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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-18 · Heft 29 (18.7.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Buchsweiler und Wiener-Pfalzburg ausgearbeiteten Statuten der elsaß-lothringische Rabbi »»er verband gegründet. Zum Vorsitzenden wurde Herr Dr. Bloch gewählt. Der Verband erstrebt die Hebung des religiösen Sinnes und Lebens in der elsaß-lothringischen Iudenheit, die Mitwirkung bei den die religiösen Interessen der Gesammtheit berührenden Angelegenheiten, die Förderung seiner Mitglieder, in ihrer wissenschaftlichen Thätigkeit, die Wahrung der Würde und des Ansehens des Nabbinerstaudes und die Verbesserung der materiellen Lage seiner Mitglieder und die Sicherung ihrer und ihrer Familien Zukunft. Die Oberrabiner blieben der Versammlung fern. — Das Konsistorium des Unterelsaß ist endlich wieder beschlußfähig, nachdem durch Verordnung des kaiserlichen Statthalters die Ergänznngswahleu bestätigt worden sind. Das Konsistorium besteht nunmehr aus den Herren Dr. Levy, Spitalarzt. Oberrabbiner Ury. Mhrtel Blum, Gustav Stein. Martin Bloch, sämmtlich in Straßburg, Jules K lein-Bischheim und Theodor Meyer-Ingweiler. — Um Errichtung eines Oberkonsistoriums petitioniren nunmehr zwei Komitees. Das eine, an dessen Spitze der Gymnasialoberlehrer Dr. Lewy-Mülhausen steht, erstrebt neben der Schaffung einer Oberbehörde eine größere Selbständigkeit der Gemeinden und eine andere Zusammensetzung der Bezirkskonsistorien, in denen die Landgemeinden besser vertreten sein (bisher zusammen nur zwei Mitglieder gegen vier aus der Bezirkshauptstadl) und neben dem Oberrabbiner noch zwei Rabbiner sitzen sollen. Das zweite Komitee verlangt nur die Schaffung eines Laudeskonsistoriums nach dem Muster des französischen Centralkonsistoriums, somit unter Ausschluß der Gemeinderabbiner. Jede weitere Neugestaltung unserer Kultusverfassung soll dieser Oberbehörde Vorbehalten bleiben. — Am 15. und 22. Juni fanden in sämmtlicheu Gemeinden Elsaß-Lothringens die Gemeinderaths wählen statt. Hierbei zeigte sich wie in früheren Jahren wieder das gute Einvernehmen zwischen den Bekenner» der verschiedenen Konfessionen insofern, als überall eine entsprechende Anzahl jüdischer Gemeinderäthe gewählt wurde. Allerdings schadeten sich unsere Glaubensgenossen an verschiedenen Plätzen durch Gegeukandidatureu, so namentlich auch in Straßburg, wo infolgedessen statt wie bisher drei Israeliten nur das Mitglied der Handelskammer Salomon Jacobi in die Gemeindevertretung gewählt wurde. Als bemerkenswerth ist noch hervorzuheben, daß in Colmar bei der Nachwahl von den 14 Kandidaten der klerikalen Partei nur der protestantische und der jüdische Kandidat gewählt wurden, während die 12 Katholiken durchfielen. Orsterrrich - Ungarn. LH Wien, 14. Juli. Die stille Zeit, in der das gesammte Wiener Iudenthum auf Ferien geht, wird von der jüdischen Presse meist mit Erinnerungen, Mahnungen und Nekriminationen ausgefüllt. So fragt ei»» hiesiges Blatt mit Recht, was denn eigentlich aus dem „Allgemeinen Oesterreichisch - Israelitischen Bund" geworden sei, der vor drei Jahren hier mit so vielen Reden und Phrasen begründet wurde, dessen Statuten bereits von der Regierung genehmigt sind, und der bisher noch nicht das geringste Lebenszeichen von sich gegeben hat? Und doch wäre gerade in Oesterreich die Existenz eines solchen Gemeindebundes von höchster Wichtigkeit. Denn es herrscht hier in der Thnt eine Anarchie in religiösen Dingen, von der man sich draußen im Reich kaum eine Vorstellung machen kann. Andererseits wäre hier wiederum manches zu erreichen, was in Deutschland unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu erlangen wäre. Also Cuveuut Cousulss! — Unter den antisemitischen Badeorten Oesterreichs, von denen bisher noch keine Liste angefertigt wurde, obwohl auch eine solche sehr wünschenswerth wäre, ist das bekannte Kitzbühel in Tirol zu neunen. Die dortige Fremdenverkehrssektion versieht ihre Prospekte, Wohnungslisten rc. mit folgendem Stampiglienaufdrucke: „Beschluß der Generalversammlung von 1897. Anfragen von Juden haben unberücksichtigt zu bleiben." Da mehrere jüdische Familien, namentlich aus Deutschland, jährlich einige Wochen da verbrachten, ist es zweckmäßig, obigen Beschluß der Fremdenverkehrssektion zur Kenntniß zu bringen, um Alle, denen derselbe etwa nicht bekannt geworden sein sollte, abzuhalten, ihr Geld nach Kitzbühel zu tragen. Ob der deutsch-österreichische Alpenverein, der doch in Tirol eine dominirende Stellung einuimmt, und der in seinen Reihen eine stattliche Zahl Juden hat. diesen Beschluß kennt und dazu geschwiegen hat, wissen wir nicht. — Im ungarischen Herreuhause sitzen jetzt drei Juden: Sigmund Brody, Sigmund Kornfeld und Karl Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Swab. Im Abgeordnetenhanse sind 19 jüdische Deputirte, eine größere Zahl als bisher in irgend einem Parlament der Welt. Z» r Regierungspartei gehören 12, zur Kossuthpartei 5, zur Sozialdemokratie 1 und zur antisemitisch-klerikalen Ngron-Partei „auch einer"! Von Nah und Fern. ----- Am 8. d. M. ist hier eine öffentliche Pücklerversammlung durch das Polizeipräsidium „aus ordnungs- und sicherheitspolizeilichtn Gründen" verboten worden, „weil nach den Vorgängen in der letzten derartigen Versammlung eine Störung der öffentliche»: Ruhe und Ordnung in derselben zu erwarten war". — Der Geheime Kommerzienrath L. M. Goldberg er hat den Kronenorden II. Klasse erhalten. In Horn feierte die Wittwe des verstorbenen Gemeindevorstehers H. Straub unter allgemeiner Theilnahme und in voller Rüstigkeit am 5. d. M. ihren 90. Geburtstag. Von Nah und Fern eilten Freunde und Bekannte ohne Unterschied der Konfessionen herbei, um der hochbetagten Frau ihre Glückwünsche zu Überbringer:. — Der Kartellverband der katholischen bürgerlichen Vereine in München hat beschlösse, , daß das Lesen des antisemitischen „Deutschen Volksblattes", des Organs des Bundes der Landwirthe, fortan in den katholischen Vereinen verboten sein soll. — In Bad Hon» bürg starb im 60. Lebensjahre dee berühmte russische Bildhauer Professor Marcus Antokolski. Die letzten zwanzig Jahre hatte er in Paris gelebt. Seine Biographie brachten »vir 1897 (Nr. 5 S. 57) anläßlich des fünfundzwauzigjährigen Küustlerjubiläums. — Im Thun er See bei Spiez ist der Dr. Phi-. Aron Gure witsch aus Rußland beim Baden ertrunken. Die Leiche wurde bereits aufgefunden. — Der jüdische Bankier Berl Wechsler in Verlad ließ sich einen Palast aufführen. Beim Baumeister aber bedang er sich aus. „daß ja kein jüdischer Arbeiter beim Bau be schäftigt sein solle, da er ein treuer Sohn Rumäniens sein wolle". - Ein soeben veröffentlichter Erlaß der russischen Minister des Inner-, und des Krieges verbietet es, einem Juden für sännntliche transkaspischen Provinzen eine Aufenthaltsbewilligung für mehr als drei Monate zu ertheilen. Das Recht zu dauerndem Aufenthalt irr diese,, Gebieten kann selbst solchen Juden nicht ertheilt werden, welche dort geboren oder seit Jahrzehnten ansässig sind. — Ein neuer Erlaß des Ackerbauministers ordnet dagegen an, daß die in den Gouvernements Pulkawa, Cherson und Ekaterinoslaw bestehenden jüdische,, Ackerbaukolonien in den gesetzlichen Gemeindeverband aufzunehmen seien, da sie alle Bedingungen hierzu erfüllt hätten. Hiernach ist das Gemeindeland, welches sich bisher in gemeinschastlichem Besitz befand, den einzelne»» Kolonisten grundbuchrechtlich zu übertragen. — Der ehemalige Polizeimeister von Kutcus, Oberst Simon ow, stand unter der Anklage, 25 jüdische Häuser in der Judengasse zu Kutclls willkürlich demolirt zu haben. Er tauchte mit Polizei- und Feuerwehrmännern plötzlich in der Judengasse von Kutais auf und ertheilte deu Befehl, in 25 Häusern die Treppen zu demoliren und die Verbindung mit den oberen Stockwerken abzuschneiden. Wie der „Tiflisskij Listok meldet, wurde Oberst Simonow in Tiflis freigesprochen. — In Sa na ah, der Hauptstadt von Jemen, wohnen 6000 bis 8000 Juden. Sie sind Handwerker, Diener, Lastträger, Angestellte der griechischen Krämer oder Weinhändler und gelten als ehrlich und zuverlässig. Di feine»», in unzähligen Mustern an den arabischen Baute»» aus geführte»» Verzierungen in Alabaster und Stein, die sogenannten Maschrebijearbeiten, sollen ausschließlich von Jude»» hergestellt werden wie diese wieder in dem Dorfe El Giruhe bei Redah, in» Südosten des Jemen, Töpferwaaren von hervorragender Güte sabriziren, die wen und breit im Lande begehrt sind. In der Frauenabtheilung des städtischett Hospitals zu Sanaah sind jüdische Kraukenpflegeriunen thätig. — Das jüdische Waisenasyl in Newyork hat im abgelaufenen Jahre 251676 Dollars vereinnahmt und 249000 Dollars (circa ein, Million Mark) verausgabt. Die Mitgliederzahl ist auf 4000 gestiegen. — I»» Philadelphia ist Leopold Bamberger, Gründer der Tabakfirma L. Bamberger ck Co., einer der größten ihrer Art in den Vereinigten Staaten, gestorben. Er war 1830 in Heidelberg geboren und kam im Jahre 1851 nach Philadelphia, 1860 heirathete er Albertine Auerbach, eine Cousine Berthold Auerbachs. Bamberger war ein eifriger Förderer aller gemeinnützigen Bestrebungen. — I" Cincinnati ist am 18. v. M. einer der bedeutendsten amerikanischen Rechtsanwälte, Gustavus H. Wald, gestorben. Derselbe war Dekan der juristischen Abtheilung der Universität Cincinnati. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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