Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 343 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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343 religiöse Individualismus jenes Psalmisten noch überboten werden, der da bekannt hat: „Herr, wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde"? Kann, so fährt er fort, das Wort Michas überboten werden: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demüthig sein vor deinem Gott"? Selbst die Pharisäer hatten es, „aber", fügt er hinzu, „sie hatten leider noch sehr viel anderes daneben." Nun, ich meine, daß, wenn wir uns mehr von der Wahrheitsliebe als von der infolge unserer Leidensgeschichte uns so leicht anhaftenden Ueberempfindlichkeit leiten lassen, wir auch diesen Satz unterschreiben können; ja, ich meine, daß gerade dieser Satz allen Denen aus der Seele gesprochen sein muß, die der Reform huldigen oder nachtrachten; denn sie besteht ja gerade darin, daß sie von dem pharisäischen oder talmudischen Zuviel zurückkehrt zu der Einfachheit des prophetischen Judenthnms, zn der Kraft und Schlichtheit der psalmistischen Religiosität. Diese Rückkehr ist ein Fortschritt, während wir die talmudische Entwickelungsphase für einen Abfall halten von der Hoheit und Tiefe der Prophetie, für einen Rückschritt in rein religiöser Beziehung, der uns aber keineswegs blind macht für andere werthvolle Seiten ihrer Bedeutung; diese bestehen nach unserem Dafürhalten hauptsächlich in zweierlei, in einer theoretischen und in einer praktischen. In erster Hinsicht ist der Talmud die grandiose Verkörperung einer bis zu Ende gehenden Konsequenz, einer auf daS Religiös- Ethische übertragenen Jurisprudenz, ein eor;m8 jniis nicht nur der menschlichen, sondern auch der göttlichen Gesetze. Wenn man alle bürgerlichen und nichtbürgerlichen Satzungen zu Geboten Gottes macht, wenn man diese in der Thora unmittelbar zu besitzen glaubt und daher sie selbst und jeden Buchstaben für inspirirt hält, und wenn man endlich sich theils von selber angetrieben fühlte, theils genöthigt sah, die ewig sich wandelnden Zeitverhältnisse mit dem ewig unwandelbaren Buchstaben der Gottesschrift auszugleichen, dann ist der Talmud fertig, dann ist er ein naturuothwendiges Produkt einer aus der Jnspirationstheorie sich ergebenden Exegese und einer aus dem Mvsaismus fließenden und auch das Innerlichste mit kasuistischer Peinlichkeit regulirenden Jurisdiktion, mit anderen Worten, er ist die logisch-historische Folge der durch Esra inaugurirten Gesetzesrichtung; in dieser Folgerichtigkeit aber besteht seine theoretische Bedeutung. Seine Praktische Bedeutung besteht darin, daß die Schärfe und Strenge der Gesetzlichkeit, die er bis zur äußersten Grenze getrieben, sicherlich nicht wenig dazu bcigetragen hat, das Jndenthum als Stamm zn erhalten, aber wohlgemerkt als Stamm, denn sür die Religiosität als solche bedeutete sie einen ungeheuren Schaden; die rechte Frömmigkeit, Andacht, Erhebung oder wie man sonst die religiöse Stimmung und Verfassung des Gemüths nennen mag, sie mußte ganz naturgemäß und unausbleiblich erdrückt werden von der ungeheuren Last und Spitzfindigkeit der Gesetze, welche die Religion in lauter Ge- und Verbote auflösen, die man nicht einmal wägt, sondern nur zählt, damit sie nur ja der Anzahl der Glieder des menschlichen Körpers entsprechen, die das ganze Leben in Fesseln schlagen und das Heil abhängig machen von Dingen die keine andere Wirkung haben, als das Dasein zn erschweren, statt es zu erleichtern und zu erfreuen. Das Leben besteht in der Freiheit, und ein unfreies Leben ist ein halbes; unfrei aber ist der Mensch da, wo nichtdie Natur» und Sittengesetze allein, sondern noch spitzfindig erklügelte Menschensatzungen, die keinen Grund und keinen Sinn und keinen Zweck haben — wie z. B. das Verbot, am Sabbath zu fahren, der doch schon nach der Bibel ein d. h. eine Lust, aber keine Last sein soll — das Leben aussülleu oder richtiger beschweren und beschränken. Ich möchte darauf anwenden daS Wort des Jesaia: (10, 27) „und das Joch wird zu Nichte ob der feisten Masse", das Joch der Gesetze zerbricht, scheitert an der eigenen Ueberfülle, der allzu straff gespannte Bogen rigoroser Satzungen springt entzwei. Aber das psychologisch Merkwürdigste ist, daß manche Talmudlehrer in einem Athemzuge von der Belanglosigkeit und von der Tragweite der äußeren Gesetze reden, daß sie mit demselben Ernst die „Hauptsache" und die „Nebensachen" behandeln, daß sie schön und herrlich zu reden wissen über den „Inbegriff der Thora", aber gleich darauf schwelgen in den „zahllosen Haufen der Halachot, die an jedem Strichelchen hangen". Wie läßt sich dieser Widerspruch erklären? Ich glaube, am einfachsten daraus, daß schon die Thora selbst diesen — wenn man es auch hier so nennen darf — Widerspruch enthält, insofern sie keinen einheitlichen Charakter trägt, heterogene Dinge enthält, neben den religiösmoralischen Grundgesetzen allerlei andere: kultische, rituelle, ceremonielle, nationalökonomische, sozialpolitische und dergleichen inehr, und daß sie auch diese zu Aussprüchen Gottes erhebt, mit anderen Worten, aus dem ganzen Wesen und Charakter der Theokratie, zu deren wesentlichster Eigenthümlichkeit es ja gehört, Irdisches und Göttliches zu vereinigen, das bürgerliche Gesetzbuch in ein religiöses umzuprägen und umgekehrt den Priesterkodex auch zum Kanon für die soziale Ordnung zu bestimmen. Wir sehen, auch hier zieht der Talmud die letzten Konsequenzen, indem er Ethisches und Kultisches, Religiöses und Soziales, Humanes und Nationales, als gleichiverthige Bestandtheile der Theokratie, der Gottesgemeinde mit gleichem Maße mißt und dadurch oft auch vermengt und verwechselt, oft das eine unwillkürlich ans Kosten des anderen verstärkt resp. zu dessen Gunsten abschwächt. Das ist wohl die letzte Wurzel jenes oben erwähnten Widerspruches. Wenn wir vorhin sagten, daß das Ceremonialgesetz ein unleugbares Verdienst hat, nämlich zur Erhaltung des jüdischen Stammes mit beigetragen zu haben, was kann seine Stelle und diese seine Leistung und Wirkung ersetzen da, wo es in Auflösung oder Untergang begriffen ist? Nichts anderes, als daß man sich wieder aus das Wesen des Judenthums besinnt und stützt. Dazu aber gehört nach unserem Dafürhalten nicht mehr und nicht weniger als ein Dreifaches, das »vir in aller Kürze jetzt charakterisiren wollen. Das erste und wess-ntlichste Moment ist der Gottesgedanke, die Einheit und Reinheit desselben. Der Gott, wie Israel ihn lehrt, ist einzig und ewig unkörperlich, rein geistig und dennoch persönlich, heilig und vollkommen, erhaben über Raum und Zeit, über Natur und Menschenwelt und dennoch über sie herrschend und in sie eingreifend, bald mit gerechtem Zorn, bald mit gnädiger Liebe, unfaßbar für menschliche Gedanken, aber zugänglich für menschliche Gebete, kurz die körperlose Verkörperung des Höchsten, wozu der Geist sich ausschwingen kann.