Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 346 (sequence 12)
- Language
- German
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346 So nun, Ihr Uebeu Steinhäger Kinder, genießt es in Gesnndheit — hätte ich beinahe gesagt —, wenn's nicht für schwere, kranke Tage gesandt wäre. Eisenach, 24. März 1867. Dein alter Freund Fritz Reuter." Dr. Michael Liebmann war von Jugend auf mit Reuter befreundet gewesen, hatte mit ihm auf derselben Schulbank in Friedland gesessen und sich nachmals in Stavenhagen als praktischer Arzt niedergelassen. Zur Zeit, da Fritz Reuter von einer Festung zur anderen geschleppt wurde, tröstete Liebmann den alten Vater. Und wenn Letzterer in seinem strengen Sinn, bitter und hart, sich über seinen Sohn äußerte, dann war Liebmann Derjenige, welcher den unglücklichen Freund warm in Schutz nahm; „er hat viel mit dem alten Mann durchgesprochen", meldet eine Verwandte. Dr. Liebmann ist der Doktor So und So im 3. Theil der Stromtid 43. Kapitel, welcher dem Notar Slus'uhr schriftlich bezeugt, daß die von Bräsig verabreichten Hiebe ihm nicht geschadet. Ein ähnliches Attest soll er einem „durchgeprügelten Steinhäger" ausgestellt haben. — Dr. Liebmanns Tochter, die besonders schönes, dunkles, fast schwarzes Haar hatte, das sie als junges Mädchen in langen Zöpfen trug, ist „de lütt Akzesser", auch „de lütte Anna", Luise Hawermanns Freundin, aus der Stromtid, wo es Kapitel 34 heißt : „De Vader von de lütte Anna was en Doktor, un en Titel hadd hei gor nich, äwer hei hadd Beteres, hei hadd en Hart för de Armanlh." Damit stimmt die Erzählung eines hochbetagten Einwohners von Stavenhagen überein, daß beim Leichenbegängniß Dr. Liebmanns (gestorben 25. November 1874) die Bürger hinter seinen! Sarge gegenseitig sich zugerufen haben: „All tausamen, wi wi hier gähn, — schüllig sünd wi em all wat!" Es ist dies bezeichnend für sein aufopfernd uneigennütziges, segensreiches Wirken als Arzt und Mensch. * * * Auch eine andere Mittheilung, die Gaedertz in demselben Buche über Reuter S. 15 mittheilt, wird für unsere Leser zweifellos von Interesse sein. Sehr häufig hatte der Justizrath (Ludwig Schröder) Geschäfte mit dem Juden Michel Cohn aus Treptow, den er wegen seiner höchst originellen Ausdrucksweise gern bei sich sah. Einmal waren Beide geschäftlich zusammen in einem Landkruge, und Cohn betrachtete dort mit Interesse ein Bild, das die Kreuzigung Christi darstellte. „Sagen Se mal, Herr Justizrath, sind das nich de Römers gewesen, die Christussen gekreizigt haben?" — „Ja," antwortete Jener, „das kann man gewissermaßen sagen, denn Pontius Pilatus, der römischer Statthalter in Jerusalem war, hat das Urtheil Vollstrecken lassen." Hierdurch in seinem Herzen erleichtert, fuhr Cohn fort: „Ja, man mag nu sagen, was man will, dieser Christus ist doch gewesen n' großer Mann! Was hat der Manu gebracht für 'ne Nohrung mit diese Weihnachten!" Dies wie überhaupt alles Scherzhafte, was bei Schröders passirte, wanderte alsbald in Reuters Mappe, und man weiß, wie er dergleichen in seinen Schöpfungen zu verwenden wußte, deren Reiz so lange dauern wird wie die niederdeutsche Sprache selbst, so lange das deutsche Volksthum etwas von der treuherzigen Einfalt und Herzensgute bewahrt, die keinen Haß und keine Feindschaft gegen Andere kennt, und die gerade in den Gebilden Fritz Reuters mit unwiderstehlichem Reiz auf den Leser wirken muß. 0. L. Irrthümer. Eine Erzählung von B. Grnsberg. V. >c^ally hatte nur zerstreut zugehört. Zerstreut nahm er e» seltsam Geräth, einen siebenarmigen, niedrigen Zin>- leuchter vom Tisch und betrachtete ihn gedankenlos. „Was sehen Sie da so Merkwürdiges an meiner Menorah " lächelte die Greisin. „Wahrhaftig!" rief er, als ob er's erst jetzt erkannt, „d e Menorah! Die liebe alte Menorah! — Wie-heut ist do h nicht. „Chanuka!" sagte sie. „Der erste Tag. Und Sie Habens vergessen! — Ich habe mir vor ein paar Stunden noch d e Wachslichtchen geholt, da sah ich vor der „Villa" gerade die Wagen aufsahren ... Sie haben's vergessen, — das ist a kein Wunder!" „Chanuka!" sagte er; seine Stimme hatte einen traurigen Klang . . . „Und ich hab's vergessen, wahrhastig! — Wer» mein Vater geahnt hätte, daß ich's je vergessen werde! — Wenn er so im atlassenen Feiertagskaftan vor der Menorah stand - in unserer wurde Oel gebrannt, keine Wachslichtckp» - und, die Segenssprüche murmelnd, ein Oelschälchen nach dem anderen entzündete — standen wir Kinder dicht dineben und schauten auf die kleinen Flämmchen wie an etwas Märchenhaftes und lauschten schier athemlos den E - zählungen der Chanukawunder. die uns unser Vater vorlas - und saugen mit unseren dünnen Sümmchen das „Uoaus-rur" . „Ich hab's auch schon heut gesungen," sagte sie. „Es war kein Kunstgenuß, können Sie sich wohl denken. In meiner Jugend Hab' ich hell und klar gesungen, aber die Stimme ist eingetrocknet wie der ganze Mensch . . . Für mich allein Hab' ich's heut gesungen —bei verschlossenen Thüren . . . So lange ich zurückdenken kann, Hab' ich noch kein Chanukalichizünden und kein ,Morms-rur" versäumt . . . Da geb' i> > meinen Erinnerungen Audienz ... Da kommen sie Alle, d>r Vater, die Mutter, die Geschwister, und er, mit dem ich dreißig Jahre Freud und Leid getheilt Hab' . . . Alles vorüber Alles todt . . . Aber Gottlob, meine Kinder Hab' ich - Goü soll sie mir lassen — und ich Hab' Freude an ihnen, wenn s c auch nicht hier im Orte find . . ." Er hatte, während sie sprach, das Chanuckalied leise vor sich hingesummt. Er hielt das Haupt lies gesenkt, und seine Stimme klang traurig, als er nun sprach: „Die Erinnerungen verlangen Audienz — auch mir geht es so! — Und wenn d e Erinnerung an meine polnische Heimath erwacht, mit ihrer Glückseligkeit trotz der Dürftigkeit, — da denke ich: Wäre ich doch dort geblieben . . . hätte ich wie die dortigen Stamme-- gcnossen ein bescheiden Loos erwählt, — jnng ein Weib genommen und mich mit ihr schlecht und recht durch's Leben g> - schlagen in harter Arbeit, — ohne mir was Besseres zu wünschen, weil ich nicht wüßte, daß man's besser haben kan» Besser!" — Er lachte bitter auf. „Hat man's besser, wenn er't die Wünsche erwacht sind? — Ist nicht die Bedürfnißlvsigkesi die Beschränktheit das größere Glück?"-Die Alte lächeltc.