brauchen, wohin sie sich meistens begeben. So viel über die Schulsprache. Man kann behaupten, daß in keiner Elementarschule des Abendlandes in der jüdischen Geschichte mit so viel Sorgfalt und in solcher Ausdehnung wie in den Allianzschulen unterrichtet wird. Auch bei uns sollten die folgenden Worte beherzigt werden, welche das Centralkomite bezüglich der jüdischen Geschichte an seine Schuldirektoren gerichtet hat: „Vielleicht nie war es für die Juden nöthiger, ihre Vergangenheit zu kennen als in der Gegenwart, das lange und schmerzliche Martyrium ihrer Väter, ihre Zulassung nach unermeßlichen Schwierigkeiten und die Wiederholung oft blutiger Gewaltthätigkeiten; alles dieses soll die Jugend wissen. Wie belehrend stärkend und anziehend ist diese Geschichte! Ihr wisset auch welches Interesse die Kinder ihr entgegenbringen. Wie die Geschichte zeigt, daß man immer dieselben Vorurtheile genährt, so lehrt sie auch, daß am Ende die menschliche Vernunft siegt über den Haß und den Aberglauben.... Wohlan, es scheint uns, daß es möglich wäre, die jüdische Geschichte vom 10. Jahrhundert an als den Ausgangspunkt des geschichtlichen Unterrichts überhaupt zu betrachten und den Kindern bei Gelegenheit des oder jenes für die Juden interessanten Ereignisses geschichtliche Belehrungen über das Land, wo dieses Ereigniß sich zugetragen hat, mitzutheilen." Dieses summarische Verfahren, im Orient sehr empfehlenswerth, ist natürlich bei uns nicht anwendbar, wohl aber ist der Schluß beherzigenswerth, nach dem die Geschichte lehrt, „daß die Juden überall und zu jeder Zeit sich anstrengen müssen, den Erinnerungen ihrer ruhmreichen Vergangenheit treu nnd ihrem Glauben anhänglich zu bleiben, ihre Mitbürger an Gesetzlichkeit, Muth, Rechtschaffenheit und Vaterlandsliebe zu übertreffen". Es ist interessant zu sehen, wie sich gerade di« erste vor 40 Jahren begründete Allianzschule zu Tetuan entwickelt hat. Ein 1888 von Professor Dr. W. Joest, einem Christen, erstatteter Bericht erzählt, daß in Tetuan auch vielfach Christen.'zumal Spanier, ihre Kinder die Schule der Allianz besuchen lassen. Das jüdische Mädchen in Marokko wurde vor Errichtung der