Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 347 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228503--58846-3295320- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
317 „Lieber Freund, es ist Ihnen etwas quer gegangen . . . und da sind Sie auf einmal ungerecht gegen das Schicksal, das Sie begünstigt hat vor Tausenden Ihrer Landsleute, Ihnen geistige Entwicklung ermöglicht hat — und die hat^ freilich zwei Seiten. Sie bringt Freuden und Schmerzen . . . Aber möchten Sie diese Schmerzen vertauschen mit der Bedürfnißlosigkeit und der geistigen Dämmerung, in der Jene leben? Ich glaube nicht . . . Und nun erzählen Sie . . . Machen Sie's wie damals, als Junge, als Sie mir, Ihrer Pensionsmutter, Ihre kleinen Freuden und Leiden beichteten . . . Das war doch auch eine schöne Zeit, nicht wahr, Salt»)?" „Ach, — ich habe nichts zu erzählen . . . nichts Bestimmtes. Es war nur so eine Stimmung, wie sie so manchmal über Einen kommt . . . Sehen Sie, Tantchen Blümchen, das ist auch so eine Errungenschaft der Civilisation, — der Bildung . . . Fragen Sie mal einen polnischen Juden, aber einen echten, unverfälschten, ob er Stimmungen kennt." „Stimmung? Lieber Junge, mir reden Sie das nicht ein, und wenn Sie noch so viel und so gescheit reden . . . Sie wollen sich selber was vorlügen . . . Aber mir lügen Sie nichts vor, Sallh, — ich Hab' doch immer gewußt, wenn Sie was auf dem Herzen hatten, — damals, als Sie bei mir in Pension waren . . . Wie manchmal, wenn Sie aus der Schule kamen, las ich's Ihnen gleich vom Gesicht ab: „Sallh, Du hast 'nen Tadel gekriegt, — oder 'ne schlechte Note im Griechischen." „Und das kam oft genug vor." „Nicht so schlimm! Aber heut merk' ich's gerade so wie damals, wenn ich auch nicht mehr Ihre Pensivnsmntter bin . . . Warum sind Sie so zeitig von Lilienthals sortgegangen?" „Es gefiel mir heute nicht bei „Kommerzienraths!" „Ah — Kommerzienrath! — Freilich — freilich!" Sie seufzte leicht. . . „Er ist vornehm geworden . . Und Lea?" „Die wird mich nicht vermissen, — sie hat bessere Gesellschaft; — vornehme, — adelige — mit blauen Nöcken und rothen Kragen — hahaha!" Tante Blümchen war gleich ihm erregt aufgestanden . . . „Offiziere — nun ja — mein Neffe ist eitel; er hat sie eingeladen. . .. Aber nein, — was Sie denken, Sallh, das kann ja nicht sein! . . . Aber ich werde mit ihm reden; — — er will zwar von der armen Tante Blümchen jetzt nichts mehr wissen, — aber früher hat er doch auf mich gehört, — und vielleicht thut er's jetzt noch einmal! Vielleicht auch sehen wir Beide zu schwarz, und es ist nichts an der ganzen Geschichte!" „Ich glaube auch. Sie sehen zu schwarz, Tante Blümchen... So weit gingen meine Befürchtungen gar nicht ivie die Ihren." . . . Er sagte es mit erzwungener Heiterkeit. . . „Nun gute Nacht, Tante Blümchen, — und lassen Sie sich durch meine dumme Laune nicht den Schlaf verderben! — — Wie gesagt, es war nur eine Stimmung. . . . Und sie ist vorbei, Tante Blümchen, — ganz vorbei. . . . Vor Ihren klaren Augen können Stimmungen nicht dauern. . . . Gute Nacht, Tantchen — und schlafen Sie wohl!" -Aber sie schlief nicht wohl. In schweren Gedanken lag sie lange wach. * -t- * Bier Wochen später. ... Es war Frostwetter eingetreten, und die Jugend des Städtchens tummelte sich auf dein Eise. Auch Lea ging, in ein zierliches Eiskostüm gehüllt, die Schlittschuhe am Arm, täglich zu dem gefrorenen Teich an der „Promenade", der durch bunte Wimpel und Lampions sich schon von Weitem als Eislaufplatz kennzeichnete. Sie war keine besonders gute Schlittschuhläuferin und hatte sonst an diesem Sport nicht viel Gefallen gefunden. Viel lieber war sie in der Schlittenequipage durch das verschneite Städtchen gefahren, mit leisem Hochmuth auf die Fußgänger herabblickend, die oft mühsam durch den Schnee stapfen mußten. . . Aber nun begann die Eisbahn einen eigenen Reiz auf sie auszuüben. Nicht allein, daß vier oder fünf Offiziere in edlem Wettstreit sich ihr als Lehrmeister und Führer auf der glatten Bahn angeboten hatten, was au sich schon ein großes Vergnügen zu werden versprach — es war auch ein besonderes Vergnügen, die neidischen Blicke der anderen jungen Damen zu sehen, wenn sie, Lea Lilienthal, von einem Schwarm vornehmer junger Herren umringt war. Sie wußte, man sprach darüber. . . . Mochte man! In dem kleinen Nest hatte man ja nichts Besseres zu thnn! — Sogar sie selbst hatte von ihren Freundinnen ganz unverhüllte Sticheleien sich ins Gesicht sagen lassen müssen. Seitdem verkehrte sie wenig mehr mit ihnen. Sie nickte ihnen grüßend zu, wenn sie mit Graf Winterfeld oder einem der anderen Offiziere an ihnen vorüberging. Das war alles. Sie besuchte», sich nicht mehr wie sonst zu vertraulichen Aussprachen, obwohl sie gerade jetzt die mitfühlende Seele einer Freundin so nöthig gebraucht hätte . . . Denn das, was ihr Inneres bewegte, »vorüber sie sich selbst noch nicht ganz klar war' drängte nach Aussprache... Liebte sie den Grafen Winterfeld oder den Baron Wesel? Der Letztere war der witzigere, liebenswürdigere Gesellschafter, Graf Winterfeld war ernster, männlicher. Die Gesellschaft des Ersteren war ihr sehr angenehm, sie lachte und scherzte mit ihm; er war der beste Schlittschuhläufer, den den man sich denken konnte, und es war ein Vergnügen, an seiner Hand über die glatte Fläche zu fliegen. Und flüchtig kam ihr bisweilen der Gedanke, es müßt« lustig sein, an seiner Seite so durch das ganze Leben zu fliegen. Er »var reizend! Sie sehnte sich nach ihm, wenn sie ihm einige Tage lang nicht begegnete, und sie empfand ein großes Vergnüge»», »venn sie sein lustiges Gesicht wieder sah. Aber ihr Herz klopfte nieinals stärker in seiner Gegenwart. Und Graf Winterfeld? Er »var der weniger Geivandte von Beiden, nicht so sprudelnd witzig ivie der Baron, nicht so amüsant . . . Obwohl sie sich auch mit ihn» sehr gut unterhielt, stockte,das Gespräch doch zuweilen. Er »var nicht dumm, er schien ihr sogar klüger, gediegener als der Andere. Von Litteratur und Kunst wußte er wenig zu reden, während Baron Wesel sogar Gedichte »nachte. Auch Lea »var schon von ihm angedichtet worden. . . . „Bah! — Spielereien!" meinte Graf Winterfeld achselzuckend. Erwärmst Lea auf den» Wege zur Eisbahn. „Mögen die Federfuchser, die Hungerleider Gedichte machen — ich bin Soldat!" „Kann nicht auch ein Soldat den Künsten einen Platz in seinen» Leben einräuinen, daß sie es erhellen und schmücken?" sagte Lea. „O gewiß! — Ich bin nicht der Barbar, für den mich gnädiges Fräulein zu halten belieben. Ich sehe gern '»»schönes Theaterstück und höre gern Musik, — an» liebsten Militärmusik! — Aber mit Ausübung der Künste, — da hapert es.. Ich bin Soldat, schlicht, einfach, — ohne Künstelei, ohne Falsch; was ich meine, das sage ich geradezu und ohne Umschweife ..."