Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 344 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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344 Der jüdische Gottesbegriff steht in einem dreifachen Gegensatz: durch die Einzigkeit im Gegensatz zum heidnischen Polytheismus, durch die Persönlichkeit im Gegensatz zur Philosophie^ die, sofern sie überhaupt von Gott spricht, zumeist einen unpersönlichen zu meinen Pflegt, d. h. einen solchen, der weder zum Menschen, noch zu dem der Mensch ein persönliches, also'- auch kein religiöses Verhältnis; gewinnen kann, und endlich durch die Uebersinnlichkeit im Gegensatz zum Christenthum, das seinen Gott in das Weltliche und Menschliche hineinzieht, oder, wie man auch sagen kann, einen Menschen in das Göttliche hinaufhebt, denn beides liegt in dem Begriff des Gottmenschen. Es liegt nnS absolut fern, irgend welche Kritik daran zu üben, wir müssen ihn ebenso achten wie jedes andere Dogma, das einer fremden Religion, zumal einer weltgeschichtlich bedeutsamen und zumal der Tochterreligiou eigen und heilig ist; ja, wir geben sogar zu, daß jener Begriff in mystisch-philosophischer Hinsicht mancherlei tiefe Deutungen und Bedeutungen zuläßt, z. B. die Einheit des Göttlicheil und Menschlichen oder mit einem modernen Schlagwort: den Monismus im Gegensatz zum Dualismus mancher Philosopheme und Religionen, ferner die immanente Selbstoffenbarung Gottes im Menschen oder das absolute, selbstlose Aufgehen des Menschen in Gott und dergleichen mehr. Aber andererseits müssen wir betonen, daß jener Begriff des Gottmenschen, der ja im Christenthum keine blos allegorische, sondern reale, „fleischgewordene" Bedeutung hat, dasjenige Element ist, welches den wesentlichsten Unterschied beider Bekenntnisse ansmacht, welches, selbst ivenn alle sonstigen Differenzen fallen würden, dennoch ein religiöses Aufsehen des Judenthums im Christenthum schon allein unmöglich macht, mehr noch als die sogenannte Dreieinigkeitslehre, die den Ton doch mehr auf die Einheit als auf die Dreiheit legt und also den Begriff der Einzigkeit doch wenigstens zuläßt, um so mehr, als er ja ausdrücklich auch im Neuen Testament betont wird,!. B. von Paulus im ersten Brief an die Korinther (K. 8, V. 5—6): „Mag es auch sogenannte Götter geben — so giebt es doch für uns nur einen Gott, den Vater, den Schöpfer aller Dinge, der unser Ziel ist" (ähnlich in Galater K. 3, V. 20 I>; Epheser K. 4, V. 6; Timvt. 1, K. 2, V. 5 und K. 6, V. 15 Offenbarung Joh. K. I, V. 8). Auch mit der Moral des Neuen Testaments könnten wir uns schon befreunden, zumal sie im Grunde keine andere ist als die unsrige und aus der unsrigen stammt, von einigen über das Menschenmögliche oder auch -nützliche hinausgehenden Forderungen abgesehen, die zwar eine ideale, aber keine praktische Bedeutung haben können. Jedoch über den Gottcsbegriff kommen wir nicht hinweg und hinaus, zur Göttlichkeit eines Menschen können wir uns niemals bekennen und bekehren, hier trennen sich die Wege, oder richtiger, hier kommen sie nie zusammen. So lange daher das Judenthum die absolute Einheit und Ueber Weltlichkeit seines Gottes festhält, hört es nicht auf, Judenthum zu sein. Wie sehr sind daher Diejenigen im Jrrthum und im Unrecht, die bei jeder Neuerung rufen: die Religion ist in Gefahr! die z. B. sich und Anderen einreden, daß eine Gemeinschaft, die am Sonntag im jüdischen Gotteshause zusammenkommt, um sich wenigstens einmal in der Woche zu erbauen und ihres Judenthums zu erinnern, keine jüdische mehr seU Nein, nicht der Sabbath und nicht die Festtage und nicht das Hebräische und nicht die Ceremonien sind es, die uns von der Tochterreligion innerlich und wesentlich trennen und also das Wesen des Judenthums ausmachen und seinen Bestand verbürgen, sondern etwas ganz anderes, viel Höheres und Tieferes, etwas, worauf es ja gerade in der Religion zuerst und zumeist ankommt, einzig und allein der Gottesbegriff, x-l' 'irr V'VV.N NIN' rirri '2irr '"127. »Ein Hebräer bin ich, und den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich," in diesen Worten des Propheten Jona kann man die religiöse Wesenheit des Judenthums zusammenfassen. Das allein also ist in dieser Hinsicht das Kennzeichen des Israeliten, daß er Gott ehrfürchte, und zwar den Gott des Himmels, d. h. den überweltlichen, mit keinen irdischen Schranken und Schlacken behafteten, über alle Vermenschlichung und Menschwerdung hoch Erhabenen. (Fortsetzung folgt.) David Kaufmann und Seligmann Keller. <Mit ungedruckten Briefen Hellers.) V. 21. Hohe Männer in Gebeten Standen einst nnd weinten, flehten; Schwerstem Leide Lindrung gab Ihr Verdienst auch noch im Grab. Standen da wie eine Mauer, Schützten uns vor Sturmesschauer, Ihre Bitt', ein Heller Born. Löschte Gottes Flammenzorn. Sie verstanden, zu versöhnen Gott mit süßen Schmeichellönen, Mosen thaten sie es nach, Der des Schicksals Strenge brach. Weil wir Sünder, Missethäter. Schwanden die gewaltigen Beter; Zogen in die Gruft sie ein, Blieben wir zu Schmerz und Pein. Die des Bösen Einbruch wehrten. Die den Zorn in Gnade kehrten, Die erbaut durch frommen Sinn — Sie sind hin, ans immer hin. Nun zerstoben in die Winde, Jedem fern, der Heil uns finde, Sich voll Reu' und Scham uns hier, Rettung kommt ja nur von dir. 22. Will Gnad' ein Mensch erwerben, Der jeden Tag kann sterben? Was kann ein Staubkloß hoffen? Das Grab nur steht ihm offen. Da liegt er irr der Grube, In einsam finstrer Stube. Sein Götterglanz umnachtet, Dem Thiere gleich geachtet. Kurz und geplagt sein Leben Und Sünd und Schuld sein Strebern Wenn in sich er gegangen, Kann er noch Heil erlangen. Recht thun und schaffen, nützen. Das kann ihn einzig schützen. Was macht er selbst sich wichtig? Eirr Aschenhaufen nichtig. O besser, nie geboren. Als ewig dort verloren. Nackt auf der Erd entsteht er, Nackt in die Erde geht er, Muß Noth und Tod erleiden. Von Haus und Hof sich scheiden. Und Hoffnung. Angedenken Wird man mit ihm versenken. Und, von der Würmer Gnaden, Wird er ein Raub der McHen. Wer dieses hört, wird stöhnen In wilden Klagetönen, Aus Neu und Tugend sinnen. Vielleicht der Qual entrinnen. 24. Erhör' uns, Herr! erhör' uns! Gewähr' uns. Herr! gewähr' uns! Du unser Theil, der du uns Heil und Schutz und Wehr uns. Die mit Wagen, Reitern, die mit Sturmesleitern, Wir haben Gott und Söldner nicht zu Streitern, Wir siegen, und sie werden scheitern. Die mit Legionen, die mit Siegeskroneu, Bei uns will nur der eine große Helfer wohnen, Er wird der Schwachen Schwäche schonen.